LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Vier Monate im Fokus der Abtei „Neimënster“: „Stefan Zweig - Ich gehöre nirgends mehr hin!“

Der Teppich muss noch ausgerollt werden, denkt man im ersten Moment, wenn man vor dem Eingangsbereich der Ausstellung „Stefan Zweig - Ich gehöre nirgends mehr hin!“ im Kulturzentrum „Neimënster“ steht. Die Aufbauarbeiten sind natürlich längst abgeschlossen, immerhin wurde die Schau, die ein Teil der Wiener Zweig-Ausstellung „Abschied von Europa“ von 2014 ist, am Donnerstagabend eröffnet. 2017 wurde sie neu konzipiert und um zahlreiche erstmals gezeigte Dokumente, Texte und Fotos erweitert.

Vor der Tür zeigt ein großformatiges Foto das Schiff, mit dem der bekannte österreichische Schriftsteller (1881-1942) im Juni 1940 von England aus in die USA und dann weiter nach Brasilien reiste. Es war sein Abschied von Europa. Salzburg, wo der gebürtige Wiener 15 Jahre lang lebte, hatte er bereits 1934, ein Jahr nach Hitlers Machtergreifung, verlassen. In Brasilien jedoch fand er als „alien enemy“ immer noch keinen Frieden. Am 23. Februar 1942 beging er Suizid. Zwei im Exil verfasste Werke - „Die Welt von Gestern“ und die berühmte „Schachnovelle“ - stehen mit Manuskripten, Typoskripten, Tonaufnahmen, Filmausschnitten und nie gezeigten persönlichen Dokumenten im Zentrum dieser Ausstellung mit äußerst gelungener Szenografie.

Der Teppich, angefertigt nach dem Muster eines Wiener „Grand Hotel“, führt in die Expo, deren Titel „Ich gehöre nirgends mehr hin“ ein Zitat aus „Die Welt von Gestern“ ist. „Stefan Zweig war ein Flüchtling. Als Jude und Pazifist sah er sich zu jener Zeit gezwungen, von einer Station zur anderen zu ziehen. Diese Situation des Exils, das Gefühl der Heimatlosigkeit, hat ihn verzweifeln lassen und schließlich depressiv gemacht. Sein Lebenswerk war sinnlos geworden“, erklärt Literaturwissenschaftler und Kurator Dr. Klemens Renoldner vom „Stefan Zweig Zentrum Salzburg“.

Heile Welt im Luxus

Im Eingangsbereich mit seiner Tapete im warmen Gelb soll man sich als Besucher in einem Hotelfoyer wähnen. In diesem Ausstellungsteil taucht der Besucher in die damals noch heile - glückliche und luxuriöse - Welt des äußerst wohlhabenden Autors ein. Der Raum ist gefüllt - aber nicht überladen - mit Dokumenten dieses Lebens des Wohlstands. Neben seinen großen Erfolgstiteln hat er indes eine Fülle anderer Bücher publiziert und noch dazu viele Übersetzungen herausgegeben. „Er war ein unglaublicher, unermüdlicher Arbeiter“, bemerkt Renoldner. In über 50 Sprachen sind seine Bücher übersetzt worden. Eine Auswahl, auch weniger bekannte Werke, sind in diesem ersten Saal zu sehen, genau wie drei Postkarten, die das Wiener Hotel „Métropole“ zeigen. 1873 für die Wiener Weltausstellung erbaut, ab 1938 Gestapo-Leitstelle, wird es in der „Schachnovelle“ zu einem Hauptschauplatz. Jetzt wird auch definitiv klar, worauf die Ausstellung ihren Blick richtet: auf die Szenerie des Abschieds. Während dieser Zeit verfasst Zweig „Die Welt von Gestern“, in denen er als Ich-Erzähler den totalen Verlust der Heimat beklagt.

Die heile Wiener Welt der Sicherheit wird im zweiten Ausstellungssaal abrupt beendet. Die Teppiche werden eingerollt, die Stimmung kippt, die Atmosphäre ist eine andere, was durch die in einer langen Reihe an der Wand hängenden Ledermäntel verdeutlicht wird. Die Zeit der Verhöre durch die Gestapo, wie sie die Hauptfigur in der „Schachnovelle“ erlebt, ist angebrochen. „Schachnovelle“ sollte indes Zweigs letzter Text sein. „Am Tag vor seinem Suizid brachte er die Manuskripte zur Post“, bemerkt Renoldner.

Hotel „Métropole“ als Ort des Schreckens

Inmitten dieses zweiten Raums fällt der Blick auf ein beeindruckendes Modell des im Krieg zerstörten Hotels „Métropole“. Wie ein Schachbrett sind um dieses Modell herum abwechselnd Vitrinen in schwarzer und weißer Farbe aufgestellt worden. Darin zu entdecken: zum einen Dokumente zum Leben und literarischen Schaffen Zweigs - die „Schachnovelle“ steht hier im Fokus- zum anderen zur Geschichte Österreichs und im Besonderen des Hotels, das zu einem Ort der Folter und des Terrors durch die Nationalsozialisten geworden war. Während vor dem Hotelmodell auf einem Bildschirm Ausschnitte aus der Verfilmung von 1960 mit Curd Jürgens und Mario Adorf laufen, sind auch im Innern Videomonitore angebracht. Über Kopfhörer kann man sich etwa die Geschichte der Wiener Widerstandskämpferin Rosa Grossmann anhören, die in dem Hotel verhört und gefoltert wurde.

Verzweiflung wegen Heimatlosigkeit

Im dritten Saal löst sich Stefan Zweigs Welt oder Leben dann gänzlich auf. Nicht nur die Teppiche werden eingerollt, sondern auch die Bilder von der Wand genommen und seine Autografen- und Handschriftensammlungen in Umzugskartons gepackt. „Er hatte eine sehr wertvolle Sammlung in Milliardenhöhe, vor allem weil er sehr viele originale Noten und Partituren hatte von Mozart, Beethoven, Händel, Bach oder Schubert, aber auch von vielen Schriftstellern wie Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, Franz Kafka oder Gerhart Hauptmann. Als er Österreich 1933 verließ, löste er diese Sammlung auf und übergab der Wiener Nationalbibliothek einen Teil davon“, erklärt der Ausstellungskurator. Einzelne ausgewählte Stücke sind in diesem letzten Saal zu sehen, genau wie seine Notizbücher zu „Die Welt von Gestern“ oder die mit lila Tinte - typisch für ihn - korrigierten Typoskripte.

„Ich gehöre nirgends mehr hin!“ ist eine absolut sehenswerte Ausstellung, in der die Werke dieser schillernden Persönlichkeit der Zwischenkriegszeit aus dem Blickwinkel des Exils beleuchtet werden, genau wie sein Leben vor und nach der Flucht.


Zur Ausstellung - sie läuft bis Anfang April - gehört auch ein

interessantes Rahmenprogramm. Alle Informationen dazu

unter www.neimenster.lu