LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Paradoxe Haltung: Regionale Produkte ja, aber bitte keine Bauernhöfe in der Nähe!

Schon in den 1920er Jahren schrieb Kurt Tucholsky: „Was wollen die Leute? Vorne den Kudamm und hinten die Ostsee!“ Übertragen auf die aktuelle Situation hierzulande heißt es heute: Wir wollen gute einheimische Lebensmittel, aber um Gottes Willen keinen Bauer in der Nachbarschaft! Gestern ging die Nachricht durch die Presse, dass ein Landwirt im Süden des Landes die Idee zum Aufbau einer Hähnchenmästerei aufgegeben hat - gescheitert am Widerstand der Nachbarn.

Es ist durchaus richtig, dass die konventionelle Landwirtschaft in Sachen Grundwasserqualität als „Bad Boy“ angesehen, aber die „Not-in-my-backyard“-Philosophie, kurz NIMBY, zahlreicher Bürger, die sich auf echte oder angebliche Emissionen bezieht, trifft alle Landwirte. Kleine wie große, konventionelle genauso wie Biobauern.

In echten Dörfern kein Problem

Anlass für das „Journal“, zwei Vertreter der luxemburgischen Landwirte, Marc Fisch, Präsident der „Bauernzentrale“ und Camille Schröder, Präsident der „Baueren-Allianz“, zu fragen. Sowohl nach ihrer Meinung zum Nebeneinander von Anwohnern und Landwirten, als auch zur Zukunft der Landwirtschaft im luxemburgischen Süden.

Marc Fisch stellte sofort fest: „Sobald etwas gebaut wird, gibt es eine Bürgerinitiative die dagegen ist.“ Die Landwirte seien von dieser Reaktion zunehmend genervt. Wobei das Problem in kleinen gewachsenen Bauerndörfern viel seltener auftrete, als in größeren Ortschaften. Kommt dort noch eine Neubausiedlung (…Cité…) hinzu, steige das Risiko eines Nachbarschaftsstreit mit den ansässigen Landwirten massiv an. In einem kleinen Dorf werde vieles noch einvernehmlich untereinander geregelt, in den „Schlafstädten“ herrsche der NIMBY-Gedanke vor. Die Leute wollten regionale Lebensmittel, aber sie dürften nicht vor ihrer Haustür wachsen.

Dabei stehe der Landwirt sowieso schon vor großen Hürden. Er müsse für einen Ausbau eines Hofes zahlreiche Genehmigungen vorlegen. Etliche Verwaltungen, Ämter und zuletzt die Gemeinde müssten ihr Placet geben - wobei sich die Kommunalpolitik an der Mehrheit in der Bevölkerung orientiere. Fisch ist eindeutig in seiner Aussage: „Es wird immer schwieriger, etwas genehmigt zu kriegen!“ So sei die Schweinemast in Luxemburg auf dem Rückzug, es sei kaum noch ein Platz dafür zu finden.

Es sei nicht einfach Landwirt in Luxemburg zu sein, erklärt Marc Fisch. Die Landwirtschaft, genauer gesagt, die landwirtschaftlichen Flächen, gerieten immer mehr unter Druck: Durch Wachstum der Orte, Ausweitung von Industriezonen und Ausweisung von Schutzzonen. Aufgrund von steigender Einwohnerzahl und geringer Größe des Landes, sei die Situation der luxemburgischen Bauern schwieriger als bei den Nachbarn. Seine Schlussfolgerung lautet, nicht nur für den Süden: „Unser Hauptproblem ist es Anbauflächen zu behalten.“

Schroeder: „Es ist zu viel“

Camille Schroeder von der „Baueren-Allianz“ kann die Aufregung um die Hähnchenmästerei nicht verstehen, weder seien die geplanten Gebäude besonders groß, noch die Zahl der Hähnchen besonders hoch gewesen. Das Abfallaufkommen von 7.000 bis 8.000 Hühnern entspreche etwa dreißig Kühen. Schröder sieht angesichts der Widerstände kaum noch eine Chance für die vom Handel angeregte Idee des „Lëtzebuerger Poulet.“ Einer guten Idee, wie er betont.

Die Bauern fühlten sich nur noch gehetzt. Bau- oder Betriebsgenehmigungen seien manchmal nur eine Frage von Zentimetern. In den letzten Jahren habe sich die Situation der Landwirte dank der immer weiter gehenden Auflagen deutlich verschärft. Schroeders klare Feststellung: „Es ist zu viel!“

Camille Schroeder, der einen Hof in Küntzig betreibt, sieht für die Landwirtschaft im „klassischen“ Süden zwischen Bascharage und Bettemburg „keine Chance“ mehr. Die Gegend werde massiv verbaut und was an landwirtschaftlicher Fläche noch übrig sei, werde dann Kompensationszone.