TRIER
MARCUS STÖLB

Mehr als ein Bilderbuch: Sempés neuestes Werk

Er ist der große Vater des „Kleinen Nick“, doch obschon der in Bordeaux geborene und seit langem in Paris lebenden Zeichner seit mehr als einem halben Jahrhundert Bildergeschichten zu Papier bringt, weiß man doch wenig über diesen Jean-Jacques Sempé. Über seine Kindheit wussten selbst Kenner bislang wenig zu berichten, dabei ist dieser Lebensabschnitt so wesentlich für Sempés späteres Schaffen; schließlich sind es mit Vorliebe Mädchen und Jungs, die er mit leichten Federstrichen zaubert, nicht nur den „Kleinen Nick“ und seine Freunde.

Sempé zeichnet meist eine heile Welt, seine Bilder sind meist von jener Unbeschwertheit, die man jedem Kind wünschen möchte. Dass der Künstler selbst wohl auf erfüllte und friedliche Kindheits- und Jugendjahre zurückblieben kann, diese Gewissheit glaubte man haben zu dürfen nach all den Bilderbüchern, die sich auch der Verfasser dieser Zeilen in den vergangenen Jahren zulegte. Doch weit gefehlt, denn nun hat Sempé Auskunft gegeben. Herausgekommen ist - wieder einmal - ein wunderschöner Bildband, in dem sich allerdings auch ein über weite Strecken berührendes und auch desillusionierendes Interview findet. Selten zuvor hat der Künstler, der nur wenige Interviews gibt, derart ausführlich über sich gesprochen; und dem Titel des Werks entsprechend, kommt auch seine Kindheit zu Sprache.

„Nicht übertrieben heiter“ sei seine eigene Kindheit gewesen, berichtet er, um dann deutlicher zu werden: „Sie war sogar ziemlich grauenvoll und auch ein wenig tragisch“. Sempé erfuhr nach eigener Darstellung wenig bis gar keine mütterliche Zuneigung, sein Vater neigte zur Gewalt.

Es fehlte an Geld, der Vater vertrank das wenige. Doch Sempé verurteilt seine Eltern nicht, übt sich in Nachsicht. „Meine Eltern, die armen, haben getan, was sie konnten“, erzählt der heute 80-Jährige dem französischen Journalisten Marc Lecarpentier, „ich mache ihnen nicht den geringsten Vorwurf, sie haben sich ebenso durchs Leben schlagen müssen“.

Sempé trägt nicht nach, und vielleicht erklärt dies zu einem Teil die Leichtigkeit, die aus seinen Bildern spricht. „Kindheiten“ sticht aus der mehr als ansehnlichen Reihe seiner Werke heraus, es zählt zu den schönsten, die von ihm bislang erschienen. Und weil man in seinem ausführlichen Interview mehr als je zuvor über ihn erfährt, ist dieses Buch für jeden Sempé-Freund eine willkommene Pflichtlektüre.

Jean-Jacques Sempé, Kindheiten, Diogenes Verlag 2012, 272 Seiten, 39,90 Euro.