LUXEMBURG │ NORA SCHLEICH

Social Scoring Totale Überwachung – Sind Sie ein guter Bürger?

Im Kindergarten haben wir Sternchen erhalten, wenn wir brav waren und gut mitgearbeitet haben. Das Highlight der Woche war dann immer die Belohnung, die uns bei ausreichender Sternchenanzahl erwartete. Was für ein fruchtbares Motivationsprinzip, nicht wahr?

Nun bedarf es aber den strengen Augen eines Lehrers, nach dessen Schema sich ein derartiges Bewertungsprinzip bewerkstelligen lässt. Fällt dem Oberhaupt auf, dass jemand seine Spielsachen nicht ordnungsgemäß aufgeräumt hat, gibt es dann leider kein Sternchen, vielleicht sogar ein traurig blickendes Smiley die Hoffnung auf die Belohnung ist vertan. Stellen Sie sich vor, es würden Ihnen nicht nur Schokokekse durch die Lappen gehen, sondern sogar die Chance auf Karriere. So geschieht es derweil in China, doch greifen wir nicht vor.

Jeremy Bentham (1748–1832) war britischer Philosoph und gilt als Begründer des Utilitarismus. Das utilitaristische Prinzip besagt, in aller Kürze, dass der größtmögliche Gesamtnutzen als Legitimierung einer Handlung ausschlaggebend sei. Bentham entwickelte nun ein architektonisches Modell, nach dem die Überwachung von möglichst vielen Menschen durch möglichst wenige Überwacher vollzogen werden kann. In der Mitte befindet sich ein Beobachtungsturm, vom welchem aus alle Trakte in Strahlenform abgehen. Nach diesem Modell sollten Gefängnisse oder Fabriken gebaut werden, damit mit einer möglichst geringen Anzahl von Wärtern die ständige Überwachung von allen Gefangenen oder Arbeitern gewährleistet werden kann. Der Clou besteht nun darin, dass die Wärter im Dunkeln ‚lauern’, die zu Beobachtenden jedoch hell angestrahlt werden. Sie sehen nicht, ob sie gerade unter Beobachtung stehen, oder nicht. Gruselig, nicht wahr?

Der Franzose Michel Foucault (1926–1984) hat mit diesem Konzept die moderne Überwachungsgesellschaft beschrieben. Mehr Überwachungsdruck soll zu regelkonformen Verhalten und zu einer hochperformativen Disziplinargesellschaft führen.

Ständige Überwachung durch den Staat? In China gang und gäbe. Dort gibt es bereits das sogenannte Social Scoring: Ein allumfassendes Bewertungssystem, anhand dessen sich der Wert des Bürgers errechnen lässt. Soziale Punkte erntet, wer sich in Sachen Lebensführung der Norm entsprechend verhält: Die Gesetze werden respektiert, man wird nicht zu oft in den Krankenhäusern vorstellig, man verkehrt nicht in regierungskritischen Kreisen, und so fort. Alles wird in riesigen Datenbanken erfasst, welches nur möglich wird, wenn der Staat mit diversen Konzernen zusammenarbeitet. Ein akzeptabler Score gilt ab 350 Punkten aufwärts, wer drunter liegt, riskiert gern schon mal seine Karriere.

Klingt nach ferner Sience Fiction, sagen Sie? Wo denken Sie hin. In Deutschland gibt es bereits den Kreditscore, alias Schufa, und bei AirBnb richten wir uns nach dem Vermieterscore. Ohnehin zeigt unser gesamtes digitalisiertes Leben bereits auf ein allumfassendes Bewertungssystem hin. Krankenkassen erheben Daten, die unseren Lebensstil schildern, unser smartes Zuhause liefert Informationen dazu, wann und wie wir daheim verkehren. Hiermit lässt sich bereits ein wunderbares Bild von Ihnen fertigen. Doch auch unser Leben in Social Media zeugt von einem inhärenten Bewertungsprinzip: Likes und Follower, sind dies nicht auch Scores? Werden wir nicht direkt zum Bewerter und Bewerteten? Ohne, dass irgendeine weitere Instanz sich untergründig dieser Datenerhebung widmen müsste? Wir ergeben uns freiwillig diesem Zwang, indem wir uns am Geschäftsmodell der ständigen Datenvermittlung beteiligen. Die digitale Welt ist doch so bequem und fortschrittlich, da gibt man die Daten doch gerne her. Mitunter kann nun jeder jeden bewerten, jede Aktion wird kontrolliert, unser Verhalten dazu protokolliert. Wer kontrolliert eigentlich wen, und vor allem wie? Das Prinzip des Panoptikum wird zur Supervenienz.

Schnell wird aufgeschrien, wenn China mit dem Social Scoring die so oft deklinierte Würde des Einzelnen zu untergraben scheint. Aber über unser alltägliches Verhalten, das ein Bewertungssystem mit jeglichen erforderlichen Daten füttert, darüber wird hierzulande selten bewusst diskutiert. Ja, Google und Co. machen das große Geschäft, wenn sie nun auch die Nische des Scorings für sich entdecken und Algorithmen entwickeln, mit denen errechnet wird, warum mein Klick-Verhalten darauf schließen lässt, ob ich ein guter oder schlechter Bürger bin. Versicherungen und Krankenkassen werden gerne auf diese Dienstleistungen zurückgreifen, und auch der Staat nickt dankend in diese Richtung und verkauft dies als großes Bonus zur Überwachung der Kriminalitätsentwicklung.

Die totale Überwachung klingt immer so nach Konspiration, ist aber eigentlich bereits untergründig mitschwingend. Dem Sicherheits-, Vertrauens-, und Gesundheitsscoring steht auch in unserer vermeintlich aufgeklärten Welt nicht mehr viel im Weg, am allerwenigsten wir selbst, und es ist das, was uns hochschrecken lassen müsste. Die Verantwortung für unser eigenes Leben sollte uns mehr wert sein, als das schnell angeklickte Akzeptieren der allgemeinen Geschäftsbedingungen.