LUXEMBURGMARCUS STÖLB

Eine Sammlung von Nachrufen auf „ganz normale“ Menschen

Ich hoffe nicht, dass nach dem Tod noch was kommt. Für mich soll alles vorbei sein. Ich will weg, rein in die Grube und vorbei“. Irmgard Kosinski erwartet nichts mehr vom Leben, jetzt, wo sie im Heim lebt. Die 78-Jährige zieht Bilanz: „Oft war ich einsam, weil ich mich mit meinem Mann nicht austauschen konnte“, sagt sie und fügt bitter hinzu, „aber damit habe ich mich jetzt auch abgefunden“.

Sich ins eigene, vermeintlich oder tatsächlich unabänderliche Schicksal fügen, klingt in vielen der Autobiographien durch, die Christiane zu Salm aufgezeichnet hat. „Dieser Mensch war ich“ heißt ihr Buch, „Nachrufe auf das eigene Leben“; auf das von Menschen, von denen man nie Notiz genommen hätte.

Frühe Nahtoderfahrung

Christiane zu Salm zählt nicht zu diesen Menschen. Die ehemalige MTV-Chefin ist durchaus prominent. Früh wurde sie mit dem Tod konfrontiert, als Sechsjährige erlebte sie mit, wie ihr jüngerer Bruder tödlich verunglückte. Als sie von einer Schneelawine begraben wurde, machte zu Salm eine Nahtoderfahrung. Vor allem aber arbeitet sie ehrenamtlich in einem Hospiz. Im Rahmen ihrer Ausbildung für dieses Ehrenamt musste sie einen Nachruf auf sich selbst verfassen. 15 Minuten hatte sie Zeit, auf ihr Leben zurückzublicken - eine schier unmögliche Aufgabe, dachte sie. Und erkannte dann, dass es eine „perfekte Möglichkeit“ war, „ein paar Dinge aus meiner ganz eigenen Sicht geradezurücken, ohne Widerspruch und Gegenargumente anhören und ertragen zu müssen“.

Diese neue Freiheit im Angesicht des Todes nutzten viele der von der Autorin befragten Menschen. Alle eint die Aussicht, nicht mehr lange zu leben, manche sind bei Erscheinen des Buchs bereits verstorben. Es sind Geschichten von Menschen, die ihrem Leben eine Wendung gaben, es auskosteten, und auch solche, die nie das Leben lebten, das sie sich gewünscht hatten. Es sind Menschen wie Susanne Möbius, die im Alter von 40 begann zu lernen, „meine eigenen Bedürfnisse zu leben“ - und die mit 74 sagt: „Schon seit längerer Zeit habe ich mein Leben so eingerichtet, dass ich glücklich bin“.

Eine denkwürdige Geschichte

Manche haben ihren Frieden gemacht, andere plagen bis zuletzt Schuldgefühle. Wiederum andere lüften Geheimnisse, die sie zu Lebzeiten für sich behielten. Johanna Thalmann etwa, die im Alter von 53 Jahren an Knochenkrebs stirbt: „Vielleicht habt ihr euch gefragt, warum ich ein Auto hatte und auch zweimal im Jahr in Urlaub fahren konnte. (…) Jetzt kann ich es euch ja sagen, muss schließlich keine Angst vor euren Reaktionen mehr haben: Nachts habe ich als Prostituierte gearbeitet“.

Es sind solche denkwürdigen Geschichten, die das Leben schrieb, die das Buch so lesenswert machen. Und über allen Aufzeichnungen steht unausgesprochen der Satz: Lebe dein Leben, bevor es zu spät sein könnte!

Christiane zu Salm, Dieser Mensch war ich - Nachrufe auf das eigene Leben, Verlag Goldmann, 256 Seiten, 17,99 Euro