NIC. DICKEN

In den letzten Wochen haben viele echte und selbsternannte Sachverständige pflicht- und traditionsgemäß ihren Ausblick auf das bevorstehende Jahr abgeliefert. Auffallend häufig wird dabei von Rückkehr zur Normalität, von Abbau der wirtschaftlichen und finanziellen Verwerfungen der letzten Jahre gesprochen und gute, glaubhafte Argumente dafür ins Feld geführt. Die Erfahrungen der jüngeren Vergangenheit haben ganz offensichtlich zur Vorsicht gemahnt, weil in den meisten Voraussagen ein ungewöhnlich hohes Maß an Vorsicht und Zurückhaltung mitklingt. Dinge, die bis vor kurzem noch als undenkbar schienen - etwa der Konkurs von großen Geschäftsbanken oder gar von Staaten -, sind mittlerweile Realität geworden und haben gezeigt, dass in der heutigen Welt auch das Unmögliche durchaus eintreten kann, wenn man es denn darauf anlegt, Dinge auf die Spitze zu treiben.

An das Jahr 2012 waren von Anfang an nur sehr bescheidene Erwartungen gestellt worden und rückwirkend kann man eigentlich zufrieden sein, dass es über die in Aussicht gestellten Probleme hinaus nicht zu wirklichen Katastrophen gekommen ist. Den Beweis, dass aus den gravierenden Fehlern früherer Jahre wirklich die richtigen Lehren gezogen wurden, sind allerdings viele Akteure im ablaufenden Jahr schuldig geblieben. Die Zockerei an den Finanzmärkten, Betrugsfälle am laufenden Band bis in die Chefetagen der angesehensten Unternehmen hinein, bewusste Irreführung von Verbrauchern und Anlegern, alles hat sich offensichtlich wieder eingefügt, „normalisiert“, als hätte es nie zuvor eine weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise gegeben, an deren Nachwirkungen die Menschheit wohl noch einige Jahre lang schwer zu tragen haben wird.

Man möge uns also bitte präzisieren, zu welcher „Normalität“ wir im kommenden Jahr zurückfinden sollen, der von ehrlichen und verantwortlichen Leitern und Lenkern, oder der von Gauklern und Hasardeuren, die wir in einem kleineren Zeitfenster hinlänglich kennengelernt haben? Mehr denn je wird in den anstehenden zwölf Monaten mit Verstand und Augenmaß bewertet und beurteilt werden müssen, wie die entstandenen Schäden repariert werden können, ohne die Notdürftigsten unter uns über Gebühr zu strapazieren, wie künftig derartige Entgleisungen und krankhafte Verfehlungen vermieden werden können, vor allem aber auch, wie neues Vertrauen - nicht nur in die Wirtschaft, sondern auch in die Politik - wieder hergestellt, aufgebaut und gefestigt werden kann.

Nicht zuletzt in unserem Land wird man sich - Wahltermin von 2014 hin oder her - mit der Frage auseinandersetzen müssen, wie wir es schaffen können, auch mit deutlich geringeren Wachstumsraten als wir sie in den letzten 25 Jahren gekannt hatten, auszukommen und gleichzeitig Gräben zuzuschütten, die viel zu tief und viel zu breit geworden waren. Auch das wäre ein Stückchen wiedergewonnene Normalität, die uns gut zu Gesicht stehen würde. Ehrliches Miteinander hilft dabei mehr als neidisches Gegeneinander, von dem wir 2012 wahrlich genug erlebt haben.