MERSCH
SIMONE MOLITOR

Die Ausstellung „Schrift & Bild im Dialog - Über Literatur und Bildkünste in Luxemburg“ im Merscher Literaturzentrum gibt Einblick in eine überraschende Varietät

Nicht zum ersten Mal begegnen sich Kunst und Buch im Merscher Literaturarchiv (CNL). Wir erinnern uns an eine rezente Schau über die Künstlerbücher eines Jean Delvaux oder etwas länger zurückliegende Ausstellungen zu Roger Bertemes (2007), Robert Brandy und Roger Manderscheid (beide 2009) sowie Jean-Jacques Laigre (2010), um nur ein paar zu nennen. Anlehnungen an Roger Manderscheid gibt es indes auch in der aktuellen Expo, die unter dem Titel „Schrift & Bild im Dialog“ einen Einblick in das Verhältnis zwischen Bildkünsten und Literatur gibt. „Einerseits ordnet sie sich demnach in die Tradition vergangener Ausstellungen ein, andererseits wollten wir Aspekte beleuchten, auf die wir bislang noch nicht eingegangen sind“, erklärt CNL-Mitarbeiterin Myriam Sunnen beim Rundgang durch die neugestalteten Ausstellungsräume.

Erstmals gezeigte Leihgaben aus Privatsammlungen

Diesmal stehen nicht Buchillustrationen oder Künstlerbücher allein im Zentrum, sondern die Beziehung zwischen Kunst und Literatur. Und das 20. Jahrhundert in Luxemburg ist in der Tat reich an Kooperationen zwischen Künstlern und Schriftstellern und an Schrift-Bild-Gebilden, wie wir an diesem Morgen schnell feststellen. In Mersch hat man einige, teils überraschende Fallbeispiele in den Fokus gerückt, um diese Varietät zu illustrieren. Ein Großteil der Exponate, die - erstmalig überhaupt - im Literaturarchiv zu sehen sind, stammt indes aus Privatsammlungen.

Der erste Saal ist der Buchkunst von Jean Vodaine aus Lothringen - Dichter, Maler, Drucker und Typograf in einer Person - gewidmet. „Als Herausgeber luxemburgischer Schriftsteller gehört er zum literarischen Feld Luxemburgs“, bemerkt Sunnen. Besondere Beziehungen unterhielt er etwa zu den Schriftstellern Michel Raus und Edmond Dune. Mit Letzterem gründete er 1962 die bedeutende Zeitschrift „Dire“, in der Gedichte luxemburgischer Poeten, etwa Anise Koltz, abgedruckt wurden und die viele Luxemburger abonniert hatten. Bis 1984 wurde sie übrigens herausgegeben.

Vom Schuster zum Dichter und Typografen

Vodaine, der eigentlich gelernter Schuster war, fand bereits in jungen Jahren Gefallen am Gedichteschreiben. „Nach und nach wurde er zum Dichter, gleichzeitig Typograf und Herausgeber, aber auch Maler und Graveur. Wegen seiner Beziehungen zu Luxemburg und der auffälligen Schriftbilder in seinem Werk war er für diese Ausstellung ein ideales Beispiel“, erläutert Sunnen. Besonders bekannt war Vodaine in der Tat wegen seiner speziellen Typografie. „So hat er etwa kleine und große Buchstaben beliebig vermischt, was, wie er einmal in einem Interview verriet, daher rührte, dass seine damalige Druckerpresse keinen ganzen Satz an Buchstaben hatte, verschiedene fehlten, sodass er sie mischen musste. Irgendwann wurde aus dieser anfänglichen Notlösung dann eine richtige ästhetische Option“, erfahren wir.

Zusammenarbeit in Buchform

Im Mittelpunkt des zweiten Expo-Raums steht der Galerist und Herausgeber André Simoncini. „Als er Anfang der 1980er Jahre seine Kunstgalerie eröffnete, hatte er gleich die Absicht, auch Künstlern aus dem Osten eine Plattform zu bieten. Bereits sehr früh unterhielt er Kontakte zu Kunstschaffenden aus Rumänien, Polen oder der DDR, die er für Ausstellungen nach Luxemburg holte, sofern dies denn genehmigt wurde“, weiß CNL-Direktor Claude D. Conter zu berichten. Ein Teil der dazu nötigen Korrespondenz mit den zuständigen Autoritäten ist übrigens in der Expo zu sehen. Bekanntlich ist Simoncini noch dazu seit vielen Jahren als Herausgeber von Künstlerbüchern tätig, für die er stets die Zusammenarbeit zwischen einem Künstler und Dichter in die Wege leitet. Bis heute wird das jeweilige Buch in der Galerie vorgestellt, in der gleichzeitig Werke des Illustrators ausgestellt werden. Bis heute liegt ihm zudem daran, Luxemburger zusammen mit ausländischen Künstlern auszustellen, beziehungsweise gemeinsam Künstlerbücher realisieren zu lassen. „Dies um systematisch den Austausch zu fördern“, sagt der Direktor des Literaturarchivs.

Weniger bekannt ist indes, dass Simoncini seit jeher selbst als Dichter tätig ist. „Es war uns wichtig, ihn auch als Poeten zu zeigen. Als solcher wird er in Luxemburg oft unterschätzt, dabei ist er ein sehr guter Dichter“, betont Conter. Gleiches treffe derweil auch ein bisschen auf François Didier, genannt diti, zu, auf den wir im nächsten Saal treffen. „Neben seiner grafischen Tätigkeit begann er ab Anfang der 1970er Jahre in der Tageblatt-Beilage ,Le Phare‘ zu zeichnen. Angefangen hatte das Ganze unterdessen durch die Freundschaft mit Josy Braun und später den Autoren Pol Pütz und Nic Weber, in dessen Zeitschrift ,Les Cahiers luxembourgeois‘ er seine Cartoons regelmäßig veröffentlichte. Als Cartoonist und Karikaturist hat er dann auch häufig im Ausland ausgestellt, in Luxemburg derweil etwas weniger“, bemerkt Conter.

Reduzierte Formensprache mit spitzer Feder

In den Ausstellungsvitrinen sind einige seiner Federn zu sehen. Ein Großteil davon hat er nach seinen Vorstellungen anfertigen lassen, manche sogar selbst geschnitzt und bemalt. „Die Feder war mehr für ihn als nur ein Arbeitsinstrument, er hat sie in vielen seiner Arbeiten zum Thema gemacht“, berichtet Conter. Davon können wir uns in diesem Raum überzeugen, in dem zudem etliche, bislang unveröffentlichte Skizzenbücher zu sehen sind. „Seine Cartoons hat diti als poetische Satire verstanden“, fährt der Leiter des Literaturarchivs fort. In der frühen Form seines Werks entdeckt man als Betrachter viele Details, mit der Zeit setzte er dann auf eine sehr reduzierte Formensprache.

Von literarischen Texten beeinflusst

Dem Maler Théo Kerg wird sich ein paar Schritte weiter gewidmet. Er hat sich sehr deutlich von literarischen Texten inspirieren lassen und den Stil „Taktilismus“ in Luxemburg geprägt: eine auf dem Tastsinn basierende künstlerische Ausdrucksform. In Mersch wird der Hauptfokus aber nicht etwa auf seine Reliefbilder gerichtet, sondern vielmehr analysiert, wie seine schöpferische Tätigkeit aus der Freundschaft mit Schriftstellern entstanden ist. „Théo Kerg hat selbst relativ früh mit dem Schreiben angefangen und bereits als Jugendlicher Gedichte verfasst, bevor er dann später Werke von französischen Schriftstellern illustrierte“, weiß Myriam Sunnen. Auflisten kann man etwa Paul Élouar, Paul Valéry oder Jean Rousselot.

„Außerdem hat der Künstler sehr früh angefangen, systematisch Schriftzeichen in seine Bilder zu integrieren. Inspiriert wurde er durch Pierre Garnier, der eine sehr visuelle Poesie entwickelt hatte und sozusagen mit den Wörtern Bilder hat entstehen lassen; eine Poesie, die mehr zum Betrachten als zum Lesen gedacht war“, erklärt Sunnen. „Davon zeigte sich Kerg als Maler begeistert, sodass er Figurengedichte von Garnier in seine taktilistischen Kunstwerke zu integrieren begann“.

Unbekannte Bilderwelten bekannter Autoren

Der letzte Saal gibt einen Einblick in das bildkünstlerische Werk einer Auswahl luxemburgischer Schriftsteller: Jean-Paul Jacobs, Jean Back, Lambert Schlechter und Georges Hausemer. „Die Frage, welche Verbindung es zwischen ihren Bilderwelten und ihrem literarischen Werk gibt, hat uns beschäftigt“, bemerkt Conter. Nicht in allen Fällen stehen beide Tätigkeiten derweil in Beziehung zueinander. „Was bei Jean Back auffällt, ist beispielsweise, dass seine Zeichnungen oft überhaupt nichts mit seiner Literatur zu tun haben, einige davon aber beinahe schon Milieu- oder Sozialstudien aus der Minette-Region sind. Zudem finden sich viele skurrile Figuren in seinem zeichnerischen Werk, was meiner Meinung nach auch eine ganz starke Anlehnung an Roger Manderscheid ist“, wird uns erzählt. Auch die Zeichnungen des vor kurzem verstorbenen Georges Hausemer haben wenig mit seiner Reiseliteratur gemein, für die er bekannt ist. „Wie er selbst erzählte, zeichnete er immer dann, wenn er eine Schreibblockade hatte“, sagt Conter und zeigt auch vor dieser Vitrine auf teils skurrile Figuren, die etwas Hybrides aufweisen. Gleichzeitig findet man in vielen Zeichnungen dennoch kleine Hinweise, dass hier ein Autor am Werk war, dies etwa durch die Integrierung fiktiver Schriftzüge.

Jean-Paul Jacobs‘ Zeichnungen und Skizzen sind kaum bekannt, seine Collagen dagegen schon eher. Einige davon hat er in späteren Gedichtbänden übernommen. „Manche Zeichnungen lassen sich stark mit seinen literarischen Texten in Verbindung bringen, es geht viel um den Körper, um Orgien, auch fantastische Bilder“, beschreibt der Direktor des CNL. Ein erschöpfender Überblick soll indes in diesem letzten Ausstellungsteil nicht geboten werden. „Wir wollten verdeutlichen, dass es tatsächlich eine Reihe Schriftsteller gibt, die neben ihrer Haupttätigkeit auch zeichnen, ohne sich jedoch selbst als Maler zu bezeichnen. Wir reden also nicht von Doppelbegabungen. Es geht nicht darum, diese Autoren jetzt als Künstler zu entdecken, sondern zu verdeutlichen, inwiefern - und ob überhaupt - ein anderes Medium im Schreibprozess eine Rolle spielt“, erläutert Conter. Lediglich Lambert Schlechter hat einen Teil seiner Bildwerke veröffentlicht. Zwischen seinen Texten und Zeichnungen - viele davon sind Aktbilder - erkennt man in der Tat eine gewisse, manchmal sogar starke Affinität.

Gelegenheit, sich die Ausstellung „Schrift & Bild im Dialog - Über Literatur und Bildkünste in Luxemburg“ anzuschauen, bietet sich noch bis zum 3. April 2019. Geöffnet ist montags bis freitags zwischen 9.00 und 17.00. Auf Anfrage sind geführte Besichtigungen möglich (info@cnl.public.lu). Zudem ist ein 300 Seiten starker Ausstellungskatalog mit zahlreichen Illustrationen und Beiträgen von unter anderen Myriam Sunnen, Alphonse Pensa, Claude Bommertz, Carlo Schmitz, Marie-Amélie zu Salm-Salm und Claude D. Conter erschienen (35 Euro). Zusätzliche Infos unter http://www.cnl.public.lu