LUXEMBURG/MENLO PARK
LJ MIT DPA, AP UND AFP

Facebook-Skandal: CEO Mark Zuckerberg gelobt mehr Datenschutz vor dem US-Senat und -Kongress

Millionen reingelegter Nutzer 

Worum es bei dem rezentesten Facebook-Skandal geht

Die Enthüllung, dass einige Informationen Dutzender Millionen Facebook-Nutzer schon vor Jahren unrechtmäßig einer Datenanalyse-Firma in die Hände fielen, hat Facebook in eine tiefe Krise gestürzt. Seit Mitte März versucht Gründer und Chef Mark Zuckerberg, die Nachbeben des Datenskandals unter Kontrolle zu bekommen. Am Dienstag stand er erstmals im US-Senat Rede und Antwort, gestern musste er im zuständigen Ausschuss des US-Kongress aussagen. Im Mittelpunkt des Skandals stehen Facebook-Daten von bis zu 87 Millionen Nutzern, die mit der britischen Datenanalyse-Firma Cambridge Analytica geteilt wurden, die unter anderem für das Wahlkampfteam des heutigen US-Präsidenten Donald Trump gearbeitet hatte.

Psychologie-App als Datenstaubsauger

Ein Wissenschaftler, der angab, eine Studie zu Persönlichkeitsmerkmalen durchführen zu wollen, für die er 2014 eine Umfrage-App entwickelt hatte, hatte die Daten der Teilnehmer und ihrer Freunde - offenbar unrechtmäßig an Cambridge Analytica weitergereicht. Rund 270.000 Nutzer weltweit hatten sich an der Umfrage beteiligt. Facebook wusste seit Ende 2015 davon, aber verließ sich auf die Zusicherung, dass die Daten vernichtet worden seien und informierte die Nutzer damals nicht.

Die Enthüllung dieser Umstände durch einen Ex-Mitarbeiter von Cambridge Analytica Mitte März löste einen Sturm der Empörung aus. Politiker sowohl in Europa als auch in den USA forderten eine schärfere Regulierung beim Datenschutz im Internet. Die britische Datenschutz-Behörde ließ Daten bei Cambridge Analytica beschlagnahmen - ein Nebeneffekt davon ist, dass Facebook immer noch nicht sagen kann, um welche Informationen genau es geht.

Facebooks Gründer und Chef Mark Zuckerberg war erst tagelang von der Bildfläche verschwunden - und ging dann auf eine Entschuldigungs-Tour, die offensichtlich noch nicht abgeschlossen ist. Aber Facebook ließ auf die Fehler-Eingeständnisse auch schnell Taten folgen. Der Zugang von App-Entwicklern zu Nutzerdaten wurde eingeschränkt. Die Möglichkeit, nach Nutzer-Profilen über E-Mail-Adressen oder Telefonnummern zu suchen, wurde abgeschafft - Facebook räumte ein, dass über diese Funktion vermutlich die öffentlich zugänglichen Informationen der Mehrheit der Nutzer abgesaugt wurden.

Nutzungsbedingungen angepasst

Facebook will künftig bei der Personalisierung der Werbung auch nicht mehr auf Informationen externer Datenhändler zurückgreifen. Wer Anzeigen zu politischen Themen schalten will, muss Identität und Standort bestätigen - das soll Manipulationen wie Propaganda aus Russland im Präsidentschaftswahlkampf 2016 verhindern. Zudem wurden die Nutzungsbedingungen in einem seit langem geplanten Schritt an die EU-Datenschutzgrundverordnung angepasst, was Mitgliedern weitere Instrumente zum Schutz ihrer Privatsphäre gab. Es ist nicht das erste Mal, dass Facebook im Visier wegen Datenschutzverletzungen steht. Immer wieder griff Chef Mark Zuckerberg auf die „Mea Culpa“-Strategie zurück. Ob das diesmal reicht? 

Vom Nerd zum Milliardär: Facebook-Gründer Mark Zuckerberg

Total ehrlich, Du

Er hat immer noch ein Milchbubigesicht, das selbst bei Entschuldigungen an Millionen von Menschen etwas leer und abwesend wirkt. „Bringing the world closer together“ lautet sein Motto. Das wirkt naiv und hohl, insbesondere angesichts des Datenskandals. Dabei gilt der 33-jährige als hochintelligent und sozial engagiert, als liebevoller Familienvater und auch als arroganter Chef im ewigen Studentenlook mit Kapuzenpulli. So wirkte sein Auftritt im Anzug fast verkleidet. Der Sohn eines Zahnarztes und einer Psychiaterin wuchs mit drei Schwestern im Norden von New York auf und programmierte schon mit elf Jahren. Auf der High-School interessierte er sich für griechische Sagen, Sprachen und Naturwissenschaften. Der ausgezeichnete Schüler lernte Französisch, Hebräisch, Latein und Altgriechisch. Mit 19 schaffte er es an die Eliteuniversität Harvard, wo er Informatik und Psychologie studierte. 2004 gründete er mit drei Kommilitonen Facebook, nachdem er zuvor Ärger wegen einer frauenfeindlichen Seite bekommen hatte, für die er Fotos von Kommilitoninnen gehackt hatte. 2006 verließ er Harvard ohne Abschluss, erhielt aber 2017 die Ehrendoktorwürde der Elite-Uni. Bereits 2006 bot Yahoo ihm Milliarden für Facebook. Zuckerberg lehnte dieses Angebot genau wie alle anderen ab. Bis 2011 hatte er mit millionenschweren Rechtsstreitigkeiten wegen Diebstahls geistigen Eigentums zu kämpfen. Der Atheist glaubt jedoch vor allem an sich und seine Idee, das Leben der Menschen zu durchdringen. Dabei zeigt er oft eine gewisse Blindheit, wenn es um die Durchsetzung seiner Wünsche ging. Heute halten ihm Kritiker gerne vor, dass er Nutzer mit 19 Jahren in Harvard noch Idioten – „dumb fucks“ nannte, weil sie ihm ihre Daten anvertrauten. Das tut ihm heute leid, wie so vieles. An die Börse ging er erst 2012. Da war er schon der jüngste Selfmade-Milliardär der Welt und gilt heute als Nummer fünf der Vermögenden weltweit. Seinem Vorbild Bill Gates eiferte er nach, in dem er zum Philanthropen wurde und 2012 gut 500 Millionen Dollar an eine Stiftung für Gesundheit und Bildung spendete, bevor er 2016 ankündigte, in zehn Jahre drei Milliarden Dollar gegen Krankheiten zu spenden. Der mit seiner Frau gegründeten karikativen Stiftung will er nach und nach fast das gesamte Facebook-Vermögen übertragen. 2010 erschien der Kinofilm „The Social Network“ nach dem Sachbuch „Milliardär per Zufall: Die Gründung von Facebook - eine Geschichte über Sex, Geld, Freundschaft und Betrug“, der Zuckerberg als unreif, illoyal und sehr ambitioniert darstellt, aber kein faktentreuer Dokumentarfilm sein will. Privat lernte Zuckerberg seine chinesischstämmige Frau Priscilla Chan angeblich in der Warteschlange vor der Toilette auf einer Party kennen und heiratete sie nach langem Zusammenleben 2012. Für sie lernte er sogar Mandarin. Er lebt zurückgezogen in Palo Alto, abgeschirmt und glücklich mit seinen 2015 und 2017 geborenen Töchtern Maxima und August, für die er Elternzeit nahm. Zuckerberg will zwar, dass Nutzer möglichst viel von sich preisgeben, ist aber selbst so zurückgezogen, dass Kritiker sagen, auf dem Account seines Hundes Beast erfahre man noch am meisten. Der 33-Jährige hält zwar nur 16 Prozent der Aktien, aber 60 Prozent des Stimmrechts und will auf jeden Fall Chef seines Unternehmens bleiben. Das wollen längst nicht alle Aktionäre. Die Pensionskasse der Stadt New York kritisierte ihn schon heftig. Er brauche einen unabhängigen Verwaltungsratspräsidenten. So geht es in dem Skandal für Zuckerberg um sein Lebenswerk und sein Ansehen – auch, wenn sie ihn nicht so einfach loswerden. Sorry guys.  CORDELIA CHATON

Im „Sorry“-Modus

Verantwortungs- und Besserungsgelöbnisse vor Senat und Kongress

Facebook-Chef Mark Zuckerberg ist glimpflich durch seine Marathon-Anhörungen im US-Senat und dem Kongress gekommen. Trotz verbalem Beschuss im Senat am Dienstagabend und im Kongress am gestrigen Mittwoch konnte sich Zuckerberg an den meisten Punkten beweisen. Im Mittelpunkt stand jedoch stets: Die Entschuldigung für den Datenskandal und die permanente Ankündigung von Nachbesserungen. Große Überraschungen gab es prinzipiell keine, große Zugeständnisse aber auch nicht.

- Er gestand abermals schwere Fehler ein und versprach strikteren Datenschutz. Er enthüllte zudem, dass Facebook-Mitarbeiter vom Sonderermittler Robert Mueller befragt wurden, der eine mögliche russische Einflussnahme im US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 untersucht. Er selbst sei nicht darunter gewesen, erklärte Zuckerberg - und war sich nicht sicher, ob er überhaupt darüber reden durfte.

- Facebook habe das Ausmaß seiner Verantwortung nicht erkannt, sagte Zuckerberg am Dienstag und hielt sich damit an eine vorab veröffentlichte Stellungnahme. „Das war ein großer Fehler. Es war mein Fehler.“ Detailfragen beantwortete er aber nicht direkt, sonder versprach, dass „sein Team“ nachträglich Kontakt zu den Senatoren aufnehmen werde. Etwa zur Frage, wie lange es dauert, bis alle Daten eines Nutzers entfernt werden. Facebook müsse eine „breitere Sicht“ auf seine Verantwortung in der Welt einnehmen.

- Er wies die Aussage zurück, Facebook lausche Gespräche der Nutzer ab, um ihnen passende Werbung zu zeigen, und nannte es eine „Verschwörungstheorie“. Zum Thema Datenschutz wich Zuckerberg aus und meinte, Nutzer hätten ohnehin volle Kontrolle über ihre Privatsphäre-Einstellungen. „Ihre Nutzerbestimmungen sind Mist“, meinte der Republikaner John Kennedy dazu. Zuckerberg hingegen nahm die Nutzer selbst stärker in die Verantwortung.

- Bei der Frage nach der Überwachung der Inhalte kündigte Zuckerberg an, bis Ende des Jahres 20.000 Mitarbeiter auf die Arbeit zur Kontrolle und Überwachung von als problematisch markierten Inhalten anzusetzen und den Prozess zu verbessern.

- Facebook-Anwendungen wie die der „Cambridge Analytica“-Plattform werden genauer geprüft, wenn sie größere Datensätze erhielten oder in Zukunft erhalten wollen. „Dafür werden wir auf vertrauenswürdige Dritte zurück greifen, damit wieder Vertrauen in unsere Plattform entsteht“, meinte Zuckerberg.

- Bei der Frage nach der Einflussnahme in Wahlen antwortete Zuckerberg, dass Facebook sich darauf konzentrieren werde. „Wir wollen dafür sorgen, dass so etwas nie mehr vorkommt“, unterstrich er.

- Interessant: Zuckerberg kündigte an, die durch die kommende Datenschutzregelung GDPR in Europa fällig werdenden Maßnahmen werden „weltweit eingeführt“.

Mehrere pikante Details ließen sich zwischen den Zeilen ebenfalls herauslesen, etwa die Option auf ein kostenpflichtiges Facebook ohne Werbung oder die Bekämpfung von „Hate Speech“-Inhalten durch Künstliche Intelligenz (KI). Er rechne damit, dass Software zur Sprachanalyse in fünf bis zehn Jahren soweit sein werde. Nicht nur der Republikanische Senator aus Nebraska, Ben Sasse, zeigte sich über diese Aussagen äußerst besorgt. Eine Umgebung, in der Meinungen durch automatisierte KI „bereinigt“ werde, sei „sehr gefährlich und töricht“. Zudem tat sich der Facebook-Chef gewohnt schwer dabei, den Begriff „Hate Speech“ wirklich konkret zu definieren.

Ins Straucheln geriet er ansonsten besonders am Dienstag zu Beginn der Anhörung, als er nicht auf die Frage nach seinem Hotel oder seinen Kurznachrichtenkontakten antworten konnte oder wollte. Das sei genau der Punkt, über den die Unterredung führe: Wo das Recht auf Privatsphäre beginne und ende, merkte der Demokrat Dick Durbin an.

-Zuckerberg ist übrigens persönlich von dem aktuellen Datenskandal bei dem Online-Netzwerk betroffen. In einer Anhörung im US-Kongress gestern sagte er auf eine entsprechende Frage, dass auch seine Informationen an das umstrittene Datenanalyse-Unternehmen Cambridge Analytica gegangen seien. Weitere Details dazu gab es zunächst nicht.

-Interessant war auch folgende Aussage des Facebook-Chefs: es sei „unvermeidbar, dass es irgendeine Art von Regulierung geben wird“sagte er gestern. Abgeordnete sollten aber bei Vorschlägen vorsichtig sein, sagte er. Größere Unternehmen wie Facebook hätten mehr Ressourcen, um sich an Vorschriften zu halten, als kleine Start-ups.

Facebook in Luxemburg: Über 300.000 aktive „User“?

Hohe Nutzerzahl

Monatlich nutzen 2,13 Milliarden Menschen Facebook, 1,4 Milliarden davon sogar täglich, sagt das Unternehmen selbst. In Europa sollen mit fast 310 Millionen mehr als die Hälfte der Bevölkerung bei Facebook sein. Und in Luxemburg? Laut Erhebungen nutzen 97 Prozent der Bevölkerung das Internet, und nach einer Umfrage von TNS Ilres von letztem Jahr gaben 80 Prozent der Befragten an, Facebook zu nutzen. Das „Journal“ wollte es genauer wissen und kontaktierte Facebook mit der Frage: „Können Sie uns mitteilen, wie viele Nutzer Facebook in Luxemburg hat respektive wie viele Facebook-Seiten in Luxemburg registriert sind?“ Zudem wollten wir auch wissen, um wieviel die Zahl der Nutzer im Großherzogtum im Zuge des Datenmissbrauchs durch Cambridge Analytica abgenommen hat. Die Antwort von Facebook Benelux eher enttäuschend: „Was Cambridge Analytica betrifft können wir sagen, dass  eine App in Luxemburg runtergeladen wurde und maximal 2.645 Nutzer möglicherwiese von Cambridge Analytica betroffen sein könnten.“ Zur Nutzerzahl in Luxemburg meinte das Unternehmen, sie hätten diese Daten nicht - für einen Datenkonzern doch eine merkwürdige Aussage. Damit gab sich das „Journal“ nicht zufrieden, und sah sich „Zielgruppen-Insights“ für Werbekampagnen auf Facebook an: Dort ist die Zahl der monatlich aktiven Nutzer in Luxemburg mit 300.000 bis 350.000 angegeben, 51 Prozent davon männlichen Geschlechts. Die Gruppe der 25 bis 34jährigen stellt mit knapp 28 Prozent die größte Gruppe dar, gefolgt von den 35 bis 44jährigen (rund 25 Prozent) und den 18 bis 24jährigen (16 Prozent aller Nutzer). 65 Prozent der Nutzer werden in Luxemburg-Stadt registriert, sechs Prozent in Esch-sur-Alzette. 53 Prozent der Nutzer in Luxemburg greifen nur per Smartphone auf Facebook zu, 41 sowohl mit Handy als auch Computer, wobei die mobilen Zugriffe laut Facebook zu 43 Prozent mit dem iPhone geschehen. Aktive Nutzer? In jedem Börsenbericht nennt Facebook Zahlen zu den Nutzern. Wer eine Werbeanzeige bei Facebook schaltet, kann demnach in bestimmten Regionen eine bestimmte Anzahl von Menschen erreichen. Doch stimmen die angegebenen Zahlen? Verschiedene Untersuchungen dazu ergaben krasse Diskrepanzen:  So wird für die USA eine Reichweite von 65 Millionen Nutzern im Alter zwischen 20 und 29 Jahren angegeben, während dort aber nur 46 Millionen Menschen dieses Alters leben. Für die werberelevante Zielgruppe von 20- bis 29-Jährigen werbe Facebook in vielen Ländern mit mehr Reichweite, sagt das australische Werbebranchen-Portal „Adnews“ in einer Untersuchung. Bei seinen Reichweitenschätzungen bezieht sich Facebook auf Standortdaten. In Luxemburg zählen also auch Grenzgänger mit. Zudem dürfte es, nicht nur in Luxemburg, neben gefälschten Facebook-Profilen viele Doppel- und Dreifachprofile geben.   MARCO MENG