LUXEMBURG
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300 Meter vor dem Gipfel ist Eugèn Berger zum ersten Mal drauf und dran, aufzugeben. Da zieht der Spanier, mit dem er zufällig aufgebrochen ist, an ihm vorbei, und Berger wird sich bewusst: „Jetzt bist du allein mit deinen Ängsten. Wenn etwas schief geht, kann dir niemand mehr helfen.“ Helikopter sind in der extrem dünnen Luft unterhalb des höchsten Gipfels der Welt nicht einsetzbar.

„Heute ist mein Tag!“

Der 30jährige Alpinist weiß: Manchmal dauert es Tage, bis ein Rettungsteam ankommt. Er heult vor Wut, doch irgendwann ist er sich sicher: „Heute ist mein Tag!“ Berger quält sich weiter. Der Spanier kommt ihm wieder entgegen,
nickt ihm Mut zu. Ein paar schwere Tritte später passiert ein Malheur, das Berger zum zweiten Mal fast verzweifeln lässt: Mit dem Eispickel hackt er in den Balg, der die Sauerstoffzufuhr regelt. Ab jetzt heißt es: Weiter ohne Gerät!
Berger zieht sich die zehn Meter hohe Felswand unterhalb des Gipfels hoch. Der „Hillary Step“ ist geschafft. Jetzt noch den schmalen Grat zum Gipfel.
Ein falscher Schritt bedeutet den Tod. Berger bleibt ruhig. Um 12.47 Uhr Lokalzeit an diesem 1. Oktober 1992 steht er auf dem Dach der Welt. Und staunt: Es hat die Größe eines Bürotischs. Mit letzter Kraft rammt der Bergsteiger seinen Eispickel mit der kleinen „Roude Léiw“-Flagge ins Eis.

„Es war ein Moment der Erlösung, der extremen Beruhigung“

Die eisblauen Augen glänzen, wenn Eugène Berger 20 Jahre später von seiner Expedition berichtet. „Es war ein Moment der Erlösung, der extremen Beruhigung“, beschreibt der Extrembergsteiger die Minuten, in denen er vom 8.848 Meter hohen Gipfel auf das gesamte Himalaya-Massiv hinunterblickte. Doch statt den erhabenen Moment zu genießen, hämmerte nur ein Satz durch seinen Kopf: „Ich muss mein Auto in die Garage fahren. Ich muss mein Auto in die Garage fahren. Ich muss...“ Berger muss herzhaft lachen, wenn er berichtet, was er in jenem Moment dachte, „verrückt!“. 
Aufgebrochen er mit einem spanischen Alpinisten-Kollegen und einem französischen Paar, das bei 8.600 Metern entkräftet aufgab.

„Du musst im Kopf aushalten, ständig auf des Messers Schneide zu sein.“

Wäre er heute unterwegs, müsste er nicht mehr das Gefühl haben, er könnte „genauso gut auf dem Mond gelandet sein“. Nach wie vor ist er der einzige Luxemburger, der auf dem Gipfel des Mount Everest stand, doch der Berg ist längst erfasst vom Massentourismus. Damals aber galt: „Du musst im Kopf aushalten, ständig auf des Messers Schneide zu sein.“ 
Der Alpinist war bereits mehr als die Hälfte seines Lebens regelmäßig geklettert und hatte viele Gipfel auf verschiedenen Kontinenten bezwungen.

Von Rob Goergen inspiriert

Seine Leidenschaft geweckt hatte Rob Goergen, ein passionierter Alpinist, mit dem zusammen er immer wieder im Mont-Blanc-Massiv unterwegs war. Dort machte er auch seinen Schein als Hochgebirgsführer. Und dachte daran, steile Karriere zu machen: Nicht als Politiker, sondern als Profi-Alpinist. Er bezwang den Nanga Parbat (8.125 Meter) und den Gasherbrum II (8.035 Meter).
Nur am Everest war er mehrmals gescheitert. Und dieses Mal hatte er zwar den Aufstieg geschafft, doch ohne Sauerstoffgerät konnte der Abstieg das Ende bedeuten. Nur zehn Minuten hält es Berger auf dem Dach der Welt. Er schießt ein paar Fotos, um den Erfolg zu dokumentieren, in seinem Kopf hämmert es weiter: Das Auto, in die Garage! Ich muss nach Hause, das Auto, in ...

„Ich war spät dran und enorm kaputt“

So ein Mantra gehört allerdings zur Routine des erfahrenen Bergsteigers, der weiß, dass der Gipfelsturm nur die halbe Miete ist. Durch die Endlosschleife des trivialen Gedankens dringt ins Bewusstsein: Wenn du jetzt nicht den Rückweg antrittst, erfrierst du in der eisigen Nacht hier oben. „Ich war spät dran und enorm kaputt.“ 
Noch bevor er unten ankam, wusste man in Luxemburg über den Erfolg Bescheid. Italienische Wissenschaftler, die den Everest neu vermessen wollten, hatten France Info die Information gesteckt. Sie hatten sich gewundert, dass sie mit ihrem Laser die Apparatur nicht anvisieren konnten, die sie am Gipfel des höchsten Berges der Welt installiert hatten. Später fanden sie heraus, dass es Eugène Berger war, der die Peilung um genau 12.47 Uhr Ortszeit gestört hatte.

Bergers Lungen sind dermaßen rau, dass er Blut spuckt

Per Zufall hatte der Luxemburger Sportjournalist Pilo Fonck die Nachricht mitbekommen. Das Großherzogtum bereitete Berger einen herzlichen Empfang.  Es brauchte mehrere Tage, um sich von den Strapazen zu erholen.
 Die 600 Meter zum Basislager bewältigt er mehr rutschend als gehend. Knapp vor Sonnenuntergang kommen die Zelte des Camps in Sicht. Bergers Lungen sind dermaßen rau, dass er Blut spuckt. Nach ein paar Stunden Ruhe macht sich der Alpinist an den Abstieg zum Basislager auf 5.600 Meter.
Noch lange nach dem Gipfelsturm muss er literweise Wasser trinken, um den dehydrierten Körper wieder herzurichten. „Die größte Gefahr im Hochgebirge ist zu verdursten“, erklärt Berger, „die Zellen vermögen es durch den verminderten Druck nicht, die Flüssigkeit zu speichern“.

„Mein Leben hat sich durch die Erfahrung am Everest in vielerlei Hinsicht geändert“


Erst nach und nach realisierte er, was er da geschafft hatte. Heute kann er sagen: „Mein Leben hat sich durch die Erfahrung am Everest in vielerlei Hinsicht geändert.“ Jetzt kam sein zweiter Gipfelsturm: Der in die Politik. Der Sportler des Jahres 1992 brachte es in der CSV-DP-Regierung 1999-2004 bis zum Staatssekretär im Umweltministerium. Vor allem aber fühlte er sich „nicht mehr derselbe Mensch“. Nach der Everest Besteigung habe er „viel gelassener“ auf die alltäglichen Dinge geblickt. „Du weißt, es gibt weit härtere Herausforderungen, wie den Kampf mit der Natur beispielsweise.“
 Noch heute sucht er diese Herausforderung und besteigt die Gipfel dieser Welt. Fit fühlt er sich immer noch - und sieht auch so aus. Und vielleicht wird es ja sogar noch mal was mit dem Everest. „Man soll niemals nie sagen“, scherzt Eugène Berger. Und ergänzt im Ernst: Würde eines seiner Kinder – alle ebenfalls begeisterte Alpinisten - einen Aufstieg planen, „ich wäre sofort dabei!“