LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Erstmals widmet sich eine umfangreiche Ausstellung dem Art déco-Stil in Luxemburg

Nicht nur aus politischer und wirtschaftlicher Sicht waren die 1920er und 1930er Jahre eine spannende Zeit. In sämtlichen Bereichen der angewandten Kunst war ebenfalls eine gewisse Aufbruchsstimmung spürbar. Ein innovativer und dekorativer Stil bahnte sich seinen Weg: Art déco. Mit dem schillernden Begriff verbinden wir heute Luxus und Eleganz, edle Materialien und klare Formen, Dynamik und Modernität. Erstmals widmet sich seit kurzem eine umfangreiche Sonderausstellung im „Musée national d’histoire et d’art“ (MNHA) dieser Epoche, dies mit besonderem Fokus auf die Ausprägung in Luxemburg selbstverständlich. Wir haben uns mit der zuständigen Kuratorin Ulrike Degen unterhalten.

Für viele ist die Zeit des Art déco der Inbegriff von Luxus, Eleganz und Modernität. Lässt sich der Stil tatsächlich so leicht beschreiben?

Ulrike Degen So einfach ist es nicht, Art déco hat nämlich ganz viele Facetten. Eine davon ist in der Tat „Luxus und Eleganz“. Dieser Aspekt geht auf die Weltausstellung „Exposition internationale des Arts décoratifs et industriels modernes“ in Paris im Jahr 1925 zurück. Daher auch die Bezeichnung „Art déco“, die sich aber erst in den 1960ern durchsetzte. In meinem Verständnis spielen auch soziale Aspekte mit, weshalb serielle Fertigungen, also Industriefertigungen an Wichtigkeit zu gewinnen begannen. Gerade weil man von einer großen Mischung verschiedener Einflüsse redet, lässt sich der Art déco-Stil nicht so einfach fassen.

Je nach Land gibt es also verschiedene Ausprägungen?

Degen Genau, in Frankreich besinnt man sich etwa nach dem Historismus und dem Jugendstil auf die großen Stile Louis XVI und Louis-Philippe. An diesem Luxus versuchte man für die Bourgeoisie anzuknüpfen. Die Designer waren der Meinung, dass man nur für dieses wissende und begüterte Publikum großes und gutes Kunsthandwerk schaffen kann. In Deutschland hingegen, geprägt durch den Bauhaus-Stil oder auch die Wiener Werkstätte aus Österreich, gingen die Überlegungen in eine andere Richtung, nämlich Kunst für jedermann zu schaffen.

Von welchen Ländern wurde Luxemburg beeinflusst?

Degen Die Mischung ist ganz interessant. Die Handwerkerschule unter der Direktion von Antoine Hirsch spielte eine wesentliche Rolle. Jean Curot, der dort als Zeichenlehrer tätig war, muss man ebenfalls nennen. Beide nahmen 1925 an der Pariser Weltausstellung teil, ließen sich von den französischen Künstlern inspirieren und brachten diese Ideen mit nach Luxemburg. Den endgültigen Wendepunkt bedeutete dies aber nicht. Nennen kann man etwa auch die Ausstellung „Wie wohnen?“ 1929 in Luxemburg, die ihren Fokus auf das Frankfurter Neue Bauen richtete. Viele andere Handwerker kehrten nach ihrer Ausbildung an der „Ecole Boulle“ in Paris zurück, Pierre Kipgen beispielsweise oder Lou Hammerel, und zeigten, was sie dort kennengelernt hatten. Der Einfluss aus Deutschland nahm dagegen in den 1930ern wegen der politischen Situation sehr ab. An der Kathedralerweiterung ab 1935 und der Art déco-Einrichtung arbeiteten beispielsweise nur noch französische Künstler mit den Luxemburger Künstlern zusammen.

Kann man allgemein sagen, dass vereinfachte Formen ein typisches Art déco-Merkmal sind?

Degen Ein Alleinstellungskriterium ist es nicht. Nehmen wir zum Beispiel die Iribe-Rose, die auf einem Stuhl aus dem „Palace Hôtel“ in Mondorf zu sehen ist, das 1926 eingerichtet wurde. Diese stilisierte Rose, die von Paul Iribe für den Modedesigner Paul Poiret entworfen wurde, wurde ebenfalls zu einem Symbol für die Art déco-Bewegung. Daran wird deutlich, dass nicht alles puristisch oder geometrisch sein musste. Was die Möbel anbelangte, so war letztlich vieles eine Frage des Kundengeschmacks. Makassar-Ebenholz, Rio-Palisander oder auch Nussbaum, das von den schlichten Formen und der Holzmaserung lebt, waren ebenso gefragt, wie dieses Flachrelief in heimischem Holz geschnitzt. Zudem hat man versucht, andere Techniken miteinzubeziehen, Schmiedekunst etwa. Metallapplikationen auf Keramiken waren nicht unüblich. Das konnte ganz verspielt sein. Man hat in dieser Zeit viel ausprobiert.

Eine vergleichbare Ausstellung gab es bislang nicht in Luxemburg. Wie schwierig gestaltete sich die Recherche?

Degen Es war vor allem interessant. Es gab durchaus Publikationen über Architektur oder über Keramik. Neu ist dieser ganzheitliche Ansatz. Als Museum sind wir von unserem Bestand ausgegangen, da wir aber wirklich eine Gesamtschau bieten wollten, haben wir uns auch an andere Kulturinstitutionen und Privatleute mit teils bedeutenden Sammlungen gewandt. Die Zusammenarbeit mit Spezialisten war ebenfalls spannend. Sehr viele Leute haben sich mit ganz viel Engagement in bestimmte Themen eingearbeitet, Hotelarchitektur und -ausstattung, Plakatgestaltung, grafische Arbeiten oder auch Kirchensilber.

Waren Sie überrascht, doch in diesem Maße fündig zu werden?

Degen Es war mir bewusst, dass es viel gibt. Trotzdem habe ich einige Entdeckungen gemacht, die mich positiv überrascht haben. Nennen kann ich zum Beispiel das Werk von Jean Curot. Man kennt ihn ja als Künstler vom „Fiischen“ auf dem „Knuedler“. Dass er aber als „Ensemblier“ so viele Möbel und Muster entworfen hat, derart viele Ideen hatte, auch als Zeichenlehrer für seine Schüler so prägend war, wusste ich nicht. Der Goldschmied Louis Gay hat etliche Kirchen mit Kirchensilber ausgestattet. Wie groß sein Werk war und welchen Einfluss es hatte, war mir auch nicht bekannt. Solche Entdeckungen haben mich in der Tat überwältigt. Den Grafikkünstler Raymond Mehlen habe ich ebenfalls neu für mich entdeckt, genau wie den Schreiner Lou Hammerel. Dann hat mich auch der ganze Bereich der Keramik von „Villeroy & Boch“ erstaunt. Eigentlich habe ich permanent neue Sachen entdeckt.

Die Ausstellung „Art déco in Luxemburg“ im MNHA läuft noch bis zum 4. November. Alle Infos unter www.mnha.lu