PATRICK WELTER

Der ägyptische Teil des arabischen Frühlings ist vorbei. Die weltlichen Kräfte Ägyptens haben die Schlacht um die Zukunft verloren, denn der „gemäßigte“ Moslembruder Mohammed Mursi hat sich als das Trojanische Pferd erwiesen, als dass er von vorsichtigen Beobachtern schon im Wahlkampf eingestuft wurde. Dem „gemäßigten“ Islamisten konnte es nicht schnell genug mit der Gesamtübernahme der Macht in Ägypten gehen: Die Verfassung mal schnell auf Scharia umbauen, die Gerichte entmachten und sich fix auf den Weg in den Gottesstaat machen. Soweit zum Thema „gemäßigter Islamist“.

Der fromme Mann handelte sich prompt die Bezeichnung „neuer Pharao“ ein. Keineswegs ein Ehrentitel, sondern der direkte Vergleich mit dem inhaftierten Dauerdiktator Hosni Mubarak. Mursi lässt keine bezahlten Schlägertrupps auf die los, die sich unter einem neuen Ägypten etwas anderes vorgestellt haben als Iran-light. Nein, er lässt nur seine frommen Brüder auf der Straße Richter und Politiker einschüchtern. Wobei man ihm nicht einmal nachsagen kann, dass nicht die Mehrheit der Bevölkerung hinter ihm steht. Die von den städtischen Eliten erträumte Liberalität wird dem ländlichen Ägypten ebenso schnurz wie egal sein.

Da der Begriff „gemäßigter Islamist“ ungefähr so realistisch ist wie die Hoffnung der gewesenen Jungfrau nur ein „bisschen schwanger“ zu sein, dürfte die Geschichte der ägyptischen Demokratie eine sehr kurze gewesen sein. Schade. Das Land, in dem vor 3.300 Jahren der Monotheismus erfunden wurde, ist mal wieder auf dem Weg in den Gottesstaat. Angesichts des Irrationalität, die derartigen Staatsgebilden eigen ist, ist ein wenig realpolitische Sorge angebracht.

Der Iran ist auch so was wie eine Demokratie, immerhin haben die Bürger die Wahl zwischen Super-Islamisten und Super-Super-Islamisten. Auf der andern Seite des Golfes haben wir die wahhabitischen Saudis, die eine mittelalterliche Staatsauffassung haben und Demokratie für systemgefährdend, wenn nicht unislamisch halten. Beiden Staaten sind die Allmacht der Religionspolizei und die Gängelung der Frauen gemein. Und nun die leicht umformulierte Gretchenfrage: „Heinrich, wie hältst du’s mit der Demokratie?“ Wer steht dir näher? Die formalen Demokraten in Teheran, deren Außenpolitik seit 30 Jahren von Paranoia geprägt ist oder die Feudalherren in Dschidda, die außenpolitisch nüchterne Realpolitiker sind? Heinrich, wem würdest Du Waffen verkaufen? Keinem von beiden! Sorry, die Antwort ist nicht zulässig, da irreal.

„Er mag ein Schweinehund sein, aber er ist unser Schweinehund!“ Dieser Satz, der Franklin D. Roosevelt zugesprochen wird, und seine Meinung über den -blutigen- nicaraguanischen Diktator Anastasio Somoza wiedergeben soll, ist die nackte und kalte Grundmaxime dessen was man „Realpolitik“ nennt. Ein Begriff auf den die Moralisten angewidert, die Realisten achselzuckend und die Zyniker mit einem fröhlichen „That’s live“ reagieren.

Es mag moralisch sein, den Saudis keine Panzer verkaufen zu wollen, angesichts der nachwachsenden Mursis ist es aber keine Option.