LUXEMBURG
DANIEL OLY, MARCO MENG

Künstliche Intelligenz mit menschlichem Faktor - Gesprächsrunden auf der ICT Spring

Künstliche Intelligenz ist nicht neu; schon in den Fünfzigern, dann wieder in den Siebzigern und Achtzigern und zuletzt zur Jahrtausendwende gab es regelrechte KI-Booms. Meist scheiterte es an der Rechenleistung, die erst in den vergangenen Jahren regelrecht explodierte. Dennoch ist der KI-Boom nicht neu - da waren sich die Redner der ICT Spring-Rundtischgespräche und Podiumsdiskussionen sicher - und dennoch entwickelt sich die Technologie zunehmend zum „holy grail“.

„Für uns ist KI eindeutig das Grundthema des Jahres“, meinte Gerard Hoffmann, Präsident von ICT Luxembourg, in seinen einleitenden Worten am gestrigen Mittwoch. „Die Trends dazu kommen eindeutig aus China und den USA, und deshalb müssen wir uns ebenfalls stark damit befassen, um nicht auf der Strecke zu bleiben.“ Mit starken Entwicklungen wie teilautonomen Fahrzeugen, smarten Lautsprechern und den Assistenten von Google, Amazon und Co. sei KI inzwischen so präsent in unserem Alltag wie nie zuvor. „Auch in Luxemburg gibt es daher viele einzelne Unternehmen, die sich verstärkt mit dem Thema befassen; das wird über die kommenden Jahre nur stärker wachsen“, war sich Hoffmann sicher.

Chance oder Gefahr?

Im Raum stand deshalb auch die Frage, ob eine KI eine Chance für die Wirtschaft und die Menschheit sei, oder eher zur Bedrohung werden könne. „Ohne die nötigen Regeln stellt sich diese Frage sicherlich“, meinte etwa Marc Payal, Präsident der „Association des Professionels de la Societé de l’Information“ (APSI). Dennoch öffne die KI völlig neue Möglichkeiten für Unternehmen, mit Kunden zu interagieren oder ihr Geschäft zu führen. Dabei sei es wichtig, dass alle Beteiligten die nötige Ausbildung erhalten, weshalb die Teilnehmer der Podiumsdiskussion, bestehend aus dem APSI-Präsidenten Payal, Fedil-Vorstandsmitglied Vincent Lekens, „Finance and Technology Luxembourg“-Vorstandsvorsitzendem Jean-François Terminaux und Marc Hemmerling der Bankengemeinschaft ABBL, die Bemühungen von Akteuren wie dem Staat, konkret in die Weiterbildung zu investieren. „Das wird die große Herausforderung werden: Wie können wir die Kompetenzen vermitteln und übertragen“, meinte Hemmerling. Gelingt dies, sei KI defintiv eine gewaltige Chance, deren Einfluss auf Wirtschaft und Gesellschaft schwer wiegen könne. Eine Studie über die Auswirkungen der neuen Wirtschaftsrevolution, der Digitalisierung und des KI-Booms werde derzeit durchgeführt und ihre Resultate würden hoffentlich bald vorgestellt, erklärte Vincent Lekens der Fedil.

Alle Zeichen deuten für die KI demnach auf einen Erfolg. Deshalb gelte es zuerst, mit Mythen aufzuräumen: „KI-Forschung und -Entwicklung ist nicht ein Feld für sich, es ist interdisziplinär“, meinte die KI-Expertin Dr. Emilia Tantar, Senior Manager von PwC Luxembourg, in ihrer Präsentation. „Außerdem gibt es keine universelle KI-Lösung. Stattdessen gibt es hunderte Varianten, wie ,Deep Learning‘, die für unterschiedliche Probleme eine Lösung bieten.“ Die wichtigste Lektion: „Maschinelles Lernen geht nicht von alleine, es muss gefüttert werden“, meinte Tantar. „Menschen sind deshalb als Schnittstelle unersetzbar.“ Deshalb rät sie den Unternehmen, sich nicht nur eine KI-Lösung zuzulegen, weil es gerade in Mode zu sein scheint. „Überlegen Sie sich, wie es mit Ihrem Geschäftsmodell zusammen passt“, sagte Tantar. Und, sehr wichtig: „Setzen Sie auf verantwortungsvolle KI“, denn alles andere habe schwerwiegende Folgen für das Image des Unternehmens. „KI ist keine Magie - sie ist keine einfache Lösung, die nicht überwacht werden muss. Menschlicher Input und Kontrolle werden immer wichtig bleiben“, betonte sie. 

Wenn Maschinen lernen: Künstliche Intelligenz - Chancen mit Nebenwirkungen

Mit „Deep Thought“ fing es an: Der Schachcomputer verlor zwar noch 1989 gegen Schachweltmeister Garri Kasparow; der Weiterentwicklung „Deep Blue“ von IBM aber musste sich Kasparow gleich zweimal geschlagen geben: Der Computer spielte nämlich nicht nur vorprogrammierte Partien, sondern konnte selbst abwägen, welche Zugfolgen je nach Situation die besten sind. Inzwischen aber sind wir noch viel weiter: Heutige Prozessoren erlauben es, mit jeder Partie, mit jedem Zug „schlauer“ zu werden. Das ist das Wesen der „Künstlichen Intelligenz“ (KI), wie wir sie heute verstehen. Denn sprach man vor zwanzig Jahren noch von „künstlicher Intelligenz“, wenn man einen Roboter programmierte, so versteht man heute darunter Computer, die einmal programmiert werden, aber selbstständig dieses Programm durch „Erfahrung“ erweitern. So können beispielsweise in der Industrieproduktion nicht nur Prozesse automatisiert werden, mittels „deep learning“ bietet der Roboter bald die optimale Produktion, ja Maschinen mit künstlichem Gehirn können sich schon selbst reproduzieren, wie Shamus Rae, zuständig für „Innovation and Investments“ bei der Unternehmensberatung KPMG UK, am Dienstag auf der „ICT Spring“ in Luxemburg erläuterte. Der „kluge Staubsauger“, der weiß, wann er zu saugen hat und wo besonders, ist da die leichteste Übung einer KI. Leicht zu verstehen, dass der Wandel hin zu „kognitiver Automatisierung“ aber unweigerlich mit einer bedeutenden Umwälzung der Arbeitswelt einhergeht: Denn mit KI wird der Staubsauger in absehbarer Zeit schon zur vielseitigen Haushaltshilfe, die weit mehr als nur Staub saugen kann.

Arbeitswelt ändert sich dramatisch

„47 Prozent der Bürojobs könnten innerhalb von zehn Jahren durch robotische Prozesse ersetzt werden“, erläutert Shamus Rae. Das stellt Unternehmen und Unternehmenslenker vor Herausforderungen, denn die Tätigkeit der Zukunft wird von mehr Kreativität geprägt sein, so Rae. Unser Bildungssystem muss Rae zufolge darum den Trend aufnehmen, denn KI wird nicht nur in großen Unternehmen Fuß fassen, auch in kleinen Unternehmen, ja überall. 

Die Veränderungen, die gerade im Technologiebereich vonstatten gehen, sind enorm, und sie sind exponentiell. Hätte jemand vor fünf Jahren von selbstfahrenden Autos gesprochen, hätte man ihn für verrückt gehalten. Heute ist es eine absehbare Realität. Ob es in 20 Jahren noch Taxi- oder Lastwagenfahrer gibt, ist alles andere als gewiss. So war auch beim letzten Treffen des Weltwirtsachaftsforums in Davos ein großes Thema, wie die Zukunft der Arbeit angesichts von selbstlernenden Maschinen aussieht. Selbst die Medien und der Medienkonsum ändern sich dadurch: Denn waren früher alle Arten von Nachrichten in Zeitungen integriert, haben Google und Facebook das geändert. Dieser ganze Wandel, der Geschäftsmodelle ändert, schafft auch neue Möglichkeiten und neue Märkte. Birgt aber auch Risiken. Gary Bolles von der Singularity University meinte deswegen auf der „ICT Spring“: „Arbeiten heißt, mithilfe unserer Fähigkeiten Probleme lösen. Nicht nur auf die Zukunft vorbereitet zu sein, sondern selbst die Zukunft zu sein, ist jetzt die größte Möglichkeit.“ 

Die Grenzen des Machbaren

„China hat angekündigt, bis 2024 führend im Bereich der KI werden zu wollen, und Putin sagte, wer immer das Rennen um Künstliche Intelligenz gewinnt, wird die Welt regieren“, sagt Rae. Das Thema ist also nicht nur ein technisches oder wirtschaftliches. Premier Xavier Bettel meinte darum auch auf der Eröffnung der „ICT Spring“ am Dienstag, Digitalisierung solle „nicht uns geschehen, sondern für uns geschehen“.

Kluge Maschinen können überall eingesetzt werden, in der Produktion, der Dienstleistung. Humanoide Roboter werden heute schon in der Pflege eingesetzt - freilich nicht so weit „humanisiert“, dass sie von den zu Pflegenden als Menschen wahrgenommen würden. Doch Roboter, bei denen wir kaum noch wissen, ob wir es mit einem Menschen oder einer Maschine zu tun haben, sind bereits möglich. Wollen wir das? Roboter als Kriegswaffe, als Supersoldaten sind in der Erprobung. Hier stößt KI auf eine ethische Grenze, denn als erste menschgemachte Technologie könnten wir sie ab einem gewissen Punkt nicht mehr kontrollieren oder gar verstehen. Wenn Maschinen so klug werden, dass nur sie selbst bessere Versionen ihrer selbst bauen können, ist der Mensch ihnen ausgeliefert. In Science Fiction-Filmen der 1970er und 80er-Jahre wurde dieses Problem zuweilen behandelt: Die Maschine ist klüger als der Mensch und braucht ihn nicht mehr. Hier gilt es nach Meinung von Experten, heute schon die Weichen zu stellen.

Foto: privat - Lëtzebuerger Journal
Foto: privat

„KI soll dem Menschen nutzen“: Vom Fluch und Segen der technischen und kommerziellen Möglichkeiten

Wie er die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz sieht, verriet uns Radu State, Leiter der Forschungseinheit SEDAN (Service and Data Management) des SnT der Universität Luxemburg. 

Warum spricht man derzeit so viel von Künstlicher Intelligenz?

Radu State Das Thema ist ja eigentlich kein neues, aber es gab in der letzten Zeit zum einen einen technologischen Durchbruch mit superschnellen Prozessoren, die mehr Operationen pro Sekunde durchführen können als je möglich war, was erlaubt, verschiedene Algorithmen wirklich zu nutzen, zum anderen gab es einen kommerziellen Durchbruch durch Firmen wie Google. Das macht „Deep learning“ (Selbstlernprozesse d. R.) möglich, aber vieles befindet sich noch in der Versuchsphase.

Gleichzeitig spricht man von der Digitalisierung der Wirtschaft…

State Digitalisierung verändert vieles. Vor wenigen Jahren hätte auch niemand selbstfahrende Autos für möglich gehalten. Es gibt sie aber schon, und sie fahren sicherer als Menschen. Menschen können sich also auf wichtigeres konzentrieren als aufs Autofahren. Ähnlich in der Arbeitswelt, wo monotone Arbeiten, bei denen Menschen zu Fehlern neigen, von Maschinen übernommen werden, während der Mensch sich Kreativerem zuwenden kann. 

Eine Gefahr und Chance zugleich?

State Genau. Ginge es nur darum, dass Maschinen etwas schneller machen und deswegen Menschen ihre Arbeit verlieren, wäre das schlecht. Die Wert der KI besteht darin, dem Menschen zu nutzen.

Wo ist aber die Grenze der Selbstlernprozesse von Maschinen?

State Wir sind noch sehr weit davon entfernt, dass Maschinen so klug werden, dass sie die Herrschaft übernehmen. Eine Gesellschaft basiert auch nicht nur auf Algorithmen, denn letztendlich wichtig sind Emotionen und Empathie, Eigenschaften, die uns als Menschen ausmachen.