HELLINGEN
PATRICK WELTER

Fondation Linster-Weydert: Erlebte, gebaute und gesammelte Geschichte

Elf Mann. In zwei höhlenartigen Räumen. Zugang durch einen Kriechtunnel unter Tonnen von Bohnenstroh. Ein Eimer in der Ecke als sanitäre Einrichtung. Immerhin ein Ausblick durch schmale Luken nach draußen. Bis zu elf Monaten hockten sie dort im „Bunker“ eng aufeinander. Schrecklich, aber allemal besser als in deutscher Uniform in den Krieg zu ziehen oder von der Gestapo erwischt zu werden. Man wusste, was in Hinzert und anderswo geschah.

Zunächst zwei und zum Schluss elf junge Männer, Deserteure aus der Wehrmacht, hatten im Anwesen der Familie Linster in Hellingen wortwörtlichen Unterschlupf gefunden. Vom Spätsommer 1943 bis zum Einmarsch der Westalliierten am 9. und 10. September 1944 lebten sie im „Bunker“. Eine Geste der Menschlichkeit von Marie Linster und ihren drei Kindern in unmenschlichen Zeiten.

Allein diese Geschichte macht den stattlichen Bauernhof der Familie Linster, mit seinem in der napoleonischen Zeit errichteten Haupthaus zu einem wertvollen steinernen Zeitzeugen. Andererseits ist auch der Hof selbst ein geschütztes Baudenkmal, das neben zahlreichen Nebengebäuden auch noch über alte Gärten und Streuobstwiesen verfügt, die man vorzeigen muss.

37.000 Artefakte

Als ob das nicht ausreicht, hat der Hof noch eine dritte Seite. Aloyse Linster blieb mitten im Krieg ein akademischer Weg versperrt. Er musste das Lyzeum verlassen, um als ganz junger Mann den Hof zu übernehmen. Mit der Folge, dass dort ein kluger Hobbyarchäologe hinter dem Pflug herging oder auf dem Traktor saß. Im Laufe der Jahrzehnte wurde - nur in Hellingen - eine archäologische Sammlung zusammengetragen, die von der Jungsteinzeit bis ins 19. Jahrhundert reicht und weit über 37.000 Artefakte umfasst. Dazu gehören unter anderem ein Freiluft-Lapidarium, das steinerne Zeugen im Garten zeigt, eine Edelsteinsammlung, eine Sammlung von Verhüttungsmaterialien und Schlacken, Pfeilspitzen etc.

Die unverheiratet und kinderlos gebliebenen Geschwister Linster haben das ganze Gebäude mitsamt seinen Sammlungen und seinem Umfeld in eine Stiftung eingebracht, die „Fondation Linster-Weydert“, um das Ensemble für die Nachwelt zu erhalten. Die letzte der Linster-Schwestern wohnt heute noch in dem stattlichen Anwesen, das als „Maison de l’Histoire et du Souvenir“ für Ausstellungen und Veranstaltungen genutzt wird. Allerdings unter erschwerten Bedingungen…

Bettel und Arendt zu Besuch

Die ehrenamtlichen Helfer der Stiftung tun ihr Möglichstes, doch fehlt es an einer entsprechenden Einbindung in ein historisches Netzwerk und vor allem fehlt es an finanziellen Mitteln, die, so hofft man, von staatlicher Seite kommen müssten.

Gestern machten sich Premierminister Xavier Bettel und Kulturstaatssekretär Guy Arendt ein Bild von der Situation vor Ort. Romain Becker, Ingenieur aus Kayl und in der Fondation engagiert, erläuterte die Pläne für einen Ausbau. Trotz der historischen Bedeutung mangelt es auf dem Gelände am Notwendigsten, so gibt es weder Garderobe noch Toiletten. Sammlungen und Buchbestände von 8.000 Bänden, darunter viele Nachlässe, sind zum Teil dezentral untergebracht. Becker erläuterte die Pläne (ein allgemeines Vorprojekt - APS) für einen Bau mit Versammlungsräumen, eine Bibliothek und Besucherinfrastruktur. Da der Hof ein geschütztes Denkmal ist, würde der Neubau als „Haus im Haus“ im Inneren der Scheune, deren hoher Dachstuhl an ein Kirchenschiff erinnert, errichtet werden. Von außen nicht sichtbar und im Inneren voll funktional. Erste Vorarbeiten zur Überprüfung der Statik werden mit rund 27.000 Euro vom Denkmalamt finanziert. Außerdem geht es stets darum Teile des Gebäudes gegen Witterungseinflüsse zu sichern und undichte Dächer zu schließen.

Trotz der widrigen Bedingungen ohne festes Personal und unzureichenden Geldmitteln leisten die ehrenamtlichen Mitarbeiter vor allem viel Jugendarbeit. Ihr Motto lautet: Im Haus und in den Gärten wird Geschichte lebendig, bleibt nicht so trocken wie in der Schule und ist „praktisch“ erlebbar. In und um das Gehöft reichen die historischen Zeugnisse von 20.000 vor Christus bis in die 1940er.

Bettel empfiehlt Kooperation

Premier- und Kulturminister Bettel empfahl den Mitarbeitern der Stiftung sich mit anderen Institutionen oder Vereinen zusammenzuschließen, um Parallelstrukturen - etwa bei der Erinnerung an die Refraktäre - zu vermeiden. Dennoch sichtlich beeindruckt fasste Bettel die Sammlungen und das Anwesen in einem perfekten Satz zusammen: „Hier ist keine Seite Geschichte geschrieben worden, sondern ein ganzes Buch.