LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Film-Fund-Direktor Guy Daleiden über die aktuelle Situation im Filmsektor

Als sich die nationale Filmszene am Samstagabend bei der Verleihung des „Lëtzebuerger Filmpräis“ ausgiebig feierte und auf zwei produktive Jahre zurückblickte, blieb der sorgenvolle Blick in die Zukunft nicht aus. Ein Thema bereitet den Produzenten nämlich seit längerem Kopfzerbrechen: das Geld. Rund 33 Millionen Euro Budget stehen dem Film Fund pro Jahr zwecks Filmförderung zur Verfügung. Reicht das nicht mehr? Wir haben uns im Vorfeld der Zeremonie mit dem Direktor des Luxemburger „Film Fund“, Guy Daleiden, unterhalten.      

Foto: Alain Rischard/Editpress - Lëtzebuerger Journal
Foto: Alain Rischard/Editpress

Gleich vorweg: Wie geht es dem Luxemburger Filmsektor?

GUY DALEIDEN Die Zeremonie heute Abend ist ein guter Moment, um eine Bestandsaufnahme zu machen. Schaut man sich die Nominierungen für den diesjährigen „Filmpräis“ an, so kann man definitiv von einem regelrechten Aufschwung reden. Wir mussten sogar eine Vorauswahl treffen. Gegenüber den vergangenen Auflagen hat sich die Branche klar weiterentwickelt. Das sieht man einerseits an den neuen Kategorien, die wir geschaffen haben, und andererseits an der Anzahl der Filme, die von luxemburgischen Regisseuren realisiert wurden. Sieben sind diesmal im Rennen. Das Luxemburger Kino mit Luxemburger Regisseuren hat tatsächlich einen großen Sprung gemacht. 

Welche neuen Kategorien sind denn hinzugekommen?

DALEIDEN Besonders wichtig ist die neue Kategorie Animation. Die Techniker aus diesem Bereich haben es verdient, gesondert ausgezeichnet zu werden. Das beweist nicht zuletzt auch, dass die Animation ein wesentliches Element unserer Produktion geworden ist. Zum ersten Mal geht in diesem Jahr auch ein Preis an den besten Schauspieler oder die beste Schauspielerin. Diese Kategorie gab es bislang nicht, sie war uns aber wichtig, weil wir inzwischen viel mehr Schauspieler haben, die in luxemburgischen oder internationalen Filmen eine immer wichtigere Rolle spielen. Ohnehin hatten wir uns gleich am Anfang vorgenommen, die Kategorien entsprechend der Entwicklungen anzupassen. Eine weitere Neuheit bezieht sich auf die neuen Medien, wo es ebenfalls eine deutliche Entwicklung gibt. Mittlerweile haben wir nicht mehr nur klassische Produktionen – Kinofilm, TV-Film, Dokumentarfilm, Kurzfilm –, sondern eine Vielzahl an Serien, Transmedia-Projekte und noch dazu Produktionen in der virtuellen oder erweiterten Realität. Auch diese neuen zukunftsträchtigen Entwicklungen unterstützen wir, sie treiben den Sektor letztlich weiter. Um noch einmal auf die erste Frage zurückzukommen: Ja, dem Sektor geht es in der Evolution gut, weil er sich diversifiziert und dabei ist, zu wachsen. 

Der Sektor ist gewachsen, das Budget aber nicht. Dass die Situation deshalb immer problematischer wird – oder wie Nicolas Steil sagt, fast schon dramatisch -, ist bekannt. Was sagen Sie dazu?

DALEIDEN Wenn der Kuchen der gleiche bleibt, jedoch immer mehr Münder davon essen wollen, ist das natürlich ein Problem, worauf es zu reagieren gilt. Wir von der Verwaltung des Film Fund haben inzwischen mit den Produzenten eine Übereinkunft gefunden und werden unser Regelwerk etwas umändern. Eine Neuerung wird es bezüglich der Bewertung geben, die mit sich bringt, dass wir künftig weniger Geld pro Projekt geben, dadurch aber mehr Projekte unterstützen können. Das ist eine Idee. Eine weitere wäre, dass die Produzenten eben mehr Geld fragen müssen.

Weniger Geld pro Projekt klingt nicht gerade nach einer Lösung.

DALEIDEN Nein, es ist auch keine gute Lösung, immerhin muss man bedenken, dass die Gelder, die wir vergeben, immer in Beziehung mit dem stehen, was wir zurückbekommen. Unterstützen wir also eine Produktion mit einer Million, statt mit anderthalb Millionen,  arbeiten auch weniger Leute daran und werden weniger Ausgaben in Luxemburg getätigt. Es fließt also weniger Geld in die Kasse des Landes zurück. Auf der anderen Seite können wir aber, wie gesagt, mehr Projekte unterstützen, die Mittel demnach besser unter den Gesellschaften aufteilen. Natürlich ist das definitiv keine „solution miracle“, das Problem der fehlenden Finanzmittel für den aktuellen Sektor ist damit nicht gelöst.

Es könnte also in den Produktionsfirmen tatsächlich zu Entlassungen kommen?

DALEIDEN Wir können als „Film Fund“ nicht mehr Geld ausgeben, als wir haben. Unsere Mission ist es, den Sektor zu entwickeln, indem wir die Fördermittel, die wir zur Verfügung haben, sinnvoll einsetzen und in Projekte investieren.

Der Ball liegt also bei der Politik?

DALEIDEN So ist es. Die politisch Verantwortlichen müssen entscheiden, ob sie uns mehr Budget für die Filmförderung zur Verfügung stellen oder eben nicht. 

Wie Sie erwähnt haben, werden inzwischen TV-Serien genau wie VR-Projekte gefördert. Gibt es „das“ klassische Kino überhaupt noch, und wenn ja, hat es eine Zukunft?

DALEIDEN Es wurde schon vor Jahren totgeredet. Meiner Meinung nach hat das klassische Kino aber immer eine Zukunft. Man muss sich anpassen: Das klassische Kino alleine reicht nicht mehr. Die Leute konsumieren nicht mehr ausschließlich über die große Leinwand im Kinosaal. Das Wort „konsumieren“ habe ich deshalb benutzt, weil gerade die jungen Generationen heute in der Tat viel schneller, viel mehr und auf eine andere Art und Weise Bilder konsumieren. Es gibt Webserien oder Filme, die speziell fürs Smartphone oder Tablet konzipiert sind. Heute werden enorm viele TV-Serien geschaut. Dieses Angebot hat extrem zugenommen. Zwischen den TV-Schauspielern oder -Regisseuren und jenen im Kinobereich wurden früher deutliche Unterschiede gemacht. Heute ist das nicht mehr der Fall. Renommierte Regisseure, die durch Kinofilme bekannt wurden, drehen inzwischen auch TV-Filme oder Webserien. Im Kommen und zukunftsträchtig ist zweifelsohne auch VR, wenngleich dies in Luxemburg noch nicht so gesehen werden will. In Frankreich gibt es inzwischen Kinos, die dementsprechend ausgerüstet sind, in China sogar Tausende. Diese Entwicklung bedeutet aber nicht das Ende des klassischen Kinos. Die Zukunft ist für mich nicht das eine oder das andere, sondern die Diversifizierung. In Luxemburg dürfen wir dem Fortschritt nicht hinterherlaufen.

Ist unsere Filmindustrie denn bereit, diesen Weg mitzugehen?

DALEIDEN Es ist schwer, die Leute zu motivieren. Als Direktor des Filmfonds sehe ich es aber als meine Pflicht und Schuldigkeit, wegweisend zu sein, um Ideen zu entwickeln. Dass wir als Film Fund entschieden haben, auch solche Projekte und Formate zu bezuschussen, gefällt längst nicht jedem. Viele sind der Ansicht, dass in Zeiten fehlender Geldmittel doch bitte an erster Stelle die klassischen Produktionen angemessen unterstützt werden sollten. Der Filmsektor muss sich aber nun einmal auch auf die Zukunft hin vorbereiten, sonst kann er sich nicht weiterentwickeln. Die neue Generation an Filmemachern, die sich derzeit im Studium befindet, weiß am besten, was sich technologisch gerade tut und wird diese neuen Möglichkeiten wohl auch zunehmend nutzen. 

Abschließend noch eine Frage zum großen Event heute Abend: Warum ist die Verleihung nationaler Filmpreise überhaupt so wichtig?

DALEIDEN Der Grund, warum wir den „Lëtzebuerger Filmpräis“ vor 16 Jahren geschaffen haben, war der, dass es unseren Produktionen und Filmschaffenden in ihrem eigenen Land an Anerkennung fehlte. Inzwischen gehört der Filmpreis zum festen Bestandteil. Im Zweijahresrhythmus feiert sich der Sektor selbst und blickt mit Stolz auf die geleistete Arbeit zurück. Wie ich bereits anfangs gesagt hatte, bietet die Veranstaltung auf der anderen Seite die Gelegenheit, eine Bestandsaufnahme der aktuellen Produktion und Situation zu machen. Diesmal wird besonders deutlich, wie viel in den letzten zwei Jahren gedreht wurde, dass unsere Filme und Koproduktionen im Ausland gut angekommen sind und wie positiv sich der Sektor entwickelt hat.