LUXEMBURG
LUC SPADA

Beim Italiener meines Vertrauens ist die Welt noch in Ordnung.

Hier läuft immer die gleiche Musik. Eros Ramazzotti, Cutugno, Nannini, Nek und wenn es mal ganz krass wird, erklärt dir Joe Cocker, wie wichtig Freunde sind. Die Pasta-Varianten haben seit Jahren nicht gewechselt: Arrabiata, irgendwas mit Salsiccia oder Großgarnelen. Allerdings schmeckt die Pasta immer etwas besser, wenn die Köchin sie kocht, die Chefin. Schmeckt wie bei Nonna, obwohl die Nonna hier doch eigentlich Ostfriesin und keine Nonna ist. Beim Koch variiert das Gekochte immer etwas nach Laune. Ein typisches Merkmal für ItalienerInnen und für das, was allgemein als authentische italienische Küche durchgeht. Alles ist immer etwas nach Lust und Laune. Und wenn die Laune nicht an ihrem Höhepunkt steht und das Essen demnach nicht besonders schmeckt, ist die Pasta, der Staat oder der Lieferant Schuld. Keine Wiederrede.

Dann kommt der Chef rein. Hierzu sollte ich erwähnen, dass der Chef dadurch erkennbar ist, dass er immer abwechselnd ins Lokal kommt und das Lokal wieder verlässt. Das ist seine Aufgabe. Raus geht er, um irgendjemanden zu begrüßen, der gerade vorbeiläuft, oder die Politessen zu beschimpfen, ob „die denn nichts Besseres zu tun haben“, als den ganzen Tag die armen Autoparker zu schikanieren. Rein kommt er, um Stammkunden eine Flasche Rotwein zu verkaufen. Damit die Stammkunden sich freuen.

„Die hat der Chef uns empfohlen.“, freuen sie sich.

Rotwein verkaufen oder sich ungefragt zu Gästen, oder, wie italienische Gastronomen sagen, Freunden, weil GastFREUNDschaft so wichtig ist, setzen und sie zulabern.

Wir sind auch Freunde und mir wird erklärt, warum DAS ALLES die Schuld der Amerikaner ist. Schon früher war das nämlich so mit DENEN und ob ich denn Berlusconi noch kenne? Das bejahe ich, immerhin habe ich die eine Dokumentation auf Netflix gesehen und Berlusconi, ja, wie soll man sagen? Es war nicht alles schlecht. Eigentlich allerdings: Alles Gauner. Klar.

Dann will ich natürlich wissen wie Bunga Bunga im Zusammenhang mit den Amerikanern steht und nach einer solchen Frage - eine Frage, die der Sache auf den Grund gehen möchte - folgt erstmal eine längere Pause. Ein intensiver Blickkontakt. Ein Glas Prosecco wird jeweils für uns beide bestellt. Aufs Haus, auch klar. Noch eine Pause. Ein Prost, ein Cheers. Es ertönt über uns, aus den Lautsprechern, ein Gitarrensolo von Santana (!!!), währenddessen parallel zu unserer Pause mit intensivem Blickkontakt eine Pasta zurück in die Küche muss. Der Kellner flucht. Der Chef hat’s mitbekommen, hält aber den Blick weiterhin mit mir.

Die Pasta war zu AL DENTE. Der Koch in der Küche flucht: „AL DENTE ZU AL DENTE WAS SOLL BEDEUTEN, IS AL DENTE ODER NICHT AL DENTE SOLL SUPPE BESTELLEN ODER WAS?“

„Alsooooo…hör mal zu… pass auf“, führt der Chef seine politische Exkursion fort.

Früher, als er nach Berlin kam, die Mauer, die Gastronomie, alles war anders. Deswegen, die Amerikaner. Ob ich verstehe? Ich verstehe nichts und proste mit ihm auf Italien. Plötzlich sieht Chef draußen die Politessen ankommen und steht abrupt auf und stürmt nach draußen…