LUXEMBURG
MARC GLESENER

„Mister Tagesthemen“ über Gesellschaft, Wirtschaft, Verantwortung, Politiker und Medien

Der Journalist und Autor Ulrich Wickert war diese Woche auf Einladung der Raiffeisen Bank für einen Vortrag in Luxemburg. Er sprach über Werte und ihren Einfluss auf Gesellschaft und Wirtschaft. Im Interview mit dem „Lëtzebuerger Journal“ bezog der Journalist auch Stellung zur Rolle der Medien. Journalisten müssen in seinen Augen Aufklärer sein, keine Empörten. Print hat für Wickert eine Zukunft. Wenn Zeitungen auf Qualität setzen.

Werte, Herr Wickert, das ist Ihr Thema. Das mag für viele altmodisch klingen. Können Sie das nachvollziehen?

Ulrich Wickert Das Absurde ist: Es gibt immer Leute, auch Journalisten, die der Meinung sind, Tugenden und ethische Werte seien völlig verstaubt und gehörten ins 19. Jahrhundert. Aber in dem Moment, in dem jemand die Werte missachtet, schreiben die Journalisten immer gleich welch schrecklicher Mensch das ist. Es gibt hier einen Zwiespalt. Auf der einen

Seite werden Werte als altmodisch abgetan, zum anderen sind sie aber ganz modern. Sehen Sie, dass die Diskussion über Werte aktuell ist, beweisen die Parteien. Wie eben jetzt die CDU in Hannover. Wenn Parteien ihre Parteitage haben, reden sie über

Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität. Das ist dasselbe wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Sie reden also über Werte. Und darüber, wie diese Werte ausgelebt werden. Das Problem ist dabei, viele Leute wissen nicht mehr, was ethische Werte eigentlich sind.

Und was sind Ihrer Meinung nach ethische Werte?

Wickert Nichts anderes als Regeln, die eine Gesellschaft sich gibt, damit das gemeinsame Zusammenleben besser funktioniert. Mehr ist es nicht. Es ist nichts Überhöhtes, nichts Transzendentales. Es handelt sich um etwas ganz Banales. Man kann sich diesen Dingen sehr praktisch nähern.

Und doch sieht es so aus, als spielten Werte eine untergeordnete Rolle und seien eigentlich nicht mehr „en vogue“, oder...?

Wickert Das hat mit Erziehung und Bildung zu tun. Ebenso

mit der Individualisierung der Gesellschaft. Wenn plötzlich jeder weitgehend finanziell unabhängig ist. Wenn

jeder für sich leben kann. Dann sagt er: Ich mach mir meine Regeln auch selber. Das ist aber ein Widerspruch zu dem, was eine

Gesellschaft erwartet. Da liegt eines der großen Probleme.

Wirtschaft und Werte. Ein spannendes Themenfeld. Leidet die Ökonomie stärker an Werteverlust als die Gesellschaft an sich?

Wickert Also es gab immer die Vorstellung von Werten in der Wirtschaft. Ich denke an den Begriff des ehrbaren Kaufmanns. Es gibt viele Bereiche, in denen die Werte auch heute noch ernst genommen werden. Ich denke da etwa an eigentümergeführte mittelständische Betriebe. Wir haben natürlich erlebt, dass es Wirtschaftwissenschaftler gab - wie Milton Friedman - die für die Wirtschafts- und Finanzwelt die totale Freiheit gefordert haben, mit der Behauptung, die Vernunft regele den Markt. Das ist natürlich Quatsch. Der Markt wird durch viele andere Sachen geregelt, auch durch die Habgier. Die totale Freiheit hat zu abenteuerlichen Exzessen geführt. In der Realwirtschaft genauso wie in der Finanzwirtschaft. Leider haben politisch Handelnde zu gutmütig reagiert und Regeln, Kontrollmechanismen abgeschafft. Sie haben den Theoretikern geglaubt. Inzwischen wissen auch Politiker, dass sie neue Regeln einführen müssen, die sie zuvor teils selbst abgeschafft hatten.

Also weniger Werte in der Wirtschaft als im normalen Leben?

Wickert Auch der Normalbürger kann ein gieriger Mensch sein. Ich denke, dass auch er die Werte wegfallen lässt, wenn einer ihm 16 Prozent Zuwachs pro Jahr für sein Geld

verspricht. Dann ist auch er nicht klug genug, zu sagen, das kann nicht sein. Dann gibt auch er sein Geld in irgendeinen betrügerischen Fonds. Nachher wenn

das Geld weg ist, heißt es „das ist gegen die Werte“.

Die Leute regen sich auf, sind aber irgendwie selbst kleine Kapitalisten.

Wickert Sie sind selber schwach.

Die Wirtschaft als Spiegelbild der Gesellschaft.

Wickert Das ist es. Aber es gibt immer noch vernünftige Menschen, für die finanzieller Gewinn nicht die Nummer eins des Handelns ist.

Apropos vernünftige Menschen: Sie haben in ihrer Karriere etliche der Großen dieser Welt interviewt. Sie haben viele politische Persönlichkeiten kennengelernt. Gibt es heute noch Leader, die als Vorbilder Orientierung geben; besonders in Wertefragen?

Wickert Es ist keine Frage, dass es an Vorbildern fehlt. Stellt sich die Frage: Warum? Nehmen wir die Politik. Viele dort hatten in ihrem Leben gar keinen anderen Beruf. Ganz jung kamen sie in die Parteijugend, haben ihre Diplomarbeit über die Partei geschrieben, um danach Funktionär, Abgeordneter oder Minister zu werden. Sie haben sich immer arrangiert und wurden von der Parteigliederung weiter gereicht .

In seltenen Fällen haben diese Leute eine eigene Meinung. In der deutschen Politik sind heute diejenigen die Stärksten, die auf anderen Wegen in die Politik gekommen sind. Sie sind eigenständiger. Weil sie sich nicht zeitlebens arrangieren mussten.

Schuld ist also das System.

Wickert Ganz Ihrer Meinung. Ich bin ein großer Kritiker des Parteiensystems in Deutschland. Parteien bekommen eine halbe Milliarde Euro im Jahr und bauen ihre

Parallelstrukturen auf. Wir brauchen ein neues System. Auch

bei den Wahlen. In Deutschland wissen 90 Prozent der

Abgeordneten schon vor der Wahl, dass sie gewählt sind. Wenn wir das Wahlgesetz reformieren würden, würden wir einen direkteren Kontakt zwischen den Bürgern und den Politiker haben.

Das allein bringt aber nicht mehr Charakterköpfe ins

politische Geschäft.

Wickert Wo kamen Charakterköpfe her? Was prägte sie? Sie machten in ihrem Leben schwierige Zeiten durch. Schmidt, Genscher, Kohl, sie alle sind im Krieg gewesen oder gehören

zur Kriegsgeneration. Das sind Leute, die mit einem Motiv

in die Politik gegangen sind. Es hieß bei allen: Das soll nie

wieder passieren. Ein Motiv des Handelns gibt es leider immer weniger. Häufiger heißt es: Ich gehe in die Politik und

mache Karriere.

Motive fehlen – Ist das auch der Grund dafür, dass immer mehr an Europa herumgenörgelt wird?

Wickert Eigentlich muss man der Bevölkerung klar machen, was Europa bedeutet. Geschichtsunterricht ist in diesem Zusammenhang besonders wichtig. Man vergisst zu oft, was war.

Sind dafür etwa auch Journalisten und Medien mitverantwortlich. Fehlen auch in den Medien Motive?

Wickert Medien haben leider den Sinn für die Geschichte verloren. Auch für kurzfristige Geschichte. Journalisten haben eine Verantwortung. Ich selbst habe mich als Journalist immer als Aufklärer gesehen. Wir müsen Dinge vermitteln, die die Leute

in die Lage versetzen, etwas zu verstehen, es besser zu verstehen. Es gibt einen Empörungsjournalismus, der mittlerweile um sich greift. Man empört sich. Unisono. Damit verdrängt man dann aber die wichtigen Themen.

Ist nicht genau das auf das neue Gebot der Schnelligkeit zurückzuführen?

Wickert Schnelligkeit betrifft das Internet. Eine Zeitung erscheint am Morgen. Sie kann sich Zeit nehmen und reflektierter berichten. Internet hat seine hervorragenden Seiten. Es transportiert aber auch sehr viel Müll. Und Müll im Kopf ist auch Umweltverschmutzung.

Wir brauchen also, um Sie selbst zu zitieren, „Greenpeace in the mind“?

Wickert Ja, das brauchen wir wirklich. Jemand muss sagen, kontrolliert euch doch mal selber. Was das Internet angeht, so bin ich ein großer Nutzer, finde mich dort aber in der Nachrichtengebung nicht gut informiert. In der Zeitung werde ich überrascht von Sachen, die ich nicht suche. Im Internet finde ich dagegen nur das, was ich suche.

Sie geben, wenn ich Sie richtig verstehe, der Zeitung,

also dem Print, ein echte Chance?

Wickert Print hat eine Zukunft. Sicher werden Zeitungen es schwer haben. Aber sie dürfen eins nicht tun: Redaktionelle Kosten senken. Die, die mehr berichten, haben bei

den Leserzahlen einen Zuwachs. Es geht darum, mehr Inhalt anzubieten. Print hat eine Zukunft, aber Zeitung lebt von

der Qualität. •