LUXEMBURG
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Vor der Glyphosat-Entscheidung vom 27. November zieht Landwirtschaftsminister Etgen klare Bilanz

Das Schicksal des Glyphosats in der EU wird wohl am 27. November entschieden werden. Dann wird es in der EU-Kommission zu einem Entscheidungsvotum kommen, um über die Verlängerung der Glyphosat-Bestimmungen zu beraten. Die derzeitige Lizenz läuft zum 15. Dezember aus - es besteht also durchaus Zeitdruck. Derzeit ist eine Übergangsphase von fünf Jahren im Gespräch.

Bei der vergangenen Abstimmung am 9. November hatten die 16 Teilnehmer keine Einigung finden können; neun Mitglieder, darunter Frankreich und Italien, hatten gegen die Resolution gestimmt, drei Mitglieder hatten sich für eine Erweiterung von drei Jahren ausgesprochen. Andere Mitglieder halten die Phase von fünf Jahren für zu kurz bemessen.

Auch Luxemburg sieht sich der Problematik von Glyphosat ausgesetzt, wie Landwirtschaftsminister Fernand Etgen erklärt. Der Ausstieg ist für den Landwirtschaftsminister unausweichlich: „Nicht nur die luxemburgische Landwirtschaft muss aus dem Glyphosat heraus; die gesamte EU-Landwirtschaft muss den Wechsel schaffen“, unterstreicht Etgen.

Pestizid-Aktionsplan kommt

„Klarerweise kann das nicht im Handumdrehen passieren; wir müssen mit Forschungsinstituten und der Landwirtschaft zusammen eine Ausstiegsstrategie aufsetzen.“ Dabei spielen Alternativen eine große Rolle. „Wir warten dabei nicht auf den 27. November. Wir haben uns schon mit dem Sektor getroffen und haben mehrere Projekte, die landesweit nach alternativen Methoden forschen - etwa einer neuen Fruchtfolge, dem Einsatz von Zwischenfrüchten, neuen Kulturen. Dazu gehören auch neue Verkaufsstrategien und Kompensationen für Bauern“, erklärt der Minister.

Dazu gehöre auch der nationale Pestizid-Aktionsplan, dessen aktuellste Version kurz vor der Fertigstellung sei und schon bald seinen Weg in den Regierungsrat finden soll: „Dabei sollte bedacht werden, dass mehrere öffentliche Beratschlagungen und Analysen in den neuen Aktionsplan eingeflossen sind. Das erklärt die Verzögerung in der Vorstellung der neuen nationalen Planung“, sagt Etgen. „Die aktuelle Version ist aber so gut wie fertig und wird zeitnah vorgelegt.“

Gespannt sei er trotzdem auf die Ergebnisse der Abstimmung vom 27. November: „Bei der letzten Abstimmung im Comité kam keine qualifizierte Mehrheit heraus. Daraufhin musste die EU-Kommission für den kommenden 27. November das ‚Appeal‘-Comité zusammenrufen, um den Fall zu Ende zu bringen“, erklärt Etgen. „Zu erwarten ist, dass die Kommission dabei erneut mit dem Standpunkt der Zulassung für fünf Jahre antreten und testen wird, ob die Mitglieder auch weiter hart bleiben. Eine Option wäre natürlich eine andere Zulassungsdauer.“ Gesetzt den Fall, dass die Kommission auch weiterhin keine Mehrheit zusammen bekomme - für keine Vorlage - so habe sie die Möglichkeit, das Projekt anzunehmen. •

Wundermittel mit Schattenseiten: Ob Glyphosat in der EU weiter zugelassen wird, ist alles andere als gewiss

Seit über 40 Jahren ist es weltweit im Einsatz: das „Total-Herbizid“ Glyphosat, das garantiert jedem Kraut den Garaus macht.
Die konventionelle Landwirtschaft hat sich längst auf das vom US-Konzern Monsanto erfundene Wundermittel eingestellt, das zeigt die steile Kurve der Nachfrage über die letzten zwei Jahrzehnte.
Befeuert wurde sie auch noch von den Vorstößen Monsantos in der Genmodifizierung: Der Konzern brachte Glyphosat-resistente Pflanzen auf den Markt, denen das Herbizid nichts anhaben kann.
Eigenschaften, die schon bei wenigen Hektar Anbau mitunter riesige Einsparungen bringen. Schließlich entfallen mühsame zeit- und kostenintensive Einsätze gegen das Unkraut. Einmal flächendeckend gesprüht - und da wächst keins mehr zwischen den Nutzpflanzen.
Während die Debatte um genmodifizierte Pflanzen und die Auswirkung von Pestiziden auf die Biodiversität angesichts solcher Praktiken bereits seit langem in Fachkreisen läuft, ist Glyphosat, das die meisten Privatverbraucher in unseren Breitengraden als „Roundup“ kennen, erst seit einigen Jahren richtig ins Scheinwerferlicht der Aktualität gerückt.
Durch eine Studie der Weltgesundheitsorganisation, die das Mittel als „möglicherweise krebserregend“ einstufte. Das war im März 2015, just zu dem Moment, als wieder eine Verlängerung der Genehmigung für das Mittel in der EU zur Debatte stand.
Der öffentliche Aufschrei für ein sofortiges Verbot von Glyphosat war damals groß. Und schoss Pläne der EU-Kommission ab, die Genehmigung für weitere 15 Jahre zu verlängern. Dem Aufschrei taten auch die Studien keinen Abbruch, die keinen Zusammenhang zwischen dem Mittel und Krebs feststellen konnten.
Im Frühjahr 2016 gelang es nach mehreren Anläufen nicht, eine qualifizierte Mehrheit der EU-Staaten für auch nur eine Verlängerungsoption zu gewinnen. Am Ende entschied die EU-Kommission alleine und dehnte die Genehmigung um anderthalb Jahre aus.
Genügend Zeit dachte man sich wohl damals, um einen Kompromiss über den künftigen Umgang mit Glyphosat zu finden, das manche Länder, Städte und Kommunen rund um den Globus bereits aus öffentlichen Räumen verbannt haben oder dessen Einsatz stark eingeschränkt wurde.
Die Erfahrung der letzten Monate zeigt, dass es zwischenzeitlich noch weit schwieriger geworden ist, einen Konsens in der EU zu finden. Voraussichtlich wird es erneut darauf hinauslaufen, dass die EU-Kommission erneut eine Entscheidung wird fällen müssen, wie lange Glyphosat weiter zugelassen wird und ob überhaupt. Die Landwirtschaft sorgt sich - zu Recht - über die Konsequenzen eines Verbots, wird sie ihre Anbautechniken doch gründlich umstellen müssen, eine Herausforderung, die allerdings nicht neu ist.
Denn die Verbraucher wollen immer mehr Lebensmittel aus Produktionen ohne irgendwelche Gifte. Dass sie dann beim Einkauf drauflegen müssen, liegt allerdings auf der Hand.  Claude Karger