Dr. Marco Hirsch ist immer wieder erstaunt darüber, womit Menschen ihre Arthrose heilen wollen

Die Reklame versprach fast Wunder. Von „Biophysik“ war die Rede, von „Andullation“ und „So-phrologie“. Es ginge um eine „neue Methode“ für ein altes Leiden. Die, die damit werben, versprechen schmerzgebeugten Menschen Linderung; allen voran Arthrose-Patienten.

Dr. Marco Hirsch von der Zithaklinik kann nur den Kopf schütteln. „Was da erzählt wird, ist haarsträubend“, meint der Internist und Rheumatologe. „Im Grunde geht es nur um Beutelschneiderei.“ Denn diese Wundermittel kosten richtig Geld. Hier 2.000 Euro für eine Matratze, deren Strahlen angeblich die Schmerzen wegzaubern, dort 4.000 Euro für einen Massagestuhl. „Die Zeitungen sind voll von solcher Werbung“, bedauert Dr. Hirsch. „Und die Leute kaufen es, weil sie als Schmerzpatienten auf eine Heilung hoffen.“ Was den Facharzt besonders ärgert: Während ausländische Ärzte und Nicht-Mediziner in Luxemburg werben dürfen, was vor allem von Deutschen genutzt wird, dürfen Luxemburger Ärzte weder im Ausland noch im Inland für sich werben. „Da sind viele Scharlatane unterwegs, die herkommen, weil es in Luxemburg genug Geld gibt“, hat Dr. Hirsch beobachtet. „Das ist einfach schrecklich.“ Wenn die Patienten dann feststellen, dass sie das viele Geld umsonst ausgegeben haben, weil sie auf einen Bauernfänger herein gefallen sind, wollen es die meisten aus Scham nicht einmal erzählen.

Manche setzten nicht auf Matratzen oder Geräte, sondern auf Nahrungsergänzungsmittel, die sie oft teuer in der Apotheke erstehen. Auch hier kann der Experte nur den Kopf schütteln. „Es gibt nichts, was den Knorpel aufbaut“, warnt er. Eine Studie der Universität Bath in Südengland mit mehreren Tausend Probanden habe gezeigt, dass Nahrungsergänzungsmittel nichts brächten. „Ausgewogene Ernährung ist viel besser und preiswerter“, findet Dr. Hirsch.

Wundermittel gibt es nicht

Was aber hilft wirklich bei Arthrose? „Wunderheilmittel gibt es nicht“, stellt Dr. Hirsch schon mal klar. Der Knorpel nutzt sich ab und kann nicht ersetzt werden. Aber das muss nicht unbedingt schmerzhaft sein oder Probleme bereiten. Wenn aber der Knorpel abgenutzt ist, kann ihn nichts wieder aufbauen. Zwar gäbe es erste Versuche an Ziegen. „Aber das ist nicht vergleichbar mit einer Situation, bei der sich der Knorpel innerhalb von zwanzig Jahren abgenutzt hat.“ Arthrose ist eine Verschleißerkrankung, die mit zunehmendem Alter auftritt. „Wir haben die Probleme ab dem Alter von 30 Jahren“, unterstreicht Dr. Hirsch und schildert Beobachtungen aus dem Vietnamkrieg. Damals wurden gefallene GIs obduziert. „Rund ein Drittel von ihnen hatte Arthrose. Das geht früh los. Aber man merkt es oft nicht. Die Schmerzen kommen erst dann, wenn der Knochen unter dem Knorpel angegriffen wird. Das kann Jahrzehnte dauern“, betont Dr. Hirsch.

Sicher feststellen lässt sich die Arthrose in 95 Prozent der Fälle durch den Arzt, der dabei auf Röntgenaufnahmen zurückgreift. Was kann ein Patient tun, wenn die Diagnose positiv ausfällt? „Wir können auf den Schmerz einwirken, nicht auf die Ursache“, stellt Dr. Hirsch klar. „Neben der Schmerztherapie kann auch eine lokale Therapie mit Hyaluronsäure helfen.“ Da sich der Knorpel nicht wieder herstellen lässt, bleibt am Ende oft nur eine OP.

Viele Faktoren spielen mit

Betroffen sind neben älteren Menschen vor allem jene, die Extremsport betreiben. Vererblichkeit spielt sicher eine wenn auch schwer zu beziffernde Rolle. Auch Übergewicht belastet die Knochen und führt so zu Verschleiß und Ar-

throse. „Man hat bei Übergewichtigen sogar festgestellt, dass Fingergelenke betroffen sind. Es spielen also noch andere Faktoren wie metabolische oder hormonelle eine Rolle“, führt Dr. Hirsch aus. „Auch Diabetes, Ablagerungen im Gelenk und Entzündungskrankheiten erhöhen die Anfälligkeit.“ Wer schon mal eine Fraktur am Sprunggelenk oder Knie hatte, muss ebenfalls mit Arthrose rechnen. Zusätzlich sorgt ein sedativer Lebensstil dafür, dass Arthrose zum Problem wird. „Ich sehe viele Arbeiter oder Bauern, die zwar Arthrose haben, aber dank eines sehr gut funktionierenden Muskelapparates kein Problem damit haben. Doch das trifft auf jene, die viel sitzen, wenig Sport machen und den Abend vor dem Bildschirm verbringen nicht zu“, erläutert Dr. Hirsch. Er sieht aber davon ab, zu einer bestimmten Sportart zu raten. „Wichtig ist, dass es Spaß macht. Sonst machen es die Leute sowieso nicht.“

Drei goldene Regeln

Wissenswertes rund um Arthrose

In Luxemburg gibt es keinen eigenen Verein für Arthrose-Ratsuchende. Die Deutsche Arthrose-Hilfe hat eine informative Webseite zusammengestellt, auf der sie unter anderem auf die drei Arthrose-Regeln eingeht, die wir hier in verkürzter Form vorstellen. Dort gibt es noch viele weitere Informationen.CC

www.arthrose.de

Regel Nr. 1 | Mindestens drei Monate Schonfrist

Bei beschädigten Gelenken setzt der Körper zahllose Heilungsprozesse in Gang, um geschädigte Zellen zu erneuern. Aber das dauert. Denn bei vielen Alltagsbewegungen treten in den Gelenken Druckbelastungen auf, die sehr hoch sind. Gelenke sind also auch im Alltag stark belastet. Für einen Heilungsprozess sind mindestens drei Monate notwendig. Wird diese Heilungszeit nicht abgewartet und wird das Gelenk in dieser Zeit bereits wieder voll belastet, verzögert sich die Heilung, und das Gelenk wird sogar immer weiter geschädigt. Dies ist einer der Hauptgründe für die Entstehung und das Fortschreiten der Arthrose. Deshalb muss das Gelenk auch dann noch geschont werden, wenn keine Schmerzen spürbar sind.

Regel Nr. 2 | Wärme nur für Muskeln, nie für Entzündungen

Viele Menschen wollen sich mit Wärme oder Kälte Erleichterung verschaffen. Wann hilft was? Eine Wärmeanwendung darf nur dann erfolgen, wenn das Gelenk nicht entzündet und nicht geschwollen ist. Sie sollte nie direkt auf das Gelenk angewendet werden, sondern mit ausreichendem Abstand auf die Muskeln ober- und unterhalb des Gelenks. Kühlung kann bei einem akut entzündeten und geschwollenen Gelenk eine sehr wirksame Behandlung sein. Sie drosselt den Stoffwechsel, lindert die Gelenkhautreizung und wirkt damit abschwellend und schmerzstillend. Doch Vorsicht: Ein zu langes und zu tiefes Abkühlen kann Schäden zur Folge haben. Deshalb immer den Arzt fragen.

Regel Nr. 3 | Jedes Gelenk mit Knorpelschaden muss geschützt, geschont und um wenigstens um ein Drittel weniger belastet werden

Wer weiß, dass beim Tragen eines Koffers in den kleinen Fingergelenken Druckbelastungen entstehen, die mehr als 50-fach höher sind als der Druck, der in einem Autoreifen herrscht, versteht, dass Belastungen bedingt durch den Gelenkaufbau so ausfallen, dass eine möglichst große Fläche im Gelenk belastet wird, um die Last zu verteilen. Das reduziert auch die Belastung des Knorpelgewebes. Die Gelenke sind so geformt, dass die Belastung in ihnen möglichst gleichmäßig verteilt wird. Daher kommt schon kleinen Knorpelschäden eine große Bedeutung zu, weil sie dieses Prinzip stören und Tendenz haben, sich zu vergrößern. Sie sollten ernst genommen werden. Besonders wer sportlich aktiv ist, sollte darauf achten, das betroffene Gelenk über mehrere Wochen nur behutsam und vorsichtig zu beanspruchen. Bei Schmerzen im Gelenk sollten diese nicht mit Willensanstrengung überwunden werden. Man sollte vielmehr alle Möglichkeiten nutzen, um eine konsequente Entlastung zu erreichen.