LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Zur Schul-„Rentrée“: Minister Claude Meisch erläutert die Neuerungen - und zieht Bilanz

Wir haben es fertig gebracht, das ganze Bildungssystem in Bewegung zu setzen. Aber nicht von oben herab, sondern von unten herauf“, bilanzierte gestern Bildungs- und Jugendminister Claude Meisch die Reformen der letzten Jahre. Dank dieser Herangehensweise würden die Reformen auch breit getragen und es herrsche über vieles sogar politischer Konsens.

Die Vorwürfe der Lehrergewerkschaft SEW/OGBL vom Vortag, es mangele an Dialog, das Vertrauen der Lehrer und Eltern ins öffentliche Schulsystem sei angeknackst und im Bildungssystem werde ein schädlicher Konkurrenzkampf angefacht, kann der DP-Politiker nicht nachvollziehen. „Es ist schwierig, auf etwas zu reagieren, was man nicht fassen kann“, sagte Claude Meisch. Dass das Vertrauen in die öffentliche Schule alles andere als erodiert, würde etwa das steigende Interesse beweisen. Die Zahl der Einschreibungen an Privatschulen stagniere derweil.

Die zusätzlichen Mittel, die dem Schulbetrieb zur Verfügung gestellt werden, würden durchaus begrüßt und das Interesse für die Reformen und deren Umsetzung sei groß, führte er weiter aus.

Dass in den diversen Wahlprogrammen der Parteien für die Parlamentswahlen am 14. Oktober nicht grundlegend in Frage gestellt werde, was in den letzten Jahren im Bildungsbereich geleistet wurde, fasst er als Bestätigung für die durchgeführten Reformen auf.

Dass aber die Debatte über die künftige Ausrichtung des Bildungssystems weiter geführt werden müsse, sei selbstverständlich. Der Minister selbst hatte deshalb schon vor Monaten einen „Bildungstisch“ vorgeschlagen.

An ihm sollen Lehrer, Schüler, Eltern, Vertreter der Wissenschaft, der Zivilgesellschaft und des Parlaments in aller Sachlichkeit einen Konsens über die wichtigsten bildungspolitischen Vorhaben erarbeiten, wie es im DP-Wahlprogramm heißt.

„Wir sehen heute die Früchte der Arbeit der vergangenen Jahre. Wir sehen, dass sich das Bildungswesen nachhaltig verändert hat. Der Umbau der Bildungslandschaft geht weiter“, erklärte ein zuversichtlicher Claude Meisch, der seine Pressekonferenz im „Forum Geesseknäppchen“ unter das Motto „Le développement dans la continuité“ gestellt hatte.

Abschließend wünschte er allen Schülern und Schülerinnen einen gelungen Start ins neue Schuljahr. Für die allermeisten der eingeschriebenen 56.415 Grundschüler und 47.966 Sekundarschüler beginnt am Montag wieder der Ernst des Lebens.

Die hauptsächlichen Neuerungen in zehn Punkten

1. Mehr Unterstützung für Familien Im Herbst 2017 waren die 20 kostenlosen Betreuungsstunden in Kinderhorten eingeführt worden. Seit dieser „Rentrée“ sind die Schulbücher für Schüler im Sekundar- und Berufsunterricht gratis. Das bedeutet laut Ministerium eine Einsparung von 300 bis 400 Euro pro Schülerbudget. Schüler, die gebrauchte Bücher benutzen, bekommen übrigens einen Gutschein im Wert von 50 Prozent der Bücher, die sich nicht neu bestellen.

2. Diversifizierung des Schulangebots In Clerf öffnet das „Lycée Edward Steichen“ seine Türen, in Mondorf die „Ecole Internationale“. So würden „weiße Flecken“ in der Lyzeumslandschaft abgedeckt, sagte der Minister, der sich darüber freute, dass in dieser Legislatur insgesamt vier neue Lyzeen eingeweiht werden konnten, so viele wie nie zuvor. In Clerf, Mondorf und im „Lënster Lycée“ gibt es fortan auch Europaklassen. Während im klassischen Unterricht einige Sektionen angepasst wurde - im „Lycée Classique d‘Echternach“ gibt es so etwa auf der A-Sektion einen Zweig „Medienerziehung“ - wurden im allgemeinen (früher technischer) Unterricht neue Sektionen eingeführt. Etwa „gestion de l‘hospitalité“ in der Hotelschule oder „sciences environnementales“ im Ettelbrücker Lyzeum. In der Berufsausbildung hält das „blended learning“ Einzug: die vorbereitenden Kurse auf höhere Studien in der Technikerbranche können so zu 75 Prozent übers Internet absolviert werden. Während Grundschulen und Lyzeen nun ihre Schulentwicklungspläne umzusetzen beginnen, die im vergangenen Jahr ausgearbeitet wurden, gibt es auch neue BTS-Diplome: in „hospitality management“, „game programming and game design“, „game art and game design“, „Internet of things“ und „cloud computing“.

3. Unterrichts- und Lernqualität Die wichtigste Neuerung ist hier die Einführung des didaktischen Materials „Salut, c‘est parti“, um sich ab dem Zyklus 2.1 in der Grundschule spielerisch dem Französischen anzunähern. Das Wissen über Luxemburg und seine Kultur wird durch diverse Plattformen gefördert, wie „Lucilin“, „Kulturgeschicht.lu“ oder „Kulturama“. Eingeführt wird auch ein Tag des kulturellen Erbes, der jährlich zwischen dem 1. und 14. Juli stattfinden soll. Fällt der Pfingstdienstag nicht in die Schulferien, wie das 2019 der Fall sein wird, findet die Veranstaltung auf jeden Fall an Pfingstdienstag, dem Tag der Echternacher Springprozession statt. Ferner nehmen bei dieser „Rentrée“ nehmen die acht Programmkommissionen in der Grundschule sowie der Nationale Programmrat ihre Arbeit auf.

4. Modernisierung der Lyzeen In den unteren Klassen der Sekundarstufe (6e ESG und 5e ESG) gibt es nun Grundkurse und weiterführende Kurse in Sprachen und Mathematik. Das ermöglicht es, den Unterricht auf das Niveau des Schülers abzustimmen. „Es geht darum, seine Stärken zu stärken und sie nicht durch seine Schwächen zu blockieren, erklärt Claude Meisch. Alle Schulen seien bereit für diese Herausforderung. Neues gibt es auch beim Abschlussexamen: Künftig stehen hier nur mehr sechs geschriebene Prüfungen und zwei Oralexamen auf dem Programm.

5. Entwicklung des außerschulischen Angebots im Lyzeum Die Lyzeen sollen in Richtung Ganztagsschule entwickelt werden. Ab dieser „Rentrée“ verfügen die Sekundarschulen schon mal über einen eigenen Dienst um Rahmenaktivitäten für die Schüler anzubieten. Insgesamt 35 Erzieher wurden eingestellt, um das zu gewährleisten.

6. Betreuung von Schülern mit spezifischen Bedürfnissen Es gibt nunmehr neun Kompetenzzentren für Schüler mit spezifischen Bedürfnissen, davon vier neue (Dyslexie, Dyskalkulie und Dsypraxie, Hochbegabte, Verhaltensgestörte und die Agentur für die Begleitung zu einem autonomen Leben). Um die 230 zusätzliche Fachleute für Inklusion seien in den letzten Jahren eingestellt worden, um Schüler mit besonderen Bedürfnissen zu begleiten.

7. Psycho-soziale Begleitung im Lyzeum Der neue Rahmen für die „Services psycho-sociaux et d‘accompagnement scolaires“ ist in Kraft. Sie sollen auch an der Verbesserung der Lernbedingungen mitarbeiten.

8. Hilfe für Kinder und Jugendliche Mit der „Rentrée“ nehmen sechs regionale sozio-therapeutische Zentren mit insgesamt 50 Plätzen ihre Arbeit auf. Sie begleiten Kinder intensiv, die mit besonders schweren Verhaltensstörungen zu kämpfen haben.

9. Pädagogische Qualität in der Kinderbetreuung Der Rahmen, der die Betreuungsqualität bei sämtlichen Betreuungsprofis (822 Kinderhorte, „Maisons Relais“ etc. und 623 Tageseltern), die am „chèque-service accueil“ hängen, ist in Kraft. 25 regionale Agenten sollen die Umsetzungsprozess begleiten. Ab dem 1. Januar 2019 gibt es auch „Mini-Crèches“, die ein Maximum von elf Kindern aufnehmen dürfen.

10. Governance An den Start gehen in diesen Tagen das Observatorium für die Unterrichtsqualität, die nationale Elternvertretung, das nationale Kollegium der Lyzeumsdirektoren und der „médiateur scolaire“, der gemeinsam mit Schülern und Schulen Wege finden soll, um einem Schulabbruch vorzubeugen.