BUKAREST/TULCEA
MARCO MENG

Rumänien ist ein vielseitiges Land - und auf alle Fälle eine Reise wert

Wer zum ersten Mal Rumänien und die rumänische Hauptstadt besucht, der hat wohl noch die Bilder von bettelnden Straßenkindern und umherstreunenden Hunden im Kopf, die er nun „live“ zu sehen erwartet. Er wird aber enttäuscht sein: Bukarest ist eine quirlige, fast westlich anmutende Stadt, die längst nicht mehr von Armut geprägt ist. Auch in anderen Teilen des Landes wäre das überwiegend so, verraten einem diejenigen, die das Land in den letzten zehn Jahren mehrfach bereist haben. Zwar sind viele Straßenzüge der Zwei-Millionen-Metropole renovierungsbedürftig und abbruchreife Gebäude stehen neben modernen Neubauten - auch das Wirrwarr an herumhängenden Stromkabeln ist beängstigend -, doch es fällt auf, dass kein Auto auf den Straßen verrostet oder älter als sieben oder acht Jahre ist. Ein gewisser Wohlstand scheint also bei den Menschen angekommen sein, seit die ehemalige Diktatur zusammenbrach und das Land Mitglied der Europäischen Union wurde.

Es ist Anfang Juni. Die Hauptstadt liegt in brütender Hitze. Ich stehe vor dem Parlament. Nach dem Pentagon in den USA das zweitgrößte Verwaltungsgebäude der Welt. In Stein und Marmor gefasster Größenwahn, mit dem seit 1983 der diktatorische Staatspräsident Nicolae Ceaucescu ein „Haus des Volkes“ errichten wollte, aber wohl eher ein Denkmal für sich selbst. Bei der Führung durch die Räumlichkeiten staunt man nur ob der vielen edlen Hölzer und Marmorsorten. Dann stehe ich auf dem Balkon, von wo Ceaucescu zu den Massen sprechen und in deren Applaus er baden wollte. Dazu kam es nicht. Denn vor der Fertigstellung - eigentlich ist der Palast, in dem das rumänische Parlament tagt, noch immer nicht fertig - wurde Ceaucescu während der Revolution 1989 hingerichtet. Die erste Person, die den Balkon betrat und der frenetisch zugejubelt wurde, war Michael Jackson. Ironie der Geschichte, möchte man sagen.

Hauptziel meiner Reise war aber nicht die Hauptstadt, sondern das Donaudelta mehrere hundert Kilometer Richtung Schwarzmeerküste. Es steht unter Naturschutz und genießt seit 1991 die Deklaration der Unesco als Weltkulturerbe. Die Fahrt von Bukarest nach Tulcea dauert mit dem Bus rund vier Stunden und führt durch eine leicht hüglige Landschaft, bei der die sauberen und akkurat bestellten Felder auffallen. In Tulcea angekommen dann - das Meer. Das Meer? Nein, das kann nicht sein, es ist die Donau, die sich hier durch das Delta mit seinen zahlreichen Seen und Kanälchen ins zwanzig Kilometer entfernte Schwarze Meer erstreckt.

Einzigartiges Biosphärenreservat

„Das Delta wächst“, hatte mir tags zuvor Cristina Tarteata, Staatssekretärin im rumänischen Tourismusministerium, erklärt. Durch Sedimentablagerungen nimmt das Gebiet, das neben den Galapagos-Inseln und dem „Great Barrier Reef“ vor Australien die drittgrößte Artenvielfalt weltweit hat, rund 40 Meter pro Jahr Richtung Osten zu. In dieser Naturoase leben bislang vor allem Fischer in kleinen Fischerdörfern, die nur mit dem Boot erreichbar sind. Rumäniens Regierung möchte im ganzen Land und auch hier im Delta den Tourismus ausbauen. „Nachhaltiger Tourismus, kein Massentourismus“, sagt beim Mittagessen im kleinen Fischerörtchen Murighiol inmitten des Deltas der rumänische Tourismusminister Bogdan Gheorge Trif. Um das Naturerbe nicht zu gefährden, wolle man Wellnesstourismus im Delta fördern, dabei aber auf eine Limitierung der Zahl der Touristen achten. Auch in anderen Gebieten des Landes, zum Beispiel den Karpaten, wo rund 6.500 Braunbären leben, lege man Wert auf Naturschutz. Jagd auf Bären ist in Rumänien genauso verboten wie das Fangen des gefährdeten Beluga-Störs. Allerdings überlegt Bukarest gerade, die Bärenjagd wieder zu genehmigen, erfahre ich später...

Wenig Tourismus im Land

In ganz Rumänien und auch hier im Delta machen kaum Ausländer Urlaub. Die Gäste sind meist Einheimische. Einigen davon begegne ich bei einer Bootsfahrt durch einen der Kanäle des Deltas. Jemand schwimmt im Wasser, während sich drüben auf einer Halbinsel Pelikane sonnen; mehr als 300 Vogelarten gibt es hier, einschließlich Kormoranen und Seeadler. Durch riesige Seerosenfelder und Schilfrohr geht es dann hinein in einen Wald, der im Wasser steht. Wer sich hier nicht gut auskennt, wird Schwierigkeiten haben, je wieder aus dem Delta rauszufinden. Die Stille und die Naturschönheit beruhigen mich - auch weil ich sicher bin, dass dies nicht jedermanns Geschmack und allein schon deshalb zerstörerischer Massentourismus im Delta eher unwahrscheinlich ist.

Einst unter Ceaucescu, der hier „asphaltieren“ und industrialisieren wollte, war das Naturparadies gefährdet. Ob es Rumänien nun gelingt, den Spagat zwischen Öko-Tourismus und Naturschutz zu meistern? Trif meint ja: Man wolle das Naturerbe nicht gefährden und auch die Auszeichnung der Unesco behalten.