LUXEMBURG
PIERRE WELTER, FREIER JOURNALIST

Nebenkläger fordert lebenslange Haft - Reportage aus dem Gerichtssaal

Wieder ein Tag im „Escher Mordprozess“. Gestern hatte der Angeklagte, der Ehemann der durch mehrere Schüsse ermordeten Frau das Wort. Als Zeitzeuge vermittelte der 59-jährige mutmaßliche Mörder dem Tribunal am Montag sein Wissen über die schrecklichen Ereignisse im Balkankrieg (1991-1995). Er war von 1992-1993 in die montenegrinische Armee eingezogen worden. Er ist ein Mann mit bedächtiger Sprache, ein Mensch, der seine Hölle hinter sich gelassen hat. Von den schrecklichen Ereignissen sei er noch heute traumatisiert. Bis in die Details erzählte er über sein Leben, so als würde er plötzlich glauben, er sei transparent geworden.

Ein Haus voller Teufel?

Im Jahre 1993 sei er nach Düdelingen gezogen. Der Angeklagte kauft dann sechs Monate später ein altes Haus in Esch/Alzette. Im Haus hätte er Stimmen und Geräusche gehört. Sowieso sei das Haus voll von Teufeln bewohnt gewesen, erzählt der Angeklagte.

Für seine Kinder hätte er alles getan. Er schäme sich für seine Kinder. Seine Kinder hätten vor Gericht gelogen. Er habe seine Frau nie geschlagen, hätte sie auch nie terrorisiert, sowie die Kinder das behauptet haben. „Ich schwöre, dass ich meine Frau und die Kinder nie geschlagen habe“ beteuert der Angeklagte vor Gericht.

Er sei aber am 17. Oktober 2004 wegen Körperverletzung zu sechs Monaten auf Bewährung verurteilt worden, konterte die Vorsitzende Richterin. Seine Frau hätte sich damals Haarbüschel vom Kopf gerissen, antwortet der Angeklagte. Dann sei die Polizei aufgetaucht. Die Polizei hätte den Schlamassel als Körperverletzung gewertet. Am 1. November 2013 sei er aus dem Haus verwiesen worden. Der Beschuldigte gab an, er könne sich an den Grund des Hausverbots nicht mehr erinnern. Im Verhör vor Gericht gibt der Angeklagte an, er sei nicht normal. Er sei von zwei Psychiatern behandelt worden.

Mordkommando?

Wie er auf die Scheidung reagiert habe, fragt die Vorsitzende Richterin? Er sei traurig gewesen, hätte nicht mehr geschlafen. „So eine Frau sollte jeder sich wünschen“, sagt er. Auf die Frage warum er die SMS mit den Morddrohungen geschrieben habe, antwortet er „Ja, ich kann mich daran erinnern. Ich wollte das nicht ,so‘ schreiben. Ein normaler Mensch schreibt so etwas nicht. Es war nicht irgendjemand, es war meine Frau - ich hatte nicht den Vorsatz, sie zu töten“, sagte er fast unter Tränen. Für die Tat mache er ein Kommando verantwortlich. Er hätte keinen Grund gehabt, sie umzubringen.

Vor dem Untersuchungsrichter hatte der Beschuldigte dagegen ausgesagt „Sie hielt sich mit anderen Männer auf und machte mich schlecht. Wie soll ich Emotionen für meine Frau gehabt haben, da sie mir alles weggenommen hat.“

Tränen und Wut bei der Familie

Die Familienmitglieder der ermordeten Frau treten im Prozess als Nebenkläger auf. Die Angehörigen saßen mit im Gericht, teils flossen Tränen, teils waren sie gepackt von Wut. Der Nebenklägervertreter Maître Pierre Goerens sagte in seinem Plädoyer „Ich bin geschockt über die Art und Weise, wie der Angeklagte über sein Schicksal vor Gericht lamentierte. Seine Ex-Frau funktionierte nicht so, wie sie sollte. In der Welt des Beschuldigten gab es darauf nur eine Antwort: Sie musste verschwinden, die Welt des Angeklagten ist eine Welt, die nicht diese, unsere ist. So war sie den Schüssen von M. schutzlos ausgeliefert“, sagte Goerens. Er warf M. vor, seine Tat von langer Hand geplant zu haben.

Nebenklagevertreter: Ein Schauspieler!

Amnesie-Behauptungen von M. wies der Nebenklagevertreter in seinem Plädoyer als Manöver zurück. „Die Frau sei eine beliebte und herzensgute Frau gewesen“, sagte er in seinem emotionalen Plädoyer und ergänzte: „Ich werde den Mundwinkel des Angeklagten nie vergessen, der sich dynamisch zu einem Lächeln verzog, als er den Anklagepunkt „Mord“ hörte.“

Der Angeklagte sei „ein nicht unbegabter Schauspieler“, es ist schlimm, dass der Angeklagte eine - leicht durchschaubare und falsche Amnesie ausnutzt und auch weiter auszunutzen versucht. Als Strafmaß beantragte Pierre Goerens lebenslängliche Haft für den Beschuldigten.

Verteidigung: Mandant ist kein Monster

Der Anwalt des Angeklagten plädierte am Montag hingegen auf verminderte Schuld - allerdings ohne ein Strafmaß zu nennen. Das Motiv des Angeklagten sei unklar, betonte Verteidiger Maître Altwies. Die ganze Sache sei auf „häusliche Gewalt“ und „Familientragödie“ hochgeschaukelt worden. Altwies versuchte in seinem ganzen Plädoyer den Mordvorsatz zu entschärfen. Der Angeklagte sei nicht gefährlich, so Altwies.

Der Mordprozess wird heute mit einem weiteren Plädoyer fortgesetzt.