LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Von Pottwalen können Menschen viel lernen, findet Meeresforscher François Sarano

Der riesige Pottwal schwamm schnell, viel schneller als sonst. Mit neun Metern Länge und einigen Tonnen Gewicht war das junge Männchen beeindruckend. Vor allem aber wirkte es aggressiv, denn es hatte das Maul weit aufgerissen, als es auf die Gruppe der Taucher zuschwamm. Die waren verunsichert. Seit fünf Jahren beobachteten sie die Walfamilie mit 15 Tieren, hatten ihn zur Welt kommen sehen und ihn Eliot getauft. Aber so aggressiv war Eliot noch nie gewesen. Die Taucher flüchteten ins Boot. Nach zehn Minuten glitten sie wieder ins Wasser. Kaum sah Eliot sie, schwamm er wieder mit weit geöffnetem Maul auf sie zu. Das ging drei Mal so. Dann beschloss ein erfahrener, älterer Taucher, es allein zu wagen. Als Eliot mit weit geöffnetem Maul auf ihn zuschoss, blieb er im Wasser. Und dann sah eher es. Ein Angelhaken hatte sich im Maul des Wals verfangen und eine Entzündung verursacht. Er begriff: De junge Pottwal wollte seine Hilfe. Vorsichtig entfernte er den Haken, während der Wal ganz still hielt. Als er fertig war, zeigte Eliot ihm seine Freude und Dankbarkeit. Er nahm ihn auf das Maul, trug ihn, spielte mit ihm und schlug Kapriolen - natürlich ganz vorsichtig, damit ihm nichts passierte.

Geschichten aus den Ozeanen

Es sind solche Geschichten, die François Sarano erzählt; Geschichten über wilde Tiere im Meer, die erstaunlich friedlich, intelligent und freundlich sind. „Eliot hatte einen echten Willen, er hat die Situation analysiert und sich sogar in die Zukunft projiziert. Das schreibt man sonst Menschen zu“, stellt er fest. Sarano ist nicht irgend jemand, sondern einer der führenden Meeresforscher weltweit. Mehr als 13 Jahre lang hat er Jacques Costeau begleitet. Der promovierte Ozeanograph und Profitaucher hat WWF-Programme geleitet und die Filmemacher von „Océans“, „Le peuple des Océans“ und vielen anderen Filmen beraten. Der Buchautor hat auch die Stiftung „Longitude 181 Nature“ mitgegründet und die „Charte Internationale du Plongeur Responsable“ verfasst.

Kein Wunder, dass an diesem kalten Freitag im Winter trotz des Schmuddelwetters 120 Zuhörer zu seinem Vortrag in die Abtei Neumünster gekommen sind. Sogar der Direktor des Naturmuseums, der französische Botschafter und Taucher aus Metz sind der Einladung des Institut Français gefolgt. Viele werden später seine Bücher kaufen oder für Saranos Stiftung spenden. Saranos leidenschaftlicher Vortrag über die Ozeane als letzter wirklich wilder und freier Teil der Welt reißt mit.

Der 63 -Jährige erzählt, dass er mit einer Gruppe von Tauchern seit fünf Jahren zwei Pottwalfamilien von 15 und 17 Tieren bei Mauritius beobachtet und untersucht. Dabei hat er Erstaunliches festgestellt. Die riesigen Tiere, die noch vor 6.000 Jahren als Götter galten und dann wegen ihres Trans und Walrats fast bis zur Ausrottung gejagt und als Höllentiere und Monster gebrandmarkt wurden, bevor ein Moratorium der Seychellen das verhinderte, leben auf eine Art und Weise, die beeindruckt.

„Wenn Wale gefressen haben, haben Sie Zeit. Die verbringen sie miteinander. Sie streicheln sich manchmal stundenlang und kommunizieren in Gruppen mittels Klicklauten, die regional unterschiedlich sind. Sie nutzen Zeit und Raum ganz anders. Sie sind die Zeit - und die Meister des bien-être“, erklärt Sarano. Die bis zu 22 Meter langen und 50 Tonnen schweren Tiere mit dem charakteristischen rechteckigen Kopf gehen auch mit den Tauchern achtsam um. „Sie könnten uns mit einem Flossenschlag tödlich treffen. Aber sie sind unglaublich vorsichtig“, weiß Sarano. „In fünf Jahren habe ich nie eine Aggression zwischen den Tieren beobachtet.“

Der Meeresforscher erzählt, dass die Mütter mit den Jungtieren zusammen leben. Wenn eine Walmutter Riesenkraken in Tausend Meter Tiefe jagt, kümmern sich die anderen Weibchen um die Jungen und säugen sie sogar. „Wir konnten erstmals das Säugen filmen. Das Junge stupst mit seiner Zunge in den Milchspalt, aus dem dann ein Schwall Milch kommt“, berichtet der Forscher und zeigt Aufnahmen.

Dieses Privileg verdanken die Taucher Ihrer beständigen friedlichen Präsenz. „Wale, die sich noch an die Schmerzen und die Jagd mit Harpunen erinnern, fliehen vor Menschen“, berichtet er. Doch seine Pottwalgruppe lässt ihn bis auf zwei Meter heran; sogar, wenn sie in einem Wach-Schlafzustand sind. „Das würde kein Tiger, kein Vogel und auch kein Nilpferd akzeptieren“, unterstreicht der Franzose. Immerhin geht es hier um das größte räuberisch lebende Tier der Erde.

Einfach mal streicheln oder anfassen würde er die Wale trotzdem nie. „Ein wildes Tier anzufassen, wäre das die Verneinung dessen, was wir suchen: Freiheit und Unabhängigkeit. Ein wildes Tier ist kein Spielzeug.“

Der Taucher innert sich an eine Begegnung mit einem weißen Hai. Das Weibchen war 5,5 Meter lang und wog gut 1,5 Tonnen. „Es hat mich akzeptiert, weil ich respektvoll und geduldig war. Wir sind Schulter an Flosse geschwommen. Das Glück, von einem solchen Tier angenommen zu werden, ist unglaublich und etwas, was ich gerne mit der Welt teilen will“, versichert Sarano. Er ärgert sich nicht über Filme wie „Der weiße Hai“. Sie haben für ihn nur einfach nichts mit der Realität zu tun.

Trotz des Schutzes erholen sich die Bestände an Walen nicht, sondern nehmen ab. „Von 38 angeschwemmten toten Walen wurden 20 obduziert. Sie sind alle an Plastik im Magen gestorben“, berichtet er. Aber auch Pestizide, Herbizide und Schwermetalle führen zum Tod der Tiere, häufig der Neugeborenen. „Selbst in 10.000 m Tiefe bei Neuseeland gibt es Schmermetallgehalte wie in den Flüssen großer Städte“, mahnt Sarano. Und hält noch mal ein leidenschaftliches Plädoyer zum Schutz der Ozeane.

www.longitude181.org