NEW YORK/LISSABON
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Musik- und Modeikone: Madonna wird 60

Jungfrau, Sexsymbol und Feministin, die der Musikindustrie ihre eigenen Regeln vorschrieb: Während viele Stars schnell verglühten, bringt Madonna seit 1983 mindestens alle vier Jahre ein neues Album heraus. Nach 335 Millionen verkauften Platten, sieben Grammys und mitunter polarisierenden Auftritten, ist Madonna auf dem Olymp des Pop nicht mehr wegzudenken. Als Chamäleon vom Dienst wechselte der Superstar zeitweise regelrecht exzessiv den Mode- und Musikstil. Heute wird Madonna Louise Ciccone 60. In ihrer bunten Welt aus melodischem Pop, Dance und Electro-Erotik ist sie eine Art erwachsenes Mädchen oder kindliche Frau geblieben, die die Regeln ihrer Karriere vollkommen selbst zu diktieren scheint. Sie gilt als erste Frau, die als Popstar die komplette Kontrolle über ihre Musik und das eigenes Image erlangte.

In den USA war Popmusik eine von Männern beherrschte Welt, als dem blonden Mädchen aus einem Vorort in Detroit, Michigan, der erste Hit gelang. „Everybody“ landete 1982 in den Dance-Charts auf dem ersten Platz, die folgenden Singles „Holiday“ und „Like a Virgin“ sind Pop-Klassiker. Im ironischen Titel „Material Girl“ klang bereits an, dass selbstbestimmte Frauen zum Leitmotiv in ihrer Laufbahn werden würden. Männer beherrschen den Markt auch heute, aber Madonna schlug darin eine sehr breite Schneise.

Sexy, reich und alleinerziehend

Stylisch und sexy kam sie in ihren Musikvideos daher und zog sich für „Playboy“ und „Penthouse“ aus, ohne ihr Ansehen als Power-Frau dabei einzubüßen. Viele Mädchen kopierten den Look. Und als Madonna in einem 60 Millionen Dollar schweren Vertrag Chefin der Time-Warner-Tochter Maverick wurde, bewies sie, dass sie als Geschäftsfrau ebenso viel reißen kann wie auf der Bühne. Die „Rock and Roll Hall of Fame“ beschreibt Madonna heute als „vollständig befreite Frau, die das Leben nach ihren eigenen Regeln lebt“.

Dazu passte auch, dass Madonna in ihren (nicht allzu langlebigen) Ehen mit Schauspieler Sean Penn und später dem britischen Regisseur Guy Ritchie sehr unabhängig lebte. In Projekten mit männlichen Musikern – darunter Justin Timberlake, Pharrell Williams und Kanye West – hielt sie die Fäden ebenfalls in der Hand. Im Kampf um ihre Adoptivsöhne David Banda und Mercy James aus Malawi setzte sie sich durch und adoptierte 2017 noch die Zwillinge Estere und Stella. Mit den zwei leiblichen Kindern Rocco und Lourdes zeigte sie sich im selben Jahr als alleinerziehende, stolze Mutter von sechs Kindern.

Neben ihren inzwischen 13 Alben (besonders erfolgreich waren „MDNA“, „Ray of Light“ und „Hard Candy“) spielte sie in etwa zwei Dutzend Filmen mit. „Evita“ und ihre Komödien „Susan...verzweifelt gesucht“ oder „Who’s That Girl“ reichten an ihre Musik nicht heran, dafür glänzte sie in ihrer Nebenrolle in „Eine Klasse für sich“ an der Seite von Tom Hanks und Geena Davies. Die Rollen rückten sie näher an ihr Idol Marilyn Monroe, als die sie auf der Titelseite der „Vanity Fair“ 1991 sogar posierte.

„Soccer Mom“ mit Alterszwicken

Unterdessen wurde es Zeit für ein neues Image: Madonna ist von New York nach Lissabon umgezogen –ihr zwölfjähriger Sohn David will in Europa professionell Fußball spielen, wie sie der Zeitschrift „Vogue“ sagte. Es war die Entscheidung einer „Soccer Mom“. Wenn ihr Sohn der nächste Cristiano Ronaldo werde, sei das ein „Sahnehäubchen“.

Wenn Madonna in den 80ern und 90ern mit Tabubrüchen auf sexueller Ebene schockieren konnte, hat es der reife Star damit heute schwerer, vor allem bei der jungen Generation: Sex und ältere Menschen, kein Thema, das im Mainstream wirklich zieht. Höchstens wird über sie als reife Frau mit jungen Liebhabern berichtet, wohingegen die Konstellation älterer Mann und junge Freundin nicht als Aufreger, sondern bei Rockstars fast als normal gilt. „Und vor allem, altert nicht, altern ist schlecht. Man wird euch kritisieren und euch nicht mehr im Radio spielen“, sagte Madonna 2016 gewandt. Möglicherweise auch ein Seitenhieb auf BBC1, welches – auf der Suche nach einem jüngeren Publikum – ihre aktuellen Titel nicht spielen wollte.

Die Künstlerin, die sich offenbar auch Schönheitsoperationen unterzog, hadert mit dem Älterwerden. Nicht verwunderlich, denn Soziale Medien und Regenbogenpresse fassen den Superstar nicht gerade mit Samthandschuhen an: Mal werden hämisch Nahaufnahmen von ihren gealterten Händen gezeigt, dann Fotos von Rapper Drake, als dieser nach einem von Madonna aufgedrückten Kuss das Gesicht verzieht. Doch in Portugal schaut sich Madonna schon wieder nach jüngeren Männern um. Insofern findet sie unter den Babyboomers vielleicht neue Fans – aus demselben Grund, aus dem sie in den 80ern und 90ern beliebt war: Sie schaut zwar, dass die Kasse stimmt und das Image möglichst aufregend ist, aber in punkto Liebe und Sex pfeift sie auf Konventionen. 

Madonnas Skandale

Publikumswirksame Aufreger

Die Zeiten haben sich definitiv geändert. Was einst ein Skandal war, sorgt bei der heutigen Youtube-Generation höchstens noch für narkoleptische Anfälle. Während der Videoclip zu „Like a Virgin“ relativ keusch rüberkommt, findet eine Steigerung bei „Like a Prayer“ und „Justify my Love“ statt, die vielen Amerikanern nicht gefiel. Bei „Like a Prayer“ war es die Kombination von Sex und religiösen Symbolen, mit Verweis auf den Ku-Klux-Klan, der 1989 bei MTV zum Skandal führte. „Justify my Love“ war MTV dann schon zu heiß, werden dort Bondage-Praktiken gezeigt. Aus heutiger Sicht würde da nicht einmal Anastasia Steele rot werden. Es waren jedoch nicht nur die Clips, die damals für Aufregung sorgten. Die Tournee „Blond Ambition“ (1990) erhitzte die Gemüter, weil sie es nicht nur wagte, Sex zu zelebrieren, sondern auch noch Homosexualität darzustellen. Als Tänzer Madonna bei der simulierten Masturbation zur Hand gehen sollten, war die Polizei von Toronto bereit, einzuschreiten. Madonna lenkte ein, womit dem Skandal der Höhepunkt genommen war. Prickelnd wird es dann auch im Buch mit dem sinnigen Titel „Sex“, das passend um Album „Erotica“ 1992 erschien und die Sängerin in allerlei suggestiven Posen zeigte. Etwas zahmer, dafür aber publikumswirksamer ging es in den 2000ern zu sich. Da küsst Madonna 2003 schon mal Christina Aguilera und Britney Spears bei den MTV Music Awards oder 2015 den Rapper Drake beim Coachella-Festival. Sven Wohl mit AFP