PATRICK

Oskar Matzerath war bestimmt Schuld daran, dass in den Sechzigern die lokalen Blaskapellen von einer Welle kleiner Jungs überschwemmt wurden, die fortan mit einer kleinen Blechtrommel in Reih und Glied marschieren wollten. Günter Grass‘ kleiner Romanheld hatte zwar mit Blas- und Marschmusik wenig am Hut, das Instrument um seinen Hals übte jedoch eine gewisse Faszination auf eine ganze Generation aus. Vor 50 Jahren bedarf es eigentlich keiner fiktiven Romanhelden, um das Interesse junger Menschen fürs Musizieren zu wecken. Zum Dorffußballverein gab es nur eine Alternative, und die hieß Musikkapelle.

Wer mit Sport nichts am Hut hatte, drückte am Wochenende beim Musiklehrer die Schulbank, wenn sich die Kumpels auf dem Bolzplatz die Knochen brachen. Kein Jungmusiker wurde aufmüpfig, weil er von autoritären Musiklehrern zu Höchstleistungen gezwungen wurde. Der Lohn der wöchentlichen Mühe war am Ende des Ausbildungsjahres ein Diplom mit Note; sonntags durfte man sich dann eine Uniform überstreifen, um bei religiösen Umzügen der Monstranz den Marsch zu blasen. Oder stand bei Wohltätigkeitsbazars auf der Bühne , auf denen sich die Jungmusiker durch angestaubte Notenlandschaften lesen mussten.

Die Zeiten ändern sich ja bekanntlich - und nicht immer zum positiven hin. Die örtlichen Musikvereine sahen sich vermehrt einer zunehmenden Konkurrenz durch neugegründete Sportvereine ausgesetzt. Basket- oder Volleyball versteht jeder auf Anhieb, ohne jahrelang irgendwelche Partituren studiert zu haben.

Die Musikschulen und Konservatorien sind jedoch keineswegs verwaist. Unterhält man sich mit den Verantwortlichen der hiesigen Musikschulen, so wird einem schnell klar, dass sich die Vorlieben der Musikschüler um 180 Grad gewendet haben. Blasinstrumente haben einen schweren Stand bei der Jugend, selbiges gilt für das Klavier oder die Querflöte. Gitarren - akustisch, wie auch elektrische - stehen hoch in ihrer Gunst der Jungmusiker. Dicht gefolgt vom Drumset, was der Schreiber dieser Zeilen sehr gut nachvollziehen kann.

Kapellmeister verweisen gerne auf den Umstand, dass viele Jugendliche von den Musikkapellen selbst ausgebildet werden, die in den Statistiken der Konservatorien und regionalen Musikschulen nicht auftauchen. Dies mag durchaus zutreffen, doch täuscht dieser Umstand nicht darüber hinweg, dass die klassischen „Duerfmusëken“ an Attraktivität eingebüßt haben. Die Musikschulen ihrerseits erfüllen nach wie vor ihre Aufgaben: Bei den jungen Leuten das Interesse an der Musik zu wecken und ihnen eine fundierte Grundausbildung anzubieten, damit sie- im besten Falle- ihre Studien im Ausland fortsetzen können. Ob sie nun im Proberaum einer Dorfkapelle Trompete blasen oder im Keller eines Jugendhauses gemeinsam mit Kumpels die Gitarren krachen lassen, spielt streng genommen keine Rolle. Viel wichtiger ist nämlich heutzutage, dass Jugendliche sich überhaupt noch irgendwie kreativ betätigen.