LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Luxemburg und Internet - darum ging es zwei Tage lang in der Handelskammer auf den „Luxembourg Internet Days“

Die Veranstaltung, die sich vor allem auf technische Aspekte konzentriert, fand zum vierten Mal statt. Rund tausend Fachbesucher kamen zu dem von „Luxembourg Commercial Internet eXchange“ (LU-CIX) organisierten Event. Während es am Dienstag vor allem um Digitalisierung und ihre Rolle für kleine und mittlere Unternehmen ging, standen gestern „Distributed Denial of Service“ (DDoS)-Angriffe auf der Agenda. Premier Xavier Bettel eröffnete den zweiten Tag als Gastredner. Wir haben mit den Organisatoren gesprochen, stellen die drei Schwerpunkte vor und fassen zusammen, was Thierry Geerts, Google-Direktor aus Belgien, den luxemburgischen Unternehmen mahnend ins Stammbuch schreibt.


Die Internet-Entwickler

Marco Houwen, Präsident von LU-CIX, und sein CEO Claude Demuth erklären, was sich im Internetbereich verändert hat. Zum ersten Mal gibt es 2017 auf den „Luxembourg Internet Days“ ein Partnerland: Kanada - mit besonderem Fokus auf Quebec - informierte über Aspekte im Zusammenhang mit der Veranstaltung. Erstmals gab es auch Speed-Pitches und anschließende Demos, bei denen sich acht Unternehmen in jeweils einer Minute vorstellten und somit die Gäste überzeugen konnten, an ihren zehnminütigen Speed-Demos teilzunehmen. Warum das alles? LU-CIX-Präsident Marco Houwen und sein CEO Claude Demuth wissen Antwort.

Warum ist in diesem Jahr DDoS ein Schwerpunkt - und was ist das?

Claude Demuth Dahinter stehen Attacken, die von vielen Servern oder Computern gleichzeitig gegen eine Stelle laufen. Diese „Distributed Denial of Service“-Attacken haben beispielsweise Regierungs- oder Unternehmensseiten lahmgelegt. Als unsere Regierung hier durch eine DDoS-Attacke auf die Staatsinformatik (CTIE) im Februar angegriffen wurde war für uns klar, dass dies ein Thema ist. Denn gegen DDoS-Attacken kann man sich schützen.

Marco Houwen Deshalb gibt es in diesem Jahr auch einen speziellen Raum, in dem Aussteller vorführen können, wie ihre Software tatsächlich funktioniert. Und wir veranstalten Kurzvorstellungen, bei denen die Unternehmen in einer Minute vorstellen, was sie tun.

Ein weiterer Schwerpunkt sind kleine und mittlere Unternehmen. Wieso?

Houwen Wir sehen jedes Jahr, welche Probleme die Unternehmen haben. Jeder beschwert sich, wenn die Luxemburger im Ausland einkaufen, aber keiner hier hat Webseiten, um seine Ware selbst zu verkaufen. Ähnlich ist es mit den Clouds. In Luxemburg sind weniger als ein Viertel der Unternehmen in der Cloud, woanders schon mehr als die Hälfte, der Durchschnitt liegt bei 30 Prozent.

Warum werden Leute Mitglied bei LU-CIX?

Demuth Einige wollen den technischen Anschluss nicht verpassen, andere sind Technikanbieter und wollen den Datendurchfluss optimieren. Ein weiterer Grund sind Marketing und soziale Netzwerke. Viele lernen uns auf den „Luxembourg Internet Days“ kennen und finden, dass sich die Mitgliedschaft im Verein für rund 2.000 bis 2.500 Euro jährlich lohnt.

Wo steht Luxemburg international?

Houwen Wir haben gute Netzwerke und Datencenter. Das Glasfasernetz gehört zu den besten in Europa. Die Unternehmen selbst müssten sich aber viel stärker reinarbeiten, um der internationalen Konkurrenz zu trotzen. Wenn Luxemburger bei Zalando statt hier auf der Webseite des lokalen Geschäfts kaufen, müssen sich die Unternehmen nicht beschweren. Luxemburger Unternehmen verlieren so unnötig Kunden. Sie müssen aufwachen. Nur die Unternehmen selbst können ihr Alleinstellungsmerkmal herausarbeiten.

Was planen Sie für LU-CIX und die „Luxembourg Internet Days“?

Demuth Wir haben zwei Aufträge: Zum einen die Weiterentwicklung, Unterstützung und Vermarkten des Luxemburger Internet- und Rechnungszentrums-Standort in Europa und wollen deshalb auch im Ausland in der Zukunft die Vermarktung verstärken. Zum anderen bietet LU-CIX eine technische Plattform für den Austausch des nationalen und internationalen Internetverkehrs an und wir sind in sieben Rechnungszentren präsent. Damit haben wir Erfolg. Belgien beispielsweise ist elf Mal größer als Luxemburg, aber hat nur doppelt so viel Datenverkehr über den Belgischen Internet Exchange. Das ist schon gut. Darüber hinaus arbeiten wir an Sicherheitsfeatures, die immer wichtiger werden.

LU-CIX

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Die „Luxembourg Internet Days“ werden von „Luxembourg Commercial Internet eXchange“ (LU-CIX) veranstaltet, das 2009 gegründet wurde. Das ist zum einen ein gemeinnütziger Verein, zum anderen ein „Groupement d’Intérêt Économique, (GIE). Beide wollen nationale und internationale Unternehmen zusammen bringen, um den Internetbereich zu fördern. Auch Datencenter wollen sie vermarkten. www.lu-cix.lu

„Erfinden Sie sich neu!“

LUXEMBURG Er war ein Ehrengast und vielleicht erwartete der eine oder andere Besucher der „Luxembourg Internet Days“ von Thierry Geerts mehr oder minder höfliche Worte. Stattdessen gab es am ersten Tag der Veranstaltung eine Standpauke, die sich vor allem an kleine und mittlere Unternehmen richtete. Hier der zusammengefasste Vortrag des Google-Chefs für Luxemburg und Belgien.

„Heute sind rund drei Milliarden Menschen online - aber das ist in unseren Augen erst die Dämmerung des Internets“, versicherte Geerts. „Denn bis 2020 wird der Markt auf fünf Milliarden Euro geschätzt. Bei Google sei man sich sicher, dass der Internetzugang bald zu den Grundrechten der Menschen zählen werde. Der nächste Schritt sei die künstliche Intelligenz. „Dabei geht es nicht um RoboCop oder den Terminator, das ist viel menschlicher. Es geht um Dinge wie Stimmerkennung und Sprachservices“, gab er einen Ausblick. Schon jetzt würden Millionen Menschen einen persönlichen Assistenten nutzen. „Der sagt ihnen beispielsweise, wie das Wetter an Ihrem Urlaubsziel in Portugal ist. Die digitale Revolution ist schon da.“

Für Geerts bedeutet dies einen historisch ebenso einschneidendes Ereignis wie die Mechanisierung und der Dampfantrieb 1784, die Massenproduktion und Elektrifizierung 1870 oder die Automatisierung und PCs ab 1969. Er hat auch Verständnis, wenn einige darauf mit Angst reagieren. „Früher glaubten die Leute auch, bei 50 km/h würde sich der menschliche Körper auflösen und wollten deshalb nicht Zug fahren.“ Doch Entwicklungen wie autonome Fahrzeuge ließen sich nicht aufhalten. „Was sich verändert, ist der Schritt von der Produktion hin zum Wissen. Früher war eine Gesellschaft reich, wenn sie Werkzeuge hatte. Heute ist sie das, wenn sie Zugang zu Kunden-

informationen hat“, unterstreicht er. „Egal, was Sie mit dieser Einsicht machen: Sie müssen ihr Geschäft neu erfinden.“ Dabei seien drei Eigenschaften besonders wichtig: Schnelligkeit, Personalisierung und nahtloser Übergang. „Jedes kleine und mittlere Unternehmen hat heute drei Milliarden potenzielle Kunden, die nur einen Klick weit entfernt sind“. Aber wer Erfolg haben will, sollte seine Kunden nicht warten lassen. „Nach drei Sekunden Wartezeit verlassen 53 Prozent der Kunden das Online-Portal“, warnt Geerts - und gab gleich eine Webseite für den Selbsttest an.

Luxemburger Paradox
In Luxemburg hat zwar praktisch jeder ein Handy. „Aber es gibt unglaublich wenig Angebote online“, wundert sich der Google-Direktor. „In Luxemburg werden 87 Prozent der online erstandenen Ware woanders als im Land gekauft. Nur sieben Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen verkaufen online.“ Die Unternehmen meinten, das sei zu kompliziert, zu teuer, oder sie bräuchten es nicht oder hätten niemanden. „Das Resultat ist, dass Zalando und Amazon mehr Umsatz machen“, geißelt Geerts. Und legte nach. „Sie sind besessen von Datencentern! Es wäre weit sinnvoller, sich um die 80.000 Arbeitsplätze zu kümmern, die durch die Digitalisierung der kleinen und mittleren Unternehmen entstehen könnten!“CC

Hier können Unternehmen testen, wie schnell ihre eigene Webseite ist: g.co/TestMySite



Bettel will „Infrachain“ finanziell unterstützen

Xavier Bettel will die von ihm gestartete Initiative „Infrachain“ finanziell unterstützen. Das sagte er auf den „Luxembourg Internet Days“. Auf der gleichen Veranstaltung hatte er 2016 in seiner Eigenschaft als Kommunikationsminister angekündigt, festzustellen, welche Bedürfnisse es beim Thema „Blockchain“ gibt. „Digital Lëtzebuerg“, LU-CIX, CTIE, LuxTrust, Telindus und die Post-Tochter „InTech“ hatten sich daraufhin zur Task-Force „Infrachain“ zusammengeschlossen. Der Regierungsrat hat darüber hinaus zugestimmt, dass der Staat Gründungsmitglied werden kann. Sieben weitere Akteure wollen ebenfalls bei „Infrachain“ mitmachen. Es handelt sich um KPMG, KYC3, Scorechain, SnapSwap, Bitbank, Grant Thornton und Allen & Overy. Das Projekt ist für die Regierung eine Initiative, um die Akzeptanz neuer Technologien zu erhöhen und Kompetenzen im Bereich „Blockchain“ zu fördern.

Drei Schwerpunkte der „Luxembourg Internet Days“

Lähmende Attacke DDoS 
Hinter der kryptischen Abkürzung verbirgt sich der „Distributed Denial of Service attack“ (DDoS). Wenn so viele Zugriffe auf eine Webseite oder ein Unternehmen oder eine Dienststelle erfolgen, dass der Server oder andere Komponenten des Datennetzes nicht mehr reagieren können und die Seite lahmgelegt ist, spricht man von DDoS. Cyberkriminelle nutzen das, um von anderen Attacken abzulenken oder mit gefälschten Antworten zu kompromittieren. DDoS wird auch für Proteste genutzt. So wurden 2010 die Seiten von MasterCard, Visa, PayPal und Amazon lahmgelegt. Die Zahl der Angriffe steigt massiv an. Mehr als ein Viertel der angreifenden Bot-Netze befinden sich in China, Indien und dem Irak. Luxemburgs Staatsministerium war am 27. Februar selbst Ziel einer solchen Attacke. Daher beschlossen die Veranstalter, diesen Schwerpunkt zu setzen. Gleichzeitig stehen viele Schutzmöglichkeiten zur Verfügung, zu denen auf den „Luxembourg Internet Days“ beraten wurde.


Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) 
Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) machen rund 98 Prozent aller Unternehmen in Luxemburg aus. Für sie ist die Digitalisierung eine besondere Herausforderung, weil sie nicht auf das gleiche Personal wie Konzerne zurückgreifen können. Andererseits können jene, die ihre Ware online anbieten, ganz neue und sehr zahlreiche Käuferschichten erreichen. Spezielle Ateliers und Ausstellungen sollten diesen Schwerpunkt auf den „Luxembourg Internet Days“ illustrieren.


Kanada 
Erstmals ist ein Land Partner der Veranstaltung. Kanada und insbesondere die frankophone Provinz Québec standen im Fokus der Luxembourg „Internet Days“. Die Veranstalter wollen damit zeigen, dass der digitale Wandel eine globale Herausforderung ist. Da Kanada in diesem Jahr 150 Jahre seiner Existenz feiert – genau wie Luxemburg – ist es als erstes Land dabei. Die Verlosung von Reisen und Flugtickets sollte den Besuchern Anreize bieten, sich am Stand zu informieren.