COLETTE MART

Hier und jetzt, wo das Jahr zu Ende geht, wo der Moment des Stehenbleibens und des Nachdenkens kommen sollte, erweist es sich als sinnvoll, auf einen charismatischen Menschenrechtler zurückzublicken, nämlich Martin Luther King. Zur Politik sagte er folgenden wichtigen Satz: „We need leaders not in love with money but in love with justice. Not in love with publicity but in love with humanity“.

In Luxemburg neigt sich ein Wahljahr dem Ende zu, und ein neuer Wahltermin steht ins Haus. Während die Öffentlichkeit mit Meinungsumfragen beschäftigt ist, die Aussagen über Beliebtheit und Kompetenz von Politikern kommunizieren, wird im Endeffekt von grundsätzlichen Problemen unseres Landes und der Gesellschaft abgelenkt.

Deshalb sollte gerade das Jahresende eine Gelegenheit bieten, Bilanz zu ziehen, zu den wesentlichen Werten zurückzukehren, die uns ja tatsächlich immer mehr abhandenkommen, was denn auch das Rennen nach Statussymbolen beschleunigt.

Es ist demnach nicht unbedingt wichtig, welcher Politiker die höchsten Beliebtheitswerte hat, sondern eher, was die einzelnen Politiker vertreten, wieviel Platz sie für Toleranz, Mitmenschlichkeit und allgemein für die Humanisierung der Gesellschaft übrighaben. Die Fragen, die sich der Bürger also im nächsten Jahr stellen sollte sind folgende: Interessierten sich die Politiker für die Themen der Arbeitslosigkeit, des sozialen Ausschlusses, der Diskriminierung, der Intoleranz, der emotionalen Kälte, die sich in vielen beruflichen Milieus breitmacht? Setzen sie diesem kalten Wind in der Gesellschaft etwas entgegen? Schenkten sie im Laufe ihrer Mandate jenen Gehör, die Hilfestellungen, oder aber einfach nur ein offenes Ohr brauchten, weil sie in einer schwierigen Lebenslage waren? Wissen sie, wie es Eltern behinderter Kinder geht? Wie lange junge Familien manchmal nach einer bezahlbaren und guten Wohnung suchen?

Haben sie einmal nachgefragt, welchen Weg der Nicht-Luxemburger nebenan bis nach Luxemburg zurückgelegt hat, welches seine Geschichte, seine Sorgen und seine Träume sind? Haben sie im Laufe der letzten Jahre ihre eigene Politik, ihre Ideen, auch hin und wieder kritisch hinterfragt, oder haben sie vielleicht doch hauptsächlich ihr Image gepflegt? Wissen sie, wie das alltägliche Leben zwischen Familie und Beruf aussieht, wenn beide Eltern arbeiten und vielleicht ein Kind bei diesem schnellen Rhythmus nicht mithält? Wissen sie, wie es einem Mann oder eine Frau geht, wenn der Ehepartner trinkt und zuschlägt, oder wenn der Sohn oder die Tochter Drogen nimmt?

Sicherlich können Politiker nicht alle Probleme lösen, und sie sind auch nicht für alle Probleme verantwortlich. Aber sie müssen ein Bewusstsein für die Notwendigkeit einer weiteren Humanisierung der Gesellschaft haben, und eine Sensibilität dafür, dass diese Humanisierung nicht unbedingt vorwärtskommt, weil die Hindernisse gegen Integration, Mitmenschlichkeit und Inklusion nicht kleiner werden, und der offizielle politische Diskurs mit den Realitäten vieler Menschen verheerend auseinanderklafft.