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CONNY GODEFROY

Im Zeitalter von Instagram und Co. hat äußere Schönheit einen höheren Stellenwert als je zuvor - Eine Entwicklung, die auch zum Verhängnis werden kann

Die Schönheitsindustrie boomt und immer mehr Leute schrecken nicht mehr davor zurück, sich für ihr Äußeres unters Messer zu legen. Dennoch standen Schönheitsoperationen nie schärfer in der Kritik als heutzutage.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Makellosigkeit einerseits angepriesen wird andererseits aber auch verpönt ist. Doch wie kommt es zu diesen unterschiedlichen Auffassungen?

Wir sprachen mit Prof. Dr. Claus Vögele, Professor für klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie an der Universität Luxemburg über das Thema.

Das Thema Schönheitschirurgie wird immer noch sehr kontrovers diskutiert in unserer Gesellschaft. Wieso ist dies der Fall?

Claus Vögele: Ich glaube es gibt es viele Gründe dafür. Fakt ist: wir leben wir in einer Gesellschaft, in der Aussehen fast alles ist. Es gibt ganz viele psychologische Untersuchungen, die auch zeigen, dass schöne Menschen erfolgreicher im Beruf sind, glücklicher sind, zufriedenstellendere persönliche Beziehungen haben und so fort und das hat fast ohne Ausnahme damit zu tun, dass man von ihnen erwartet, dass es ihnen besser geht.

Und durch eine Voreinstellung schaffen wir berauschende Bedingungen, dass es dann auch stattfindet. Symmetrische Gesichtsformen zum Beispiel scheinen ja eins der Hauptergebnisse zu sein wie beispielsweise das berühmte Kindchenschema. Eine hohe Stirn, relativ weit auseinander stehende Augen und volle Wangen rufen anscheinend instinktiv in uns etwas wach und mit instinktiv meine ich über alle Kulturen hinweg, was wichtig ist in der Art und Weise, wie ich auf jemanden reagiere.

Also das Aussehen von Menschen hat eine wichtige regulierende Bedeutung für menschliche Beziehungen. Wieso wird Schönheits-Chirurgie so kritisch angesehen? Ich glaube das Wort Chirurgie zeigt ja schon, dass man eine Schwelle überschreitet von dem, was nicht invasive ist, zu etwas nicht Revidierbarem.

Denken Sie, dass die Menschen, die sich einer Schönheitsoperation unterziehen, dies aus Drang zur Individualität oder aus Zwang zur Gruppenzugehörigkeit tun?

Vögele: Ich glaube, dafür gibt es wahrscheinlich viele Motive. Ich glaube, es ist vollkommen verständlich, dass man zur Gruppe dazugehören will. Wir hätten als Spezies nicht überlebt, wenn wir uns nicht als Gruppenmitglieder fühlen könnten. Die Gruppe beschützt uns auch.

Wodurch definiert sich die Gruppe? Über die Jahrhunderte der Kulturentwicklung sicher über Ideen. Äußeres spielt auch eine große Rolle. Ich will mich nämlich akzeptiert fühlen.

Zum Akzeptiertfühlen gehört nicht nur dazu, dass ich die gleichen Bücher lese. Es gehört auch dazu, dass ich die gleichen Klamotten trage, dass ich die gleichen Freizeitaktivitäten habe und so weiter und so fort. Es hat aber auch mit äußerer Erscheinung zu tun. Deswegen kann ich verstehen, wenn Menschen versuchen, sich der empfundenen Norm anzupassen, um eben nicht hervorzustechen.

Es sind immer noch vorwiegend Frauen, die sich Schönheitsoperationen unterziehen? Der Prozentanteil der Männer liegt nur um die 13 Prozent. Wieso ist das so?

Vögele: Das kann man für unsere Gesellschaft dahingehend beantworten, dass es Männern immer noch besser gelingt, ihren Selbstwert nicht nur übers Aussehen zu definieren, während es bei Frauen weniger stark der Fall ist.

Wenn ich ein Mann bin, kann ich meinen Selbstwert steigern, indem ich besonders angestrengt arbeite und Erfolg im Beruf habe. Das kann eine Frau auch, aber sie hat dazu viel weniger die Chance in unserer Gesellschaft. Frauen werden immer noch schlechter bezahlt für dieselbe Arbeit. Auch dazu gibt es auch Untersuchungen. Auch das ist der Fall.

Gut aussehende Frauen haben mehr Chancen im Beruf. Diese Auffassung bezieht sich auf die Wahrnehmung und die ganzen Voreinstellungen, die jemand hat bezogen auf das Aussehen. Wenn jemand hübscher anzusehen ist, wird diese Person eher eingestellt beziehungsweise, wird von der Person eher angenommen, dass sie klug ist, dass sie angenehmer ist im Umgang. Das sind drei wesentliche Faktoren.

Welchen Einfluss spielen da die sozialen Medien, insbesondere Instagram?

Claus Vögele: Sie haben einen großen Einfluss. Die sozialen Medien haben natürlich einen Vorteil in dem Sinne, dass immer unmittelbar und sofort quantitativ gemeldet werden kann, wie gut oder schlecht mich verschiedene Leute finden.

Das ist ja oft auch sehr gedankenlos und dadurch werden ja auch Normen geschaffen. Denn ich will ja möglichst viele Likes. Das ist nämlich fatal, denn dann mache ich mich völlig von meinem Selbstempfinden abhängig.

Nicht nur von meiner engeren Gruppe von Freuden, sondern womöglich von einer Gruppe von tausenden von Leuten, die zufällig Zugriff auf meinen Instagram-Acount Zugriff. Das sehe ich sehr, sehr kritisch.

Ist Selbstoptimierung in ihren Augen positiv oder negativ?

Claus Vögele: Ich habe nichts gegen das Prinzip einer Selbstoptimierung. Das ist nämlich wahrscheinlich so alt wie die menschliche Kultur schlechthin. Ich stehe der Entwicklung der letzten Jahre sehr kritisch gegenüber was Selbstoptimierung angeht, weil ich glaube, dass das oft sehr gesundheitsschädlich ist.

Das Diäthalten ist ja nur ein so ein Beispiel. Ich kann mir tausend Fitnessarmbändchen umbinden und versuchen, tausend Schritte mehr am Tag zu machen. Dabei merkt der Körper eigentlich schon recht gut, was einem gut tut. Ich mach mich damit nämlich ständig abhängig von der äußeren Rückmeldung und dann noch durch eine Maschine. Das kann eigentlich nicht der Weg nach vorne sein.