LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Wie wir im Alltag miteinander umgehen

Nörgler sind nervig. Menschen, die sich immer wegen irgendetwas beklagen, entweder weil Schnee liegt oder weil kein Schnee liegt, weil sie zu viel zu tun haben, oder weil sie sich langweilen und so weiter. Stets geht es ihnen schlecht, sehr schlecht, sie sind müde, hungrig, durstig und verkatert, vor allem aber gründet ihre schlechte Laune darin, dass sie nichts Ernsthaftes finden, was sie zu beanstanden haben. In all diesen Fällen mag ich Nörgler nicht. Heute aber will ich mir selbst ein wenig Negativität erlauben und sage vorweg, dass ich es eben nicht aus Freude an der Nörgelei tue, sondern, weil mir das ein ernstes Anliegen ist.

Ein Teufelskreis?

Ich meine, beobachten zu können, dass uns ein wenig der gegenseitige Respekt voreinander, vielleicht auch uns selbst gegenüber, aber das ist ein anderes Thema, abhan-dengekommen ist. Nun ist eine solche Behauptung keine Kleinigkeit und nichts, das ich einfach so äußere. Zunächst muss ich ausschließen, dass das kein subjektiver Eindruck ist und dass ich nicht vielleicht ein wenig zu sensibel reagiere. Ob Sensibilität und Feingefühl Fehler sind, darüber bin ich mir unsicher; sicher ist nur, dass man sich, wenn man ein Übermaß davon hat, selbst schadet und gut daran täte, es zu mäßigen. Vielleicht mündet aber genau das in einen Teufelskreis: Wir versuchen, weniger sensibel zu sein, weil wir uns damit das Leben schwer machen und treten damit auch anderen mit weniger Sensibilität gegenüber, wodurch diese sich womöglich verletzt fühlen und ihrerseits ihre Sensibilität zu zügeln versuchen und so weiter. Was diese These stützt, ist die Beobachtung beziehungsweise das Geständnis, dass ich mich in der Tat dabei ertappe, dass ich manchmal Dinge tue oder sage, die ich meinem inneren moralischen Uhrzeiger nach besser unterlassen hätte und umgekehrt.

Bevor ich mich in abstrakten Bemerkungen verliere, will ich zu konkreten Beispielen übergehen, auch wenn ich damit womöglich das Phänomen als Ganzes bagatellisiere und mich in Klischees verstricke. Denn die einzelnen Erlebnisse entfalten ihre Wirkung nur, wenn sie geballt auftreten.

Achtung, hier komme ich!

Nach einer geräuschvollen Partynacht geht mein Nachbar schlafen, ich muss aufstehen. Kurz nach neun verlasse ich die Wohnung. Vor meiner Tür liegt eine leere Schokoriegelverpackung, zwei Türen weiter lagert, ebenfalls im Flur, der Abfall einer ganzen Familie und zwar seit nunmehr zwei Wochen. Kippen sind dort ebenfalls zu finden. Nicht auffindbar hingegen die Unterwäsche meiner Freundin. Die hat jemand aus der gemeinsamen Waschküche entwendet. Vielleicht der Typ, der ihr eine Massage und mir ein Zaubermittel gegen meine Müdigkeit anbieten wollte?

Dann nehme ich den Bus und steige, wie immer, als letzte ein, weil ich als einzige das Spiel nicht mitspiele, dass es wohl einen imaginären Preis zu gewinnen gibt, wenn man sich vor die anderen drängt, vor ihnen einsteigt, ihnen drinnen auch noch ständig den Rucksack um die Fresse haut.

Weiter geht’s in die Uni, da müssen die vorderen Reihen frei bleiben, damit der Dozent sich auch richtig blöd vorkommt, wenn alle Studierenden ganz hinten Platz nehmen. Als wäre es, wenn auf allen (!) Tischen Handys liegen und der ein oder andere Kopfhörer trägt, nicht sowieso ersichtlich, dass ihm keine Aufmerksamkeit gebührt. Die letzte Reihe ist übrigens die VIP-Reihe, wenn man sich dorthin setzen will, heißt es: „Nö, hier ist schon besetzt“, denn die coolen Kids der coolen Clique setzen sich, genau eine Minute vor Veranstaltungsbeginn, dorthin, während IHRE Plätze brav freigehalten wurden. Das haben sie sich bestimmt von den Holländern im Urlaub abgekuckt, die schon morgens beim Frühstück ihre Handtücher auf die Liegen beim Pool legen, um sie zu „reservieren“ …

Beim gemeinsamen Mittagessen heißt es: „Sorry, ich muss nur dieser Freundin kurz antworten, geht auch ganz schnell“. Heimlich schreiben sie dann nicht der Freundin, sondern dem Lieblingsmusiker auf Instagram: „Du bist eine Niete und ich hasse dich. Aber ich will ein Foto mit dir, damit ich selbst mehr Follower bekomme.“ Schnell müssen sie auch wieder gehen, diese Freunde, die, wenn man sich nicht sehen kann, keine Zeit zum Schreiben haben, und wenn man sich sieht, keine Zeit zum Reden haben. „Tut mir leid, du bist in meiner Chatliste ganz nach unten gerutscht“, erklärte mir letztens eine Freundin, als sie mir nach anderthalb Wochen auf die Nachricht „Wie geht’s dir?“, antwortete: „Mir geht’s gut und dir?“. Da war die Entschuldigung länger als die Nachricht an sich. Abends könne man sich ja mal treffen, aber nur ganz spontan, ne, weil es könnte sich ja kurzfristig, oh bitte, bitte, lass das der Fall sein, noch was Cooleres ergeben.

Eine Frage der Bewertung

Soweit zur Auflistung der kleineren Erlebnisse, über die man, wie ich mir bewusst bin, im Einzelnen aufgrund ihrer scheinbaren Belanglosigkeit schmunzeln muss, die man sich aber irgendwann, wenn sie sich summieren, doch zu Herzen nimmt. Ich überlasse es euch, ob ihr der Ansicht seid, dass ich übertreibe und solche Dinge überbewerte oder ob euch ähnliche Vorfälle auch heimlich ein wenig traurig machen.

Damit habt ihr meine Nörgelei auch schon (fast) überstanden, was einer bestimmten mir nahestehenden Person zum Beispiel komplett erspart bleibt; sie hatte nur auf meinen allerersten Artikel mal einen Blick geworfen, an meinem Geburtstag, und naserümpfend gemeint: „Dein Foto ist kacke“.