LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

Spezifische Lernstörungen: Das „Centre pour le développement des apprentissages Grande-Duchesse Maria Teresa“ ist breit aufgestellt

Alex Kockhans hat ein klares Ziel vor Augen. „Wir wollen als Referenzzentrum gesehen werden“, sagt der Mann, der mit dem Aufbau des „Centre pour le développement des apprentissages Grande-Duchesse Maria Teresa“ (CDA) beauftragt wurde. Es ist eines der drei neuen Kompetenzzentren, die mit der Neuaufstellung der „Education différenciée“ geschaffen wurden und in diesem Herbst ihre Arbeit aufnehmen.

Wobei das Zentrum, das sich an Schüler mit spezifischen Lernschwierigkeiten und Lernstörungen richtet, eigentlich schon länger den Betrieb aufgenommen hat. „Wir konnten schon vor der Rentrée im Hintergrund arbeiten“, erklärt der ausgebildete Lehrer und Pädagoge im „Journal“-Interview. So hätten sich schon Eltern gemeldet, die auf den Beratungsdienst des Kompetenzzentrums zurückgegriffen haben. Auch die spezifische Diagnostik wird in den Räumlichkeiten in Strassen durchgeführt. Darüber hinaus soll die Arbeit des Kompetenzzentrums vor allem in den Schulen ihre Früchte tragen. Kockhans unterstreicht, dass das CDA keine eigenen Klassen hat und ganz auf Inklusion setzt. Das CDA bietet neben therapeutischen Ateliers auch individuelle therapeutische Angebote für Kinder und Jugendliche an.

Statistisch gesehen circa4.500 Schüler betroffen

Auch wenn in der Forschung unterschiedliche Annahmen bestehen, kann man davon ausgehen, dass in Luxemburg statistisch gesehen circa 4.500 Schüler in Grund- und Sekundarschulen von einer spezifischen Lernstörung betroffen sind. Das Kompetenzzentrum, das zunächst mit 28 Mitarbeitern an den Start geht, muss deshalb vor allem auf Multiplikatoren setzen. In erster Linie sind das die Lehrer selbst, aber auch die I-EBS, von denen es demnächst 150 landesweit geben soll, sowie die den Regionaldirektionen unterstellten ESEB-Teams. Viele Schüler würden gut im jeweiligen Umfeld aufgefangen. Eine genaue Analyse soll in den kommenden Wochen zeigen, wie viele Kinder und Jugendliche für eine spezifische Unterstützung seitens des CDA in Frage kommen. Das Kompetenzzentrum bietet neben der Unterstützung von Kindern und Jugendlichen auch Weiterbildungen und Coachings sowie eine Fachberatung in der Fachbibliothek für Professionelle an.

Um zu verdeutlichen, dass sich das Zentrum nicht ausschließlich um die Dys-Problematik (Dyslexie, Dyskalkulie, Dysgraphie, usw.) bekümmert, haben die Verantwortlichen eine fachlich zutreffendere Bezeichnung gewählt. „Wir wollten einen Namen haben, der mehr abdeckt als eine Dysproblematik“, führt Kockhans aus. Er und sein Team haben sich auf internationale Klassifizierungssysteme wie DSM-5 oder ICD-10 basiert, „um eine Brücke zu den Medizinern zu schlagen“. Vereinfacht gesagt interessiert sich das Kompetenzzentrum für spezifische Lernschwierigkeiten. Wichtig ist zudem, dass es sich um persistente Muster handelt, die trotz gezielter Unterstützung einen Zeitraum von sechs Monaten überdauern und dass es sich um Kinder ohne einen großen kognitiven Entwicklungsrückstand handelt.

„Störungen der Lese-, Schreib-, und Rechenkompetenzen treten allerdings häufig nicht alleine auf“, führt Kockhans aus und nennt etwa ein Aufmerksamkeitsdefizit oder eine eingeschränkte Funktion des Arbeitsgedächtnisses. „Wir konzentrieren uns in unserer Arbeit auf die spezifischen Störungen, sind allerdings auch aufgestellt, um parallel auftretende Störungen mit abzudecken“, bemerkt er. Dabei kann das Zentrum aber, falls erforderlich, auch auf andere Kompetenzzentren zurückgreifen.

Auf Kritik von Gewerkschaftsseite, Unterstützung sei bislang nicht in den Schulen angekommen oder es dauere zu lange, antwortet Kockhans, dass die I-EBS sowie die ESEB auf lokaler und regionaler Ebene einen wichtigen Beitrag zur Unterstützung von Kindern mit Lernschwierigkeiten leisteten. Diese müssten „keine Experten“ sein, aber gewisse Grundlagen mitbringen, um die Fördermaßnahmen in die Schule zu bringen. Auch das Coaching durch Mitarbeiter des Zentrums soll Lehrkräfte in den Schulen bei gestellten Diagnosen von Kindern mit fachlichem Rat unterstützen. In der Vergangenheit fehlte es bisweilen auch an den richtigen Materialien und/oder dem Know-How. Das übergeordnete Ziel des Kompetenzzentrums lautet, „Kindern mit spezifischen Lernstörungen die Werkzeuge mit auf den Weg zu geben, die sie brauchen, um langfristig damit umzugehen.“

Damit schneller Hilfe mobilisiert werden kann, hat sich das Kompetenzzentrum zudem Fristen auferlegt. Mindestens einmal pro Woche findet eine „Dispatching“-Versammlung statt. Allerspätestens nach zwei Wochen, nach der Einverständniserklärung der Eltern, soll das erste Gespräch stattfinden. Zudem soll ein Mitarbeitertandem über die gesamte Prozedur hinweg einem Kind zugewiesen sein: vom ersten Gespräch mit den Eltern über die spezifische Diagnose bis zu den Fördermaßnahmen. „Für Eltern, die oftmals einen langen Parcours hinter sich haben, um Hilfe für ihre Kinder zu bekommen, wollen wir auch eine Orientierungshilfe sein“, sagt Alex Kockhans.

Kockhans will ebenfalls auf eine Verbesserung des eingesetzten Materials hinarbeiten. Das Kompetenzzentrum greift zur Zeit auf Testverfahren aus dem Ausland zurück. Vor Kurzem wurde allerdings eine Konvention mit der Universität Luxemburg unterzeichnet. Auf diese Weise soll, anstatt etwa zur Ermittlung des kognitiven Profils eines Kindes ausländische Tests anzuwenden, nach einer Bedarfsermittlung durch die Uni, an die luxemburgischen Begebenheiten angepasste Tests erstellt werden. Das Kompetenzzentrum ist zudem mit den Universitäten Tübingen und Paris in Kontakt, um so auch den eigenen Mitarbeitern Weiterbildungen anbieten zu können.

Nach dem „Fondamental“ der „Secondaire“

Bei der Vorbereitung auf dieses Schuljahr hatte das Kompetenzzentrum vor allem den „Fondamental“ im Blick. Bis zum nächsten Schuljahr will sich das Zentrum auch für den Sekundarunterricht optimal
aufstellen, wobei die Förderung diagnostizierter Schüler aus dem „Secondaire“ jetzt schon vom CDA übernommen wird. Anders als im Grundschulwesen, wo die Förderangebote einheitlich strukturiert sind, seien Lernstörungen im „Secondaire“ bislang nicht von allen Schulen einheitlich behandelt worden, bemerkt der Missionsbeauftragte.

Fest steht, dass das Kompetenzzentrum, das mit Psychologen, Psychomotorikern, Orthophonisten oder auch Heilpädagogen, um nur einige zu nennen, breit aufgestellt ist, auch in Zukunft weiter wachsen muss. Auf jeden Fall sieht Alex Kockhans die Angebote auf diesem Gebiet künftig besser aufgestellt. „Wir erschließen ein Feld, auf dem es bislang nie richtig etwas gab, um den Kindern über den Weg der öffentlichen Schule zu helfen“, sagt er. Diesen Weg will das „Centre pour le développement des apprentissages Grande-Duchesse Maria Teresa“ auf jeden Fall zusammen mit allen Akteuren gehen