LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Am Freitag feiert „Rumpelstilzchen“ Premiere auf der Bühne - Ein Vorabgespräch mit Ian De Toffoli

Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß! Diese Zeile dürfte wohl jedem heute Erwachsenen aus Kindertagen in Erinnerung geblieben sein. Obwohl das Märchen der Gebrüder Grimm bereits über 200 Jahre alt ist, wird es Kindern auch heute immer noch gerne vorgelesen. Auf die Bühne wurde es dagegen bislang kaum gebracht. Umso größer dürfte die Vorfreude auf die luxemburgische Version von „Rumpelstilzchen“ sein, die am Freitag Premiere im Großen Theater feiert und für die das Duo Ian De Toffoli (Autor) und Myriam Muller (Regisseurin) verantwortlich zeichnet. Im „Journal“-Interview verrät De Toffoli, was das Publikum erwartet.

Wessen Idee war es, „Rumpelstilzchen“ auf die Bühne zu bringen?

Ian De Toffoli Das Projekt geht an sich auf eine Idee des Großen Theaters zurück: eine gewisse Tradition wiederbeleben, die es in den 1960er Jahren kurzzeitig gab. Norbert Weber hat damals verschiedene Märchen auf Luxemburgisch übersetzt, „D’Rabonzel“, „D’Schnéiwittchen“ und „Rumpelstilzchen“, die unter der Leitung von Eugène Heinen im „Grand Théâtre“ gespielt wurden. Die Theater-Verantwortlichen wollten diese Tradition nun wieder aufgreifen und im Zweijahrestakt ein Märchen in luxemburgischer Sprache inszenieren. Ich hatte das Glück, als erster Autor für dieses Projekt ausgewählt zu werden, wohl weil bekannt ist, dass ich gerne Neuschreibungen von Märchen oder mythologischen Texten praktiziere. „Rumpelstilzchen“ war mein Vorschlag, weil ich das Gefühl hatte, diese Geschichte wäre noch nicht oft wiedergegeben worden, im Gegensatz zu anderen Grimm-Märchen wie „Aschenputtel“ etwa.

Worin lag die Herausforderung oder der besondere Reiz?

De Toffoli „Rumpelstilzchen“ ist eine sehr kurze Geschichte. An Stoff musste ich einiges dazuerfinden. Genau das war das Interessante. Es gab wohl Umrisse von Figuren, die aber ausgefüllt werden konnten, so als hätte man Skelette, die dann mit Fleisch und Blut zum Leben erweckt werden. Eine richtige Psychologie gab es ebenfalls nicht, auch diese konnte ich mir also ausdenken. Den Figuren hat es noch dazu an Motiven gefehlt. Warum sie so handeln, wie sie handeln, war unklar. Meine Rolle war es, all das zu erfinden.

Insgesamt stehen neun Protagonisten auf der Bühne, so viele gibt das Original ja auch nicht her?

De Toffoli Wenn man die Statisten hinzuzählt, sind es sogar noch mehr. Diese tragen sogar einen wichtigen Teil zur ganzen Choreografie bei, sind fast die ganze Zeit alle auf der Bühne und stehen keineswegs nur in der Landschaft herum. Fast könnte man von einem richtigen Ballett reden, in dem Sinn, dass ein immenses Timing erfordert wird. Es gibt viele große Szenen mit der ganzen Gruppe, wo jeder Schritt und jede Handlung wichtig sind. Im Originalwerk der Brüder Grimm gibt es bekanntlich mit dem Müller, seiner Tochter, dem König und Rumpelstilzchen nur vier Hauptprotagonisten. In der Tat haben wir das Märchen bevölkert und eine ganze Reihe neuer Figuren erfunden, Berater des Königs, seine Wachen, Aristokraten und so weiter.

Die ursprüngliche Essenz der Geschichte steckt aber schon noch drin?

De Toffoli Natürlich geht es immer noch um diesen Deal, den das Mädchen mit dem Kobold eingeht. Das ist auch nicht das Einzige, was noch vom Original übrig geblieben ist. Von der Stimmung her und der ganzen Atmosphäre bleibt es nach wie vor ein Märchen. Auch wenn die Dialoge einen modernen Stil haben, wurde das Stück nicht in dem Sinne modernisiert, dass das Geschehen nun in New York in Hochhäusern spielen würde. Das Ambiente, die Bühne, die Szenografie bleiben die eines Märchens. Das war uns wichtig, weil es ebenfalls darum ging, ein spektakuläres Stück zu machen. Es soll auch ein visueller Genuss sein.

Wie können wir uns die Zusammenarbeit zwischen Myriam Muller und Ihnen als erstem Tandem, das diese Tradition im Großen Theater wiederbeleben soll, eigentlich vorstellen?

De Toffoli Die Zusammenarbeit war die ganze Zeit über relativ eng. Ich habe zwar alles allein zuhause geschrieben, bin aber regelmäßig mit dem ganzen Sammelsurium zu Myriam gepilgert, um konstant während des Schreibens ihren Blick von den Theaterrealitäten zu erhalten. Sie hat mir gesagt, was geht und was nicht, weil der technische Aufwand beispielsweise zu groß wäre. Es ist übrigens ein Stück mit „special effects“, damit die ganze Magie, dieses Märchenhafte, auch rüberkommt. Mit Spezialeffekten werden kinoähnliche Momente geschaffen. Myriam hat mich diesbezüglich mehr als einmal zurück auf den Boden der Realitäten holen müssen. Um den dramaturgischen Rhythmus einzuhalten, mussten auch einige zu lange Szenen gekürzt werden. Sie hat als Regisseurin ein Auge für unnütze Elemente, die das Stück nicht weiterbringen. Es war also ein konstantes Zusammenspiel zwischen uns beiden.

Musste dann während der Proben auch noch einiges umgeändert werden?

De Toffoli Sogar mehr, als ich angenommen hatte, besonders während der ersten Leseproben. Eine Woche lang saßen wir mit allen neun Protagonisten an einem Tisch und haben den Text nur gelesen. Wenn die Schauspieler hinzukommen, passiert noch einiges. Dann hört man ihre Stimmen und merkt auch, welche Passagen nicht ausgeglichen genug sind. Schlussendlich gab es mehr Änderungen, als ich gedacht hätte.

Apropos Schauspieler, wie kam die Besetzung zustande?

De Toffoli Jeder hat seinen Part beigetragen, das Theater genauso wie Myriam und ich. Jeder von uns hatte seine Ideen und Visionen. Es war im Endeffekt ein großes Zusammenwürfeln von uns allen.

Ist es ein Kinder- oder doch eher ein Erwachsenenstück?

De Toffoli Ein Kinderstück ist es nicht. Jünger als zehn Jahre sollten die Zuschauer definitiv nicht sein. Obwohl das Stück keine Gewaltszenen enthält, wird doch eine spürbare Spannung aufgebaut und eine Atmosphäre, die durchaus mit Gruseleffekten arbeitet. Eine Referenz, auf die wir uns bei der Inszenierung basiert haben, sind die Filme von Tim Burton, die bekanntlich nie explizit eklig oder gewalttätig sind, jedoch ein Universum erschaffen, das auch etwas gruselig, düster oder furchterregend ist. Kleinere Kinder könnten sich vielleicht doch etwas fürchten.

Rumpelstilzchen: In Luxemburg, Esch/Alzette und Ettelbrück

„Rumpelstilzchen“ mit Pierre Bodry, Gilles Cruchten, Larisa Faber, Fabio Godinho, Elisabet Johannesdottir, Marco Lorenzini, Pitt Simon, Raoul Schlechter und Brigitte Urhausen wird am 15. und 16. Dezember um 20.00 sowie am 17. Dezember um 17.00 im „Grand Théâtre“ aufgeführt und im Dezember nächsten Jahres erneut dort auf die Bühne gebracht. Weitere Vorstellungen finden im Escher Theater (4. und 5. Januar) sowie im Ettelbrücker CAPE (13. Januar) statt. Im Dezember 2019 ist es dann an einem nächsten Duo, ein anderes Märchen wiederzubeleben.

Zusätzliche Infos unter www.theatres.lu