LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Über Ängste und Grundsätze

Gerade trinke ich ein Glas Rotwein. Und es ist für mich keine Gewohnheit, sondern ein Experiment. Ich will herausfinden, wie ich mich dabei fühle und wie es mich verändert. Trinken, so heißt es doch, soll beim Philosophieren helfen, beim intuitiven Schreiben. Alkohol hat den Ruf, den Kopf frei zu machen.

Auf dem Kopf

Ich kann das nicht bestätigen. Ich glaube, „voll sein“ bezieht sich eigentlich auf das zu hohe Maß an Gedanken. Mit jedem Schluck kommen welche dazu, nur dass ich keinen davon mehr fassen kann. Und das macht mir Angst. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich den Kopf gar nicht frei bekommen möchte. Denn was bleibt dann übrig von mir, ohne Kopf? Nein, ich will den Kopf nicht verlieren. Und das ist der Grund, warum ich sonst nicht trinke. Ich will die Kontrolle behalten, die Kontrolle über mich und mein Leben. Ich will die Orientierung nicht verlieren. Ich will ich selbst sein, was ich unter Alkoholeinfluss nicht bin, mir selbst treu bleiben, um Entscheidungen zu vermeiden, die ich im Nachhinein bereuen könnte.

Das erklärt vielleicht auch meine absurde Phobie, die Angst vor Purzelbäumen. In der Schule konnte ich meine Phobie nie begreiflich machen, konnte nicht beweisen, dass sie eine Stellvertreterfunktion innehat. Ich fürchte mich nicht vor dem Purzelbaum an sich, sondern vor dem Moment, in dem die Welt für mich auf dem Kopf steht. Wenn unten dort ist, wo vorher oben war, geht das nicht konform mit meinen Prinzipien. Ich kann nicht loslassen, still und passiv zusehen, wo es mich hintreibt, und das muss ich, beim Purzelbaum, während des endlos langen Zeitlupen-Moments, in dem ich ungeduldig darauf warte, dass der Fußboden wieder dort auftaucht, wo er hingehört, unmittelbar erreichbar für meine Füße. Auch Loopings sind für mich das wahre Grauen. Die Schwerkraft will ich, wie jedes andere Gesetz, denn wofür sonst ist es da, beherzigen, nicht überwinden.

Analog dazu gehört Philosophie zu meinen Leidenschaften, aber nur so weit, bis ich mich in Theorien verstricke, die die Welt abermals kopfstehen lassen.

Zu verkopft?

Lange Zeit dachte ich, ich wäre verrückt. Doch neuerdings gibt es ein Wort, für Menschen wie mich. Die Bezeichnung lautet: „verkopft“. Das „Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache“ bestätigt die Annahme, dass sie sich zu einem regelrechten Modewort gemausert hat. Scheinbar tauchte der Begriff vor 1980 überhaupt nicht auf, während er heute beinahe inflationär gebraucht und auf alles Mögliche bezogen wird. Ganz gleich ob Theaterstück, Film oder Literatur, Theoretiker oder Künstler, alles, was Produkt einer intellektuellen Leistung ist, sowie jeder rational denkender und vernünftig handelnder Mensch ist „zu“, zumindest aber „sehr“ „verkopft“. Die Zuschreibung ist durchweg negativ zu verstehen. Ein Gegenmodell gibt es nicht. Niemand muss sich den Vorwurf anhören, er sei „zu verbaucht“ oder „verherzt“. Es gilt offenbar nicht als verkehrt, den Verstand auszuschalten und sich von Emotionen leiten zu lassen.

Zu verbaucht?

Im Grunde verbirgt sich hinter dem Begriff „verkopft“ eine komplette Vorstellung dessen, was die ideale Lebensweise sei. Scheint mir das zunächst plausibel, nehme ich mich immerhin auch selbst für meine „verkopften“ Eigenarten auf die Schippe, muss ich erstens den Vorwurf abwehren, ich würde das Leben nicht genießen und lebte nicht richtig, wenn ich mir abends eher ein gutes Buch als ein Bierchen mit Freunden gönne. Zweitens kann ich in der vehement verfochtenen, nicht-verkopften Lebensweise keineswegs nur Positives sehen. Denn ein Begriff wie „verkopft“ wird meines Erachtens von einer Gesellschaft erfunden und gebraucht, die sich dem Spaß als höchstem Gut verschrieben hat und nach dem Motto dessen lebt, was man heute unter Carpe Diem versteht. Das entzieht sich meinem Verständnis, denn mir gibt ein Stammtischgespräch meist nicht die Erfüllung, die ein tiefgründiges Gespräch oder auch eine „verkopfte“ Lektüre mir zu geben vermag. Für mich ist dieses wie eine Mahlzeit, die nicht sättigt, wie Geschlechtsverkehr ohne Höhepunkt. Ich erwarte mir mehr vom Leben als das, was ich vor Augen habe, wenn ich an Carpe Diem denke, mehr als Loopings, Wein und Purzelbäume.

Zudem sind auch „verbauchte“ Menschen kaum gefeit vor Ängsten. Während „verkopfte“ Menschen Angst davor haben, dass Gesetze letztlich keine sind und als Fundament dessen, woran sie glauben, nicht mehr dienen, fürchten „verbauchte“ Menschen sich umgekehrt vor der Standhaftigkeit und Unerschütterlichkeit ebendieser Gesetze und davor, dass sie sie wie Fesseln einschränken. Den „Verkopften“ geben Gesetze Sicherheit, den „Verbauchten“, so denken sie, entziehen sie die Handlungsfreiheit.

Die Wahl liegt bei uns

Zugegebenermaßen: Vielleicht ist Carpe Diem mehr als das, was ich als abschreckendes Beispiel vor Augen habe. Vielleicht aber auch nicht. Und vielleicht haben seine Anhänger das Leben besser verstanden als ich, ist dieses doch nicht teleologisch auf ein bestimmtes Ziel hin ausgerichtet. Am Ende unseres Lebens stehen wir, ganz egal, ob wir nach tiefgründiger Erkenntnis gestrebt oder nach dem Maximum an unbeschwerter Freude und Genuss gesucht haben, mit leeren Händen da. Genau deshalb gibt es am Leben eigentlich nichts zu verstehen. Niemand wird im Jenseits auf uns warten, um uns zu sagen: „Du hast recht gehabt!“.

Worauf ich hinaus will, ist, dass wir die für uns passende Lebensweise wählen müssen, die, egal ob „verkopft“ oder „verbaucht“, weder richtig noch falsch sein kann und von anderen respektiert werden sollte.