LUXEMBURG
PIERRE BUCHHOLZ/JK

Das Karussell erobert die Kirmes-Welt

Die „Schueberfouer“ hat ein weiteres Mal das hauptstädtische Glacis auf dem Limpertsberg erobert und zahlreiche Schausteller haben mit ihren Fahrgeschäften, Marktständen, Spielen und Restaurationsbuden das Geschehen fest im Griff. Darunter befinden sich wie jedes Jahr zahlreiche Karusselle, welche zu den ältesten Attraktionen einer Kirmes gehören und die auch am Ursprung der heutigen sich drehenden Fahrgeschäfte stehen.

Die Wurzeln dieser sich drehenden anfänglichen Gestelle reichen bis ins Mittelalter zurück. Um ihre Geschicklichkeit zu schulen, spießten angehende Ritter, welche um das Karussell standen oder saßen, mit ihren Lanzen daran befestigte Ringe auf, ehe sie sich ins Kriegsgetümmel wagten. Das anfängliche Kriegstrainingsgerät wurde später besonders bei den damals beliebten Turnieren von jungen adligen Reitern benutzt, die auf ihren Pferden versuchten mit einer Lanze die sich im Kreis drehenden Ringe im rasanten Galopp zu treffen. So stammt der Name Karussell ursprünglich vom französischen „carrousel“ und italienischen „carosello“, dem gleichnamigen „Reiterspiel mit Ringelstechen“, ab.

Orientalische Kuriosität

Über das erste und älteste dokumentierte Karussell berichtete der englische Reisende Peter Mundy schon im Jahre 1620. In seinem orientalischen Tagebuch beschreibt er eine von Menschenkraft angetriebene Kuriosität, die er in der damaligen osmanischen Handelsstadt Philippopolis, dem heutigen Plowdiw in Bulgarien vorfand.

Im Laufe der Zeit wandelte sich das Spiel zu einem friedfertigen unterhaltsamen Fahrgeschäft der Hofgesellschaft und war besonders bei den Damen und natürlich bei den Kindern sehr beliebt. Die ehemaligen Reitpferde wurden kurzerhand durch hölzerne ersetzt und auf das Karussell selbst verbannt. So entstand das erste Karussell mit Holzpferden, angetrieben durch reine menschliche Muskelkraft. Diese wurden durch Personen angeschoben, die im Inneren der Konstruktion standen. Um diese Konstruktion herum hingen weiterhin Ringe, die ergriffen und heruntergeholt werden mussten.

Nach und nach entdeckte auch die einfache Bevölkerung das Pferdekarussell und das Ringelstechen blieb noch lange Zeit Bestandteil des fahrenden Vergnügens. Die ersten Karussells, die ohne Muskelkraft drehten, entstanden in den 1860er Jahren während der industriellen Revolution und wurden mit Dampf betrieben, bevor sie später elektrifiziert wurden. Zur gleichen Zeit wurden viele Karusselle mit dem sogenannten „Orchestrion“ bestückt, auch Jahrmarktorgel genannt, welches automatisch für eine Musikbegleitung sorgte und das Vergnügen noch steigerte.

Das weltberühmte Karussell, das sich am Montmartre in Paris dreht, galt lange Zeit als ältestes Karussell. Das Karussell auf dem Letna im tschechischen Prag ist jedoch um vier Jahre älter und gilt als das älteste erhalten gebliebene Karussell in Europa. Es war seit dem 11. Juli 1894 ununterbrochen in Betrieb bis zum 17. November 2004. Seine Pferde sind über 111 Jahre lang im Kreis galoppiert und es befindet sich heute im Nationalmuseum für Technik.

Abendländische Geschichten

Um die Karusselle ranken sich so manche Geschichten und besonders Langfinger haben es ihnen angetan. So wurde das „Orchestrion“ des historischen Karussells in Letna im Jahre 1994 gestohlen und ist auch nicht mehr aufgetaucht. Das Escher Urgestein Josi Schmit berichtete uns von einem Stadtkarussell in Spanien, das am helllichten Tag vor seinen Augen während seines Urlaubes von Dieben zerlegt und abtransportiert wurde. Augenzeugen glaubten, der Besitzer hätte den Platz geräumt.

Glück im Unglück hatte dagegen Dieter Ernst, der mit seinem Riesenrad „Jupiter“ die „Schueberfouer“ jahrelang beglückte und bis 1998 europaweit mit seinem Riesenrad unterwegs war. Mitte der 1960er Jahre hatte Ernst begonnen, ein altes Pferdekarussell aufwendig zu sanieren. Das historische Karussell war von seinem Gelände 1998 gestohlen worden. Jahre später entdeckte es ein aufmerksamer Urlauber in Kroatien.

Vor nunmehr fast 25 Jahren drehte noch das niedliche Karussell „Vieux Luxembourg“ („Pärderchersspill“) des Schaustellers Clement-Lindemann regelmäßig seine Runden in der Oberstadt und beglückte so manche Kinderherzen. Ein Unglück zerstörte das Karussell und es verschwand aus dem Stadtbild.

Eine schöne Geschichte erzählt ein kleines Karussell aus Holz im Heimatmuseum in Markt Schwaben nahe München. Das einzigartige unscheinbare Kleinod aus dem Zweiten Weltkrieg wurde von dem russischen Kriegsgefangenen W. Zloltka mit einfachsten Mitteln aus Sperrholz gefertigt. Es drehte sich dennoch um seine Achse und brachte in der damals harten Zeit die Kinderaugen zum Leuchten.

Das lustige und bunte Fahrgestell, das das Wort „Karussell“ beschreibt, lässt nicht nur Kinderaugen leuchten. Und so manches wiedergefundenes altes verblasstes und schon vergilbtes Foto birgt nostalgische Erinnerungen aus der Kinderzeit.