COLETTE MART

„Institutionellen Machtmissbrauch zu benennen, ist in Luxemburg noch immer ein Tabu.“ Diesen Satz schrieb Ines Kurschat vorige Woche im „Land“, und zwar im Zusammenhang mit der Schule, habe doch jeder Erwachsene Erfahrungen mit Lehrern, die beleidigend und demütigend gewesen wären. Der Schule ist trotz dieser grundsätzlich richtigen Aussage positiv anzurechnen, dass sie in den letzten 40 Jahren gezielt die schwarze Pädagogik ablegte, und mittlerweile eine Philosophie kultiviert, in der die Bedürfnisse des einzelnen Schülers und auch der Respekt im Mittelpunkt stehen sollen.

Kurschats Feststellung ist trotzdem sehr wichtig und bricht ein Tabu, denn Machtmissbrauch zieht sich durch viele öffentliche Institutionen, ist in der Privatwirtschaft präsent, betrifft sehr viele Menschen, auch Jugendliche und Kinder, was sich in Depressionen, Krankschreibungen und Verhaltensauffälligkeiten niederschlägt, die Gesellschaft also teuer zu stehen kommen, und auch für den Einzelnen ein psychologisches und soziales Leiden mit sich bringt. Während ein Lehrer, der Schüler beleidigt und demütigt, heute durchaus Gegenwind von den Eltern bekommen kann, können Untergebene in öffentlichen Verwaltungen, oder auch Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft über Jahre der Willkür von Vorgesetzten ausgesetzt sein, ohne dass je jemand für sie eingreift, ohne dass sie sich trauen, auf jene gesetzlichen Mittel zurückzugreifen, die geschaffen wurden, um dem Machtmissbrauch in der Gesellschaft etwas entgegen zu setzen. Es gibt zum Beispiel kleine gemeinnützige Vereinigungen, die mit Verachtung in öffentlichen Verwaltungen behandelt werden, die keine Unterstützung bekommen, während anderen durchaus geholfen wird. Natürlich gibt es Verwaltungsgerichte, oder auch eine Ombudsfrau, nur, nicht jeder traut sich, diesen Weg zu gehen, aus Angst vor Vergeltung oder übler Nachrede in einer Gesellschaft, in der jeder jeden kennt und sich die Türen schnell schließen können, in der ein Mensch oder eine Gruppe mit einem E-Mail fertig gemacht werden kann, ohne je zu erfahren, wer hier den Weg versperrte, der sich anderen problemlos öffnete.

Untergebene schikanieren, ihnen Angst machen und drohen, bleibt dann noch die greifbarste Art des Machtmissbrauchs.

Noch schlimmer sind jene Vorgehensweisen, bei denen das Opfer überhaupt nicht erfährt, was mit ihm passiert, in denen sein Umfeld manipuliert wird, und es plötzlich den Boden unter den Füssen verliert, ohne sich etwas vorzuwerfen zu haben. Während lange Zeit angenommen wurde, dass Menschen mit schwächerer Durchsetzungskraft eher Opfer von Machtmissbrauch werden können, betrifft dieser mittlerweile alle Profile, auch gut ausgebildete, kompetente und empathische Menschen, mit denen sich manche Vorgesetzten nicht messen können, was zu Argwohn und Eifersucht führt. Sowohl in öffentlichen Institutionen als auch in Privatunternehmen können böse Fäden gesponnen werden, und es ist demnach für jeden wichtig, sich genaue Kenntnisse über die Formen des Machtmissbrauchs in der Gesellschaft anzueignen, diesen zu identifizieren und durch gesundes Selbstbewusstsein etwas entgegen zu setzen.