GREVENMACHER
PATRICK WELTER

Die LEADER-Regionen „Miselerland“ und „Moselfranken“ stehen für Europas erstes grenzüberschreitende Entwicklungskonzept für den ländlichen Raum

Wer im ländlichen Raum wohnt und Interesse an der Entwicklung seiner Region hat, kennt den Begriff LEADER. „LEADER-Förderung“ oder „LEADER-Projekte“ werden gerne bei politischen Debatten über den ländlichen Raum in den Raum geworfen. Aber für was genau steht denn jetzt LEADER? Es handelt sich natürlich um ein Akronym. LEADER steht für „Liaison Entre Actions de Développement de l’Economie Rurale“ und ist eines der wichtigsten Förderinstrumente der Europäischen Union für den ländlichen Raum.

In Brüssel fiel irgendwann gegen Ende der 1980er Jahre auf, dass man zwar die landwirtschaftlichen Betriebe förderte und subventionierte, die Entwicklung des ländlichen Raums dennoch stagnierte oder sogar zurückging. LEADER war die Reaktion auf diese Erkenntnis. Seit 1991 sind lokale Aktionsgruppen in ihren Regionen dabei innovative Ideen für den ländlichen Raum zu entwickeln, anzustoßen und auf den Weg zu bringen. Von unten nach oben - „bottom up“. Die Menschen der einzelnen Regionen sollen mitentscheiden wie sich ihre Region, ihre ländliche Umgebung entwickelt - ohne von oben verordnete Strategien. Bei LEADER geht es vor allem um das Stichwort Innovation. Dabei sollen die drei Säulen der Lissabon-Strategie der EU berücksichtigt werden: Ökonomie, Ökologie und Soziales

Los ging es in Luxemburg mit einer LEADER-Region mit sechs Gemeinden. In der aktuellen LEADER-Periode 2014 bis 2020 - deckungsgleich mit PDR und Agrargesetz - gibt es fünf LEADER-Aktionsgruppen In Luxemburg (Ösling, Attert-Wark, Müllerthal; Luxemburg-West und Miselerland) zu denen 60 Gemeinden, elf öffentliche Partner und 104 Vereine und Verbände gehören. Die LEADER-Regionen umfassen 1.739 Quadratkilometer mit 151.556 Einwohnern. Die LEADER-Gruppen werden, jeweils ungefähr zu einem Drittel, von der EU, dem Landwirtschaftsministerium und den beteiligten Gemeinden finanziert. Für die LEADER-Gruppe „Miserland“ liegt das Budget bei 3,2 Millionen Euro.

Europäische Vorreiterrolle an der Mosel

Wie sieht das Ganze jetzt in der Praxis aus? Für ein Gespräch darüber, wie LEADER funktioniert, bietet sich das Büro von „Miselerland“ in Grevenmacher an. Zum einen, weil im Frühjahr die Geschäftsführung gewechselt hat, neuer „Coordinateur“ ist jetzt Thomas Wallrich. Zum anderen, weil „Miselerland“ gemeinsam mit der LEADER-Region „Moselfranken“ das bis heute europaweit einzige grenzüberschreitende Entwicklungskonzept - die Grundlage für die EU-Förderung - entwickelt hat. Zwei LEADER-Arbeitsgruppen unterschiedlicher Nationen, die ganz eng zusammenarbeiten. Thomas Wallrich bringt es auf den Punkt: „Wir leben in einem Tal!“ Nicht allein die moselfränkische Sprache, hier Nationalsprache, da Dialekt, seien verbindend, sondern auch der Weinbau, die Landschaft und die kulturellen Gemeinsamkeiten. Die willkürliche Grenzziehung von 1815 sei mit dem Schengener Abkommen quasi hinfällig geworden. Außerdem habe es schon vor der aktuellen LEADER-Periode gemeinsame Projekte zu beiden Seiten der Mosel gegeben.

Aktuell gibt es bei der Zusammenarbeit von „Miselerland“ und „Moselfranken“ Arbeitsgruppen für Mobilität - das drängendste Problem -, Tourismus, Schule und Bildung sowie Fachkräftemangel. Es gehe darum „Leute zusammenzubringen“ - von beiden Seiten der Mosel.

LEADER steht für Ideenförderung

Was heißt eigentlich Förderung des ländlichen Raums? Zu den verschiedenen Anstößen, die die LEADER-Gruppe liefert, gehören touristische Ideen oder Wege, den inneren Zusammenhalt der bunt gemischten Bevölkerung an der Mosel zu stärken, um nur zwei zu nennen. „LEADER ist ein Bauchladen an Möglichkeiten für die Region.“ Die LEADER-Mittel stehen für Ideen, sie sollen als Katalysator dienen. Die Umsetzung einer ausgearbeiteten Idee soll dann aus einem anderen EU-Topf erfolgen. Ein Beispiel ist die „Route der Weinarchitektur“ von Toul bis Koblenz im Rahmen von „Terroir Moselle.“ Mit sechs LEADER-Gruppen, die jeweils 5.000 Euro beisteuerten, wurde ein Konzept für dieses touristische Projekt erarbeitet. Touristen sollen historische oder ganz moderne Weingüter finden und besuchen. Die konkrete Umsetzung der „Route der Weinarchitektur“ erfolgt jetzt mit einem deutlichen höheren Budget von 400.000 Euro aus dem aktuellen InterReg-Programm (grenzüberschreitende Strukturförderung).

„Wir wollen aber andererseits auch die Schwellenangst bei kleinen Gruppen senken, sich um Zuschüsse zu bemühen,“ erläutert Wallrich weiter. Nicht nur die diejenigen, die viel Erfahrungen mit öffentlicher Förderung haben, sollen an LEADER-Gelder kommen können. Man wolle bewusst auch kleine Projekte, die nur 1.000 oder 3.000 Euro benötigten, fördern, dafür ständen nun 45.000 Euro über drei Jahre zur Verfügung.

Wie sehen soziale Projekte aus?

Im Gegensatz zu anderen ländlichen Regionen in Europa wo Landflucht herrscht, geht es an der Mosel darum, den Zuzug zu bewältigen. Dafür steht das Projekt „Mosel diversity“ bei dem es sich darum dreht, das Zusammenleben unabhängig von Sprache, Alter, Kultur und Behinderung oder Nichtbehinderung zu fördern. Das Budget ist mit 340.000 Euro für vier Jahre nicht sonderlich groß. Zu den Initiativen des Projektes gehört es etwa „Botschafter“ zu finden, wie Joëlle Golinski, Projektkoordinatorin, erklärte. Neuankömmlinge in einer Moselgemeinde sollen keinen Stapel Infobroschüren mehr mit nach Hause nehmen, sondern Namen und Telefonnummer eines Landsmanns oder einer -frau erhalten, um ganz persönlichen Rat und Hilfe bei dieser Person zu erhalten.

Das Vorzeigeprojekt von „Mosel diversity“ ist „World City“, eine etwas andere Ferienfreizeit für Kinder, die in Zusammenarbeit mit dem Maison relais von Schengen entwickelt wurde. Ohne aus den Kindern kleine Erwachsen machen zu wollen, sollen die Kinder in zahlreichen Workshops die Welt kennen lernen. Fragen zu Sitten und Kulturen der „anderen“ sind ausdrücklich erwünscht. „Kinder haben keine Berührungsängste“ meinte Joëlle Golinski. Obwohl es bisher erst zwei Ausgaben der „World City“ gab, ist das Interesse bei weiteren Gemeinden und auch den Jugendhäusern der Region an einer zukünftigen Teilnahme groß.