ESCH/ALZETTE
SIMONE MOLITOR

Im „Service CARR“ bietet die APEMH ein Freizeitprogramm für Kinder und Jugendliche

Eine gut gelaunte Kinder- und Jugendgruppe empfängt uns an diesem Donnerstagnachmittag mit einem stimmungsvollen und gestenreichen Lied. Musikalisch wird es für einen Teil von ihnen in der nächsten Stunde auch weitergehen, während ein anderer Teil den Indoor-Spielplatz „Atomic Kids“ in Arlon besuchen darf. Wir sind zu Besuch im „Service CARR“ der APEMH auf dem „Nossbierg“ in Esch/Alzette, wo Kinder und Jugendliche mit einer geistigen Beeinträchtigung an den schulfreien Nachmittagen - während der Schulferien an fünf Wochentagen - ihre Freizeit zusammen verbringen. CARR steht für „Centre d’Activités, de Réadaptation et de Rencontres“.

Eine ähnliche Struktur gibt es seit 2013 im Norden des Landes. Die im Süden funktioniert bereits seit Ende der 1990er Jahre. Das Angebot geht indes weit über das hinaus, was man schlicht „Beschäftigungstherapie“ nennen würde. „Lernen, spielen und entdecken“ lautet vielmehr das Motto. Dazu gehören kreative Aktivitäten wie Basteln oder Malen genauso wie Bewegungsaktivitäten, etwa Schwimmen, Bowling spielen, Herumtollen auf dem Spielplatz oder gemeinsame Spaziergänge durch den angrenzenden Wald.

Mehr als nur eine „Beschäftigungstherapie“

Aus Jana platzt es gleich heraus, dass sie am Dienstag ihren 15. Geburtstag gefeiert hat. Stolz erzählt sie, welche Geschenke sie bekommen hat. Noch etwas schüchtern stellen sich die anderen Kinder und Teenager vor. Antonio wirkt nicht sonderlich begeistert. Er wäre gerne mit ins „Atomic Kids“ gegangen. „Auch das sind wichtige Momente, wo die Jugendlichen dann lernen, sich mit den Erwachsenen auseinanderzusetzen, wenn man so will. Für Antonio war an diesem Tag kein Platz mehr, aber es kommen ja noch weitere Gelegenheiten. Der Besuch im ,Atomic Kids‘ gehört nämlich zu den regelmäßigen Aktivitäten, die das ganze Jahr über auf dem Programm stehen“, erklärt uns Peggy Becker, Direktionsbeauftragte der „Services et Suivi à Domicile“.

Jedes Jahr wird neben den normalen wöchentlichen Aktivitäten auch ein großes Projekt definiert, an dem dann in verschiedenen Etappen gearbeitet wird. Das kann zum Beispiel eine Ausstellung sein oder ein Theaterstück. „Bei allen Aktivitäten spielt hier im CARR die Autonomie eine Rolle. Außerdem muss Bewegung drinstecken, Sprache und Kommunikation sind wichtig genau wie Kreativität. Die Kinder kommen nach der Schule zum gemeinsamen Essen her und bleiben dann bis 17.00 oder 18.00“, beschreibt Becker. In den Schulferien wird das Angebot auf Ausflüge in den Zoo nach Amnéville, auf die Eisbahn und so weiter ausgebaut. „Da bieten wir dann eher Aktivitäten an, die klarer in den Bereich Freizeitbeschäftigung fallen. Daran können sich auch Kinder oder Jugendliche beteiligen, die nicht zu den festen Gruppen gehören“, bemerkt sie.

Individuelle Fortschritte im Blick

Die jugendliche Gruppe, die wir an diesem Nachmittag begleiten, wurde inzwischen von zwei Erzieherinnen ins Musikzimmer gelotst, wo unterschiedliche Instrumente stehen. Während Ingrid Scamperlé vor einer großen Trommel Platz nimmt und den Takt angibt, weist Cécile Gillet die Jungs und Mädchen an, einen Kreis zu bilden, im Rhythmus mit den Füßen zu stampfen und in die Hände zu klatschen. Bei diesen festen Gruppen geht es klar darum, Fortschritte zu erzielen. Individuell wird geschaut, welche Aktivität welchem Kind am meisten bringt. Geht es darum, die Bewegung zu fördern, machen Besuche im „Atomic Kids“ besonders Sinn. Soll an der Kommunikation gearbeitet werden, ist die Beteiligung an einer anderen Aktivität eher im Interesse des Kindes. So gezielt wie möglich, wird auf die Bedürfnisse des Einzelnen eingegangen, damit er letztlich in seiner Entwicklung weiterkommt.

Angebot für alle Alterskategorien

Während sich die APEMH in ihren Anfangsjahren vornehmlich im Erwachsenenbereich engagierte, wurde der Fokus seit den 1990er Jahren gezielter auf die Interessen von Eltern mit jungen Kindern gerichtet. 1993 wurde eine erste inklusive Kindertagesstätte in Niederkorn eröffnet. „Als die Kinder größer wurden und ins schulpflichtige Alter kamen, stellte sich die Frage, welches Angebot während der schulfreien Nachmittage geschaffen werden könnte, um einerseits die Eltern zu entlasten und ihnen somit die Vereinbarkeit von Berufs- und Familienleben zu erleichtern, andererseits natürlich alle Alterskategorien abzudecken“, erklärt uns die Direktionsbeauftragte. Die APEMH setze sich aber auch dafür ein, dass sich die ordinären Strukturen für Kinder mit einer Behinderung öffnen. Im Idealfall könnten spezialisierte Antworten wie das „CARR“ irgendwann überflüssig werden, meint Becker, immerhin werde Inklusion immer größer geschrieben. Politisch habe sich diesbezüglich ein Wandel bemerkbar gemacht, lobt sie. Im Augenblick bestehe aber noch eine klare Notwendigkeit, den spezialisierten Bereich für Kinder und Jugendliche auszubauen.

„Unsere“ Gruppe ist mittlerweile zum Singen übergegangen. Jeder hat sich ein Instrument geschnappt. Danach steht noch ein gemeinsamer Spaziergang übers Gelände des „Centre Nossbierg“ auf dem Programm. „Wir versuchen immer, möglichst viel im Freien zu machen“, unterstreicht Becker. Jana hat wenig Lust, nach draußen in die Kälte zu gehen, kann es dann aber doch kaum erwarten, uns alles zu zeigen. Spaß hat an diesem Nachmittag jeder, sogar Antonio.