LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

In seiner neuen Saison hinterfragt das TNL Themen der Aktualität und Vergangenheit

Et après? Und dann? Von der schwarzen Wand im „Théâtre National du Luxembourg“ (TNL) starrt uns am Dienstagmorgen in großen weißen Buchstaben diese Frage an. Wir schlagen das Programmheft auf - Grund unseres Besuchs ist die Vorstellung der neuen Spielzeit - und auch hier bleibt unser Blick gleich an dieser Frage hängen, mit der TNL-Intendant Frank Hoffmann sein Editorial überschrieben hat. „Wenn die Wirklichkeit mit zunehmender Tendenz solche Purzelbäume schlägt, dann wird es auch für den Künstler immer schwieriger, ihr etwas entgegenzusetzen, beziehungsweise sich mit ihr auseinanderzusetzen. Als Theaterleute haben wir auch den Auftrag, zu analysieren und zu hinterfragen. Auch wenn wir nicht unbedingt Antworten geben können, so müssen wir es doch zumindest versuchen“, sagt Hoffmann, der inzwischen hinter das Rednerpult getreten ist.

„In der Spielzeit 2018/19 wird das TNL zum Archäologen“, stellt der Theatermann in Aussicht. „Wir wühlen, forschen, wir richten unseren Blick auf die Hintergründe, auf die Basis, auf der Wirtschaft, Politik und so weiter gründen, und auf das, was danach kommt. Möglicherweise können wir sogar eine Art Zauberer sein, indem wir die Wirklichkeit leicht verändern, oder indem wir zumindest den Zauber vom Theater und der Kunst ans Publikum weitergeben“, führt er weiter aus.

Nationalismus... und dann?

Die Leitidee der kommenden Saison kreist demnach um die Frage „Und dann?“ und greift gleichzeitig wichtige Themen der Aktualität auf. „Wenn man sich anschaut, was derzeit in Deutschland oder überhaupt in Europa geschieht, so kommt man nicht umhin, sich auch im Theater mit dem Nationalismus zu befassen. Das Theater muss das Wort ergreifen, aber anders“, meint Hoffmann. Das tut auch Lars Werner in seinem Stück „Weißer Raum“ (Premiere am 4. Oktober), indem er in der einfachen Sprache des alltäglichen Dialogs beschreibt, wie Menschen am unteren Rand der Gesellschaft im Versuch, nicht ganz abzurutschen, sich äußerst rechts festhalten. „Wir haben versucht, das Thema Rechtspopulismus in seiner ganzen Komplexität zu fassen. Der Blick von außen war uns wichtig, und der Versuch, Objektivität zu wahren“, erklärt Regisseurin Anne Simon.

„Oft scheint diese Problematik ganz weit von uns weg zu sein, dabei sind solche Tendenzen natürlich auch hier denkbar. Die Suche nach Macht steckt letzten Endes in jedem, das beginnt bereits bei den Kindern und äußert sich in Form von Mobbing an den Schulen“, gibt Hoffmann zu bedenken. In „L’Île sauvage“ (Premiere am 17. Mai) von Serge Wolfsperger entwickeln Jugendliche Verhaltensweisen zwischen Macht und Abgrenzung. Zehn Mädchen und Jungen zwischen zwölf und 15 stehen in diesem Stück auf der Bühne. Sie sind die einzigen Überlebenden eines Flugzeugabsturzes auf einer einsamen Insel.

Krieg... und dann?

Ein weiteres großes Sujet der Spielzeit 18/19 ist „Krieg“. 100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg bringt das TNL in diesem Kontext eine Reihe unterschiedlicher Projekte auf die Bühne, angefangen mit der Uraufführung des Rockmusikdramas von Wolfsmehl über den letzten deutschen Kaiser Wilhelm II. (Premiere am 5. November) unter der Regie von Stefan Maurer. „Kaum jemand hat so massiv in die Geschichte eingegriffen. Letztlich hat er versucht, seine Minderwertigkeitskomplexe über die Macht zu kompensieren“, erklärt Wolfsmehl. Den Kaiser spielt und singt übrigens eine Frau: Susanne Bredehöft. Eine bewegende musikalische Lesung erwartet das Publikum in „Le Violoncelle de guerre“ (Premiere am 12. November), das die Geschichte des berühmten Cellisten Maurice Maréchal während des Kriegs aufgreift. „Weltenbrand“ (Premiere am 14. November), basierend auf dem Roman „Heeresbericht“ aus dem Jahr 1930, beschreibt den ganzen Wahnsinn des Ersten Weltkriegs.

Die Geschichte des späteren Nobelpreisträgers Alexander Solschenizyn - er diente während des Zweiten Weltkriegs in der russischen Armee - wird in einer szenischen Lesung unter der Regie von Frank Hoffmann mit Schauspielschülern aus Russland und Luxemburg thematisiert (Premiere am 11. Dezember). Mit „Hiroshima mon amour“ (14. Dezember) kehrt Fanny Ardant ins TNL zurück, um von der Liebe in Kriegszeiten zu erzählen. Interessant dürfte auch der Besuch des Stücks „Grounded“ (Premiere am 23. Februar) unter der Regie von Anselm Weber sein. Auf der Bühne steht Sarah Grunert als Pilotin der US-Luftwaffe, die nach ihrem Schwangerschaftsurlaub keinen Kampfjet mehr fliegen darf, sondern Drohnen steuern soll.

Kapitalismus... und dann?

Unter das Thema „Kapitalismus“ fällt Henrik Ibsens „Peer Gynt“ (Premiere am 13. Februar), einer der ersten Kapitalisten der Theaterliteratur. In der Rolle des legendären Lügners und Fantasten ist der 83-jährige Roberto Ciulli zu sehen. In seiner Inszenierung von „Die Spieler“ (Premiere am 13. Oktober) nach Dostojewski bringt Hoffmann gleich 13 Schauspieler auf die Bühne, darunter Marco Lorenzini, Annette Schlechter und Nora Koenig. Die Schönen und Reichen, die Erniedrigten und Beleidigten treffen in dieser Fassung aufeinander. In „EUROPE - My Heart Will Be Broken“ (Premiere am 12. Januar) unter der Regie von Armin Petras erwartet das Publikum ein ungewöhnlicher Dialog zwischen Ost und West.

Vergangenheit... und dann?

Unter dem Motto „Vergangenheit“ geht es in Claude Frisonis „Les héros sont fatigants“ (Premiere am 25. April) um das, was vom Mai 1968 an Ideen und Träumen übrig geblieben ist. In dem italienischen Stück „Vogliamo tutto!“ (Premiere am 27. April) wird der Versuch unternommen, die Energie vom Mai 68 für heute neu zu fassen. „Le Duo Sportif“ beschäftigt sich in den beiden kurzen Stücken „The other: me“ und „Rose“ (Premiere am 25. September) mit sportlichen Themen, dies aber gleichzeitig mit einer politischen Dimension.

Worauf man sich zweifelsohne ebenfalls freuen darf, ist die szenische Lesung von Pol Greischs „Fënsterdall“ (Premiere am 25. Oktober), eine Hommage an Thierry van Werveke: Vor zehn Jahren spielte er in diesem Stück die Rolle des Jean. Es sollte sein letzter Auftritt sein. Nach der Premiere musste sich der schwerkranke Künstler ins Krankenhaus begeben und starb wenige Wochen später. Das Stück in einer neuen Inszenierung auf die Bühne zu bringen, sei nie das Ziel gewesen, sagt Hoffmann, „damit wollen wir verdeutlichen, dass eben doch nicht jeder Mensch zu ersetzen ist“.

Hausautor ist indes in diesem Jahr Rafael David Kohn, der im Januar sein Stück „Demandez au Président“ in einer szenischen Lesung vorstellen wird. Neu sind übrigens die Einführungen von Simone Beck und Betty Belais jedes Mal eine Stunde vor Vorstellungsbeginn sowie verschiedene Diskussionsrunden über aktuelle Themen im „Public Forum“.


Alle Infos www.tnl.lu