CHRISTINE MANDY

Adaption von Büchners Prosawerk im „Théâtre National du Luxembourg“

Es wird dunkel, die Lichter gehen aus. Kennt man den Beginn der literarischen Vorlage des „Lenz“ von Georg Büchner, dürfte man sich ein die Natur darstellendes Dekor erwarten, mit einer grünen Wiese und zahlreichen Bäumen. Doch dann - das laute, schallende Geräusch von Schritten, das mit der Vorstellung der Natur so gar nicht zusammenpassen will, ebenso wenig wie die roten Socken, die auf dem schwarzen, kalten Bühnenboden erscheinen.

Schauspielerische Brillanz

Die Socken gehören Luc Feit, er und sieben Blecheimer mit vorerst unbekanntem Inhalt sind das einzige, das sich auf der Bühne befindet, und schnell wird deutlich: Das Stück mit dem minimalistisch gehaltenen Dekor wird dem Schauspieler, auf den alle Blicke gerichtet sind, aber auch dem Zuschauer ein Höchstmaß an Konzentration und Vorstellungskraft abverlangen.

Luc Feit wird diesem Anspruch durchaus gerecht. Es ist kein Monolog, den er darlegt, nein, er verkörpert den Erzähler, der die Handlung in der dritten Person wiedergibt, den Protagonisten Lenz aber auch alle anderen Figuren wie den Pfarrer Oberlin, dessen Frau, den Herrn Kaufmann oder auch ein „altes Weib“ in einer „verlassenen Hütte“. Er spielt damit mindestens sechs Rollen parallel. Außerdem, da löst sich dann das Mysterium, entleert er mehrmals einen mit Eiswürfeln gefüllten Eimer über seinem Kopf, legt also, ohne mit der Wimper zu zucken, eine „Ice Bucket Challenge“ hin, wie man das heute nennen würde.

Es ist bemerkenswert, wie Feit sich den ganzen sprachgewaltigen Text merken kann. Auch weiß er aufgrund seiner Bühnenerfahrung genau, wie er vorgehen muss, damit deutlich wird, wer wann spricht und wie er sich an den Zuschauer richtet, damit gemeinsam mit ihm, dessen Vorstellungsvermögen, der Text lebendig werden kann. So wird man daran erinnert, wie wertvoll es ist, wenn Literatur laut vorgetragen und ihr auf diese Weise Leben eingehaucht wird.

Originalgetreue Kreation

Wie genau der Text auf die Theaterbühne übertragen werden würde, ist wohl eine der spannendsten Fragen, die man sich im Vorfeld gestellt hat. Denn „Lenz“ ist eigentlich gar kein Drama, sondern ein Prosawerk, das sich nicht recht in eine bestimmte Untergattung einordnen lässt, posthum, also nach Büchners Tod veröffentlicht wurde und mitunter als Fragment gehandelt wird.

Das Problem hat Regisseur Frank Feitler gelöst beziehungsweise umgangen, indem er sehr nahe am Originaltext geblieben ist und Feit, wie schon erwähnt, nicht nur die Figuren, sondern auch den Erzähler hat verkörpern lassen. Ansonsten hätte er die literarische Vorlage in die Dialog- und Ich-Form übertragen müssen, erzählende und beschreibende Passagen weglassen und sie durch eigenen Text ersetzen müssen - eine äußerst heikle Aufgabe. Für Feitler ist die Kreation eine Herzensangelegenheit, mit 15 Jahren hat er den Text zum ersten Mal gelesen und wollte ihn schon lange Zeit auf die Bühne bringen. Die Zusammenarbeit mit Luc Feit war naheliegend, nicht nur, weil beide sich schon lange kennen, sondern weil Feit schon einmal in einer Büchner-Adaption zu sehen war, nämlich 2013 als „Woyzeck“.

Vorwissen erforderlich

Die einzige Kritik, die man der „Lenz“-Kreation entgegenbringen könnte, ist die Feststellung, dass der Zuschauer dem Stück nicht wird folgen können, wenn er sich nicht zuvor mit dem Stoff befasst hat, gerade weil er recht wenig visuelle Orientierungspunkte zur Hand hat.

Zur Handlung: Büchner, der im jungen Alter von 23 Jahren verstorben ist, verarbeitet im „Lenz“ ein historisches Ereignis im Leben des gleichnamigen Sturm-und-Drang-Schriftstellers, der sich vom 20. Januar bis zum 8. Februar 1778 bei dem Pfarrer Oberlin in Waldersbach aufhielt und unter einer bipolaren Störung litt. Das Werk beruht, zum Teil wortwörtlich, auf den authentischen Zeugnissen Oberlins.

Was außerdem gefehlt hat, trotz Feits überzeugender Darstellung, ist ein kleines bisschen „Wahnsinn“, die noch deutlichere Markierung der geistigen Verfassung des Protagonisten sowie ein deutlicher Spannungsaufbau, gefolgt von einem Höhepunkt. Zudem gibt es, etwa in der Hälfte des Originaltextes, ein Kunstgespräch zwischen Lenz und Kaufmann, die darüber diskutieren, ob der Idealismus oder vielmehr der Realismus die angemessenere Kunstauffassung sei. Diese ohnehin komplexe und schwer nachvollziehbare Thematik ist, als One-Man-Show abgewickelt, nahezu überfordernd.

Anspruch überlagert Emotion

Einerseits leuchtet es ein, dass der Originaltext zum Großteil übernommen wurde, denn nur so können Sprache und Stimmung des 18. Jahrhunderts wiedergegeben werden, auf der anderen Seite fragt man sich, ob manche Textpassagen nicht vielleicht doch hätten vereinfacht, modernisiert oder ergänzt werden müssen, um den Zuschauer zu unterstützen, der, und das ist selten ein gutes Zeichen, unmittelbar applaudierte, nachdem das letzte Wort gesprochen war, als wollte er damit signalisieren: „Doch, seht her, ich habe alles verstanden und weiß, dass dies der Schluss ist“. Hätte er sich aber emotional bis zum Schluss von Feits Darstellung tragen, mitreißen lassen, hätte er damit vielleicht gewartet, bis dieser von der Bühne gegangen wäre.


Weitere Vorstellungen folgen am 16. und 17. November im TNL.