LUXEMBURGGERHARD KLUTH

Der Norweger Eivind Gullberg Jensen dirigiert heute Abend das OPL

Am heutigen Samstag spielt das OPL um 20.00 im Ettelbrücker CAPe. Dabei steht das Orchester unter der Leitung des 40-jährigen Norwegers Eivind Gullberg Jensen. Exklusiv stand der Dirigent dem „Journal“ im Laufe dieser Woche für ein Gespräch zur Verfügung.

Herr Gullberg Jensen, Sie haben gerade eine Probe mit dem OPL hinter sich. Wie fühlen sie sich?

Eivind Gullberg Jensen: Ich fühle mich gut. Das OPL ist ein gutes Orchester, mit dem es Spaß macht, zu musizieren. Es herrscht eine gute, professionelle Atmosphäre, die ein effektives Arbeiten ermöglicht. Ja, ich fühle mich gut.

Leopold Hager, bei dem sie studiert haben, hat 15 Jahre lang das OPL, geleitet. Welche Bedeutung hat Hager für Sie?

Gullberg Jensen: Er ist ein Mann, bei dem ich sehr viel lernen konnte, auch wenn es am Anfang etwas schwierig war. Ich hatte, als ich zu ihm kam, schon einige Erfahrungen mit großen Orchestern. Was mir aber noch fehlte, war Interpretationserfahrung.

Für Hager war mein Dirigierstil zu energisch, zu draufgängerisch. Einmal unterbrach er mein Dirigat und rief: ‚Nein, nein! Jetzt kommt wieder diese Wiking Power!“ Ich musste mich damals selbst ein bisschen zurück nehmen, sonst wäre es nicht gut gegangen. Nach ungefähr einem halben Jahr hat er dann einmal zu mir gesagt: ‚Herr Gullberg Jensen, ich glaube, die österreichische Luft hat schon einen guten Einfluss auf Sie gehabt.

Kann man vielleicht sagen, er hat Ihre nordische Energie mit Wiener Charme etwas gezügelt?

Gullberg Jensen: Ja, das kann man so sagen. Ich habe damals vieles mit großen Bewegungen dirigiert. Er hat mir dann gezeigt, wie man oft auch mit kleinen Bewegungen, mehr aus dem Handgelenk heraus, dasselbe erreichen kann.“

Kommen wir zum Konzert heute Abend. Auf dem Programm steht die erste Sinfonie von Tschaikowsky. Sie heißt Winterträume. Wenn man bei uns an den Winter in Ihrer norwegischen Heimat denkt, sieht man verschneite Wälder und zugefrorene Seen. Bekommen Sie heimatliche Gefühle bei dieser Musik?

Gullberg Jensen: Ja, ein wenig schon, auch wenn man die Landschaften und auch den Winter in Norwegen nicht unbedingt mit Russland vergleichen kann. Diese Weite, bei der man schon zwei Tage im voraus sehen kann, wer denn da zu Besuch kommt, die haben wir nicht. Aber ich glaube auch, dass die Titel in dieser Sinfonie nicht so direkt programmatisch sind, sondern eher assoziativ. Man soll sich etwas imaginär vorstellen. Und dann kann es auch Norwegen sein.

Es erklingt auch das Klarinettenkonzert Nr. 1 von Carl Maria von Weber. Mancher sieht in ihm den deutschesten der romantischen Komponisten. Ist das so?

Gullberg Jensen: Ja, wenn wir von seiner Oper „Der Freischütz“ ausgehen. Da hat er den Grundstein zur deutschen romantischen Oper gelegt. Sein Klarinettenkonzert aber ist an vielen Stellen noch sehr klassisch und weniger romantisch. Aber es stimmt, dass Weber ein Wegbereiter der Romantik in Deutschland war und das ist umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dass er ja noch Zeitgenosse von Haydn, Mozart und Beethoven gewesen ist.

Sie eröffnen den Abend mit der Ouvertüre zum Fliegenden Holländer. Was bedeutet Ihnen die Musik von Wagner?

Gullberg Jensen: Oh, sehr viel. Wagner hat natürlich seinen Status, ist anerkannt. Ich glaube aber, dass es manchmal, was seine musikalischen Qualitäten angeht, unterschätzt wird. Er hat die Oper expandiert, hat ihr große Längen gegeben. Aber in meinen Augen ist seine Tonsprache, seine Harmonik für die Musikgeschichte viel wichtiger. Nehmen Sie nur seine Idee des Leitmotivs. Er hat diese Idee gehabt und man kann an seinen Opern die Entwicklung und die Vervollkommnung dieser Idee hervorragend beobachten.

Im Sommer diesen Jahres musste ein großes Wagnerkonzert in Israel wegen des öffentlichen Drucks wieder abgesagt werden. Grund war Wagners antisemitische Einstellung und die Tatsache, dass die Nazis Wagner für sich vereinnahmt haben. Wie sehen Sie die israelische Haltung?

Gullberg Jensen: Eine sehr schwere Frage. Zunächst muss ich diese Entscheidung akzeptieren. Ich kann in diesem Zusammenhang niemandem sagen, was du fühlst, ist falsch. Wir haben in Norwegen ein ähnliches Problem. Der Schriftsteller Knud Hamsun war ein Sympathisant der Nazis. Das hat man ihm sehr übel genommen. Trotzdem aber werden seine Bücher geliebt. Das Wagner von den Nazis vereinnahmt wurde, kann man ihm nicht anlasten. Was seine Einstellung angeht, glaube ich, dass man in jeder menschlichen Beziehung auch verzeihen können muss. Musik ist Musik. Aber ich möchte wiederholen, ich kann da niemandem Vorschriften machen.