LUXEMBURG │ CHRISTINE MANDY

Über Kundenrezensionen und Online-Abstimmungen

Wem sind solche Wettbewerbe nicht geläufig: Die Akteure eines sozialen Netzwerkes werden aufgerufen, ein eigenes Werk, zum Beispiel ein Foto, Gemälde oder einen Text, hochzuladen und anschließend alle Einsendungen zu beurteilen. Es gewinnt, wer die meisten „Likes“ hat; immer seltener entscheidet eine Jury. Ebenso häufen sich die Hotel- und Restaurantbewertungen von „Amateuren“, die zum Teil ernster genommen werden als die der professionellen Kritiker – zu Recht?

Gretchenfrage des Know-hows

Es kann nun in Frage gestellt werden, dass der gängige „User“ auch die nötigen fachlichen Kompetenzen mitbringt und eine objektive Kritik gewährleistet werden kann. Der Einwand: Es würden zusehends für die Qualität irrelevante Kriterien ins Augenmerk rücken. Anders gesagt: Die Beliebtheit des Künstlers allein – wenn wir bei der Kunst bleiben – bestimme über dessen Erfolg.

Dem ist erstens zu entgegnen, dass eine hohe Anzahl unterschiedlicher Meinungen von der Quantität her ausschlaggebender sein muss als das Urteil einer drei- oder vierköpfigen Fachjury. Zweitens können den Beurteilenden nicht ohne Weiteres wichtige Kompetenzen abgesprochen werden. Meinungen verschiedener Personen dürfen nicht einfach gegeneinander abgewogen werden. Sicher kann es Kriterien geben, die jemanden als den geeigneteren Kritiker auszeichnen, aber die sind nicht unproblematisch. Zu nennen wäre hier das Alter, das aber bekannterweise nicht immer parallel zu geistiger Reife und Intellekt evolviert, oder der Bildungsgrad, ein rein formaler Kompetenzgarant, der keine Rückschlüsse darauf zulässt, wie lange sich eine Person wirklich mit einer Sache befasst hat. Erfahrung beziehungsweise die Summe der investierten Zeit in eine Tätigkeit wäre der wahre Maßstab, das lässt sich aber nicht messen. Will heißen: Jemand kann einen Master in Literatur absolviert haben und doch viel weniger Zeit mit Lesen verbracht haben als jemand, der nicht studiert hat.

Intuitives Wohlgefallen

Ist es zudem nicht so, dass reine Qualität allein heute nicht mehr ausreicht, beziehungsweise dass sie Synonym dafür geworden ist, dass etwas einem möglichst großen und breiten Publikum gefällt? Man kann darauf mit Naserümpfen reagieren, eigentlich muss man sich aber eingestehen, dass es das ist, worauf es wirklich ankommt. Das beste Werk ist eben nicht mehr das, hinter dem der größte Tiefgrund oder das größte technische Können stecken. Der Fokus rückt unter anderem auf Ästhetik und emotionale Ausdruckskraft. Können bedeutet, etwas zu schaffen, das von möglichst vielen intuitiv als schön und ansprechend empfunden wird und berühren kann. Wer nun denkt, damit würde der Anspruch zusehends nach unten geschraubt, weist auf ein tatsächliches Risiko hin, lässt aber die Herausforderung außer Acht, die damit einhergeht, ein solches beliebtes Werk zu kreieren. Aus dem Hut zaubern lässt sich das nämlich nicht. Einen Bestseller beispielsweise schüttelt man nicht aus dem Ärmel und es genügt nicht, eine ursprüngliche komplexe Idee und Sprache so weit zu vereinfachen, bis auch dem einfältigsten Leser beim ersten Durchblättern klar wird, worum es im Text geht. Ganz so banal und einfach zu ergründen ist das Geheimnis des Bestsellers dann doch nicht.

Einmal Erfolg, immer Erfolg, könnte man nun sagen. Wer sich einmal einen Namen gemacht hat, wird seine Werke eher unter die Menschen bringen. Ja, es mag sein, dass Bekanntheit von Nutzen ist, doch sie ist von einer gewissen Erwartungshaltung der Rezipienten begleitet und wenn diese nicht erfüllt wird, ist der Künstler schnell „weg vom Fenster“; die Stars und Sternchen am Promihimmel können schnell wieder verblassen. Man denke da vor allem an die „One Hit Wonder“ aus der Musikbranche. Da reicht es dann doch nicht aus, dass Mama, Papa, Oma und Opa die Platte kaufen, und so groß der eigene Freundeskreis auch ist, kann er allein das Ruder nicht rumreißen.

Kunst für jedermann

Ich will mich nun nicht für die falschen Ideale, falls es so etwas gibt, aussprechen und intellektuellen Anspruch für unwichtig erklären. Ebenso haben Fachjury und Kritiker nach wie vor ihre Daseinsberechtigung, Rolle und Aufgabe müssen lediglich überdacht und neu definiert werden. Ich will beleuchten, dass das Augenmerk bei der Kritik heute auf anderen Kriterien liegt, die eben nicht mit einem Fingerschnippen erfüllt sind. Ja, es mag sein, dass der Zufall und blöde Ideen manche Menschen zu Stars erheben. Aber der Großteil muss sich Erfolg immer noch mit Ausdauer und Geschick erarbeiten.

Ferner ist noch anzumerken, dass die Demokratisierung der Beurteilung nur logisch ist und die realen Begebenheiten widerspiegelt. Denn selbst, wenn eine Fachjury entscheidet, tut sie dies einmalig, danach wird das preisgekrönte Werk in die „große weite Welt“ entlassen und muss sich so oder so dem wertenden Daumen des breiten Publikums stellen, und ein Restaurant, in dem es nur dem Gastrokritiker schmeckt, wird wohl alsbald schließen müssen. Eine elitäre (Kunst-)Auffassung ist weder zeitgemäß noch angebracht; Kunst darf den Menschen nicht ausgeredet werden, als seien sie Kinder („das ist nichts für dich“), sondern muss ihnen im Gegenteil schmackhaft gemacht werden. Als Rezipienten wiederum werden sie unweigerlich zu Kritikern.