LUXEMBURG
LJ

Auch wenn sie stillgelegt sind: Hochöfen faszinieren - nicht nur in Belval

Ohne diese Metalllegierung geht nichts in der Welt

Auf Stahl gebaut

Auf Stahl baut die Welt. Die Legierung aus Eisen und Kohlenstoff ist das wichtigste Material für den Maschinenbau und die Bauindustrie. Fast jeder Gegenstand, den wir täglich nutzen, enthält Stahl. Das Gros der Stahlproduktion wird jahrzehnte- und manchmal jahrhundertelang genutzt, bevor es recycelt wird. Ein Riesenvorteil: Das Material kann immer und immer wieder verwendet werden quasi ohne Qualitätsverlust. Stahl ist das am meisten recycelte Material der Welt.
Hergestellt wird es in riesigen Schmelzöfen, in Hochöfen, die von oben mit Eisenerz befüllt werden sowie mit Koks oder in strom-gepowerte Lichtbogenöfen, die Elektroschrott einschmelzen. Rund 75 Prozent des weltweit produzierten Stahls wird heute in Hochöfen erzeugt. Das hat auch damit zu tun, dass die Stahlherstellung durch Lichtbogenöfen bislang noch kostenintensiver ist als durch Hochöfen. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr weltweit 1.689,4 Millionen Tonnen Rohstahl hergestellt. Ein Rekord!
Aber Stahl ist nicht gleich Stahl. Die Eigenschaften des Materials können durch Zusatzstoffe und verschiedene Transformationsverfahren verändert werden. So gibt es laut Weltstahlverbund rund 3.500 verschiedene Stahltypen, davon seien rund drei Viertel erst in den vergangenen 20 Jahren entwickelt worden. Geforscht wird natürlich weiter. Heute sind Stähle auf dem Markt, die Autos zum Beispiel sowohl fester als auch leichter machen. Würde man den Eiffelturm heute neu bauen, wäre wahrscheinlich bloß ein Drittel des Stahls nötig, der bei der Originalkonstruktion verwendet wurde.
Auch an den Produktionsmethoden wird dauernd gefeilt. Heute braucht es zum Beispiel für die Herstellung einer Tonne Stahl 40 Prozent weniger Energie als noch vor 50 Jahren. Der 2006 nach einer heißen Übernahmeschlacht entstandene ArcelorMittal-Konzern mit Hauptquartier in Luxemburg bleibt mit einer Jahresproduktion 2017 von 97,03 Millionen Tonnen bei weitem die Nummer Eins in der Welt, weit vor der China Baowu Group (65,39 Millionen) und der Nippon Steel & Sumitomo Metal Corporation Group (47,36 Millionen). China war mit einer Tonnage von 831,7 Millionen 2017 (49,2 Prozent der Weltproduktion) das größte stahlproduzierende Land der Welt, vor Japan (104,7) und Indien (101,4). Die Stahlproduktion hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich nach Asien verlagert. Die EU stellt heute nur noch zehn Prozent des weltweiten Stahls her.
Die Rohstahlproduktion in Luxemburg belief sich laut Statec zuletzt auf knapp 2,2 Millionen Tonnen Rohstahl. Anfang der 1990er waren es noch 3,5 Millionen, in den Jahren vor der Stahlkrise um 1975 über 5,5 Millionen Tonnen. Damals, als im Land noch rund 25 Hochöfen dampften erwog die Arbed übrigens sogar die Errichtung eines vierten Hochofens in Belval. Doch nach dem „Peak“, der auch Mitte der 1970er bei der „Minette“-Förderung erreicht wurde, kam der Absturz. Ölpreisschocks und die darauf folgende Weltwirtschaftskrise raubten der hiesigen Stahlindustrie und dem Bergbau den Atem.
Die letzte Grube im Differdinger Thillenberg schloss 1981, die Produktionsstätten wurden nach und nach stillgelegt. Und der Prozess hält an. Heute gibt es in Luxemburg mehr Stahlindustriebrachen als je zuvor. Die bislang letzte ist die 62 Hektar große in Esch-Schifflingen; für das Werk dort fiel im vergangenen September nach knapp fünf Jahren Ungewissheit das definitive „Aus“. Ob es in zehn Jahren noch Stahlstandorte in Luxemburg geben wird oder nur mehr die restaurierten Hochöfen auf Belval und Narben in der Natur von einer Zeit kunden, in der das Fundament für das erfolgreiche „Luxemburger Modell“ gelegt wurde? Claude Karger

Hunderte Schaulustige drängelten sich am Samstagabend wieder in Belval, um den Gusseisenabstich am Miniatur-Hochofen zu verfolgen, den die Vereinigung DKollektiv für diesen Abend in Betrieb genommen haben. Das zeremonienhafte Event ist ein Highlight des Hochofenfests und soll ein Gefühl dafür vermitteln, was auf Belval los war, als die riesigen Industrieanlagen noch auf Hochtouren liefen.

Am 28. August 1997 war damit Schluss. Der letzte Abstich erfolgte ein paar Jahre nur nachdem die Arbed entschieden hatte, definitiv auf Lichtbogenhochöfen umzusteigen. Mit der Stilllegung ging eine Ära zu Ende. Nach über hundert Jahren gehörten die wohl beeindruckendsten Embleme der Stahlindustrie zum alten Eisen. Der modernste unter ihnen, der Hochofen C, ein 110 Meter hohes Monster, das bei seiner Fertigstellung 1979 der leistungsstärkste Europas war mit einer Tagesproduktion von 4.300 Tonnen Roheisen, war da schon längst weg. 1995 war er eingestellt worden. Die chinesische Kisco hatte ihn der Arbed abgekauft und 240 Arbeiter nach Belval geschickt, um den 10.000 Tonnen-Koloss ab Anfang 1996 Stück für Stück zu zerlegen und zur Verschiffung ins 8.300 Kilometer entfernte Kungang vorzubereiten. Fünf Monate dauerte der Abbau - in Belval blieben lediglich die Betonfundamente.

Der Aufbau in China sollte 20 weitere Monate brauchen. Vielmehr aber war es ein Neubau, denn die Technik aus Luxemburg war lediglich Kernstück des Hochofen 6 des Stahlherstellers vor Ort. Dieser Hochofen sollte noch durchschnittlich über 1,5 Millionen Tonnen Roheisen jährlich produzieren. Mittlerweile wurde er eingemottet. Ob er als Industriedenkmal wiedererstehen wird wie die Hochöfen A (Baujahr 1965) und B (1970) in Belval, die nach liebevoller und kostenintensiver Restaurierung - mehr als 38 Millionen Euro wurden staatlicherseits für das Projekt, das auch die Amenagierung einiger Nebenanlagen umfasset, aufgewendet - Anfang Juli 2014 eingeweiht wurden? Nichts ist weniger sicher.

Sicher ist, dass immer mehr Hochöfen in Europa stillgelegt werden. Ob die von Hayange und Florange, unweit der Grenze zu Luxemburg, die seit 2012 „schlafen“, jemals wieder angeblasen werden, steht in den Sternen. Ende des Jahres soll hier eine Entscheidung fallen. Trotzdem hat ArcelorMittal in die Modernisierung der Standorte investiert.

Zukunft ungewiss

Derweil nimmt die Zahl jener Hochöfen, die zu Denkmälern werden, zu. Im polnischen Starachowice wurde bereits Ende der 1960er einer als Industriedenkmal und Museum konserviert.

In Uckange in der Moselle wurde auf dem 1991 eingestellten Produktionsgelände einer der sechs Hochöfen erhalten und restauriert (U4), der seit 2007 zugänglich ist für das Publikum. Die meisten von uns dürften das Weltkulturerbe Völklinger Hütte in der Nähe von Saarbrücken kennen, wo sechs Hochöfen erhalten sind. Mehrere weitere wurden im Ruhrpott (Dortmund, Duisburg, Hattingen) konserviert. In Lüttich diskutiert man derzeit, wie man den Hochofen B in Ougrée erhalten kann. Hinter den Bemühungen für den Erhalt des Industriepatrimoniums stecken meist auch Bürgerinitiativen, die Druck machen, um dieses Erbe zu konservieren. Im vergangenen April hatte die „Amicale des Hauts Fourneaux“ übrigens eine Petition gestartet für den Erhalt der Gebläsehalle in Belval. 1.076 Bürger unterzeichneten sie, weit weniger als die 4.500 Unterschriften, die für eine öffentliche Debatte im Parlament benötigt werden. Die Diskussion um den Erhalt des Industriepatrimoniums geht natürlich trotzdem weiter.