IDAR-OBERSTEIN/LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Detlev Hosser drehte als Kameramann die Fernsehbilder der Ramsteinkatastrophe

Mittlerweile in der dritten Generation arbeitet die Familie Hosser aus Idar-Oberstein als freies Kamerateam für den heutigen SWR (Südwestrundfunk), früher SWF (Südwestfunk), in Mainz. Sie drehen Reportagen, Features und Nachrichtenfilme. Auch am 28. August 1988 in Ramstein - einem Schicksalstag für viele.

 

Wie lautete der Auftrag des damaligen SWF für den 28. August 1988 in Ramstein und wie groß war ihr Team?

Detlev Hosser Auftrag war eine Reportage für die SWF Sendung „Blick ins Land“ über den Flugtag in Ramstein mit einer Filmlänge von ca. 3.30 Minuten. Das Team bestand aus drei Personen (Kameramann Detlev Hosser, Tonassistentin Sylvia Hosser und dem Redakteur P.J. Klein).

 

Wie hatte sich der Tag bis zur Katastrophe entwickelt?

Hosser Der Tag begann damit, dass wir gegen 8.00 mit dem Kamerawagen Richtung Ramstein aufgebrochen sind. Dort angekommen trafen wir uns mit dem Redakteur und fingen die ersten Gegendemos gegen den Flugtag ein.

Morgens war schon eine große Menschenmasse auf den Beinen und bei ca. 300.000 Leuten war großes Tohuwabohu. Wir haben die Menschen bei der Besichtigung der Airbase im Bild festgehalten und die ausgelassene Feststimmung dokumentiert. Kinder die in Flugzeugen saßen und das amerikanische Leben mit Cola, Hamburgern und Eiscreme genossen haben.

Kurz nach Mittag starteten die ersten Flugvorführungen, die dann auch von uns aufgenommen wurden. Es war ein sehr heißer Sommertag und den Kerosingestank in der Luft (Flugzeuge flogen immer wieder direkt über die Menschenmenge) empfanden wir schon irgendwie beklemmend. Es war ca. unser 20. Flugtag in Ramstein.

Um die Berichterstattung am frühen Abend zu gewährleisten ist der Redakteur P.J. Klein nach den ersten paar Kunstflügen mit dem Material nach Mainz ins Studio aufgebrochen. Es war für das restliche Material ein Motorradfahrer bestellt, der schnellstmöglich nach Ende der Vorführungen ebenfalls nach Mainz starten sollte.

 

Wie haben sie den Moment des Unglücks empfunden? Was passierte danach?

Hosser Bei der letzten Flugvorführung auf die alle Menschen mit Spannung gewartet haben (Frecce Tricolori) sollte als Höhepunkt des Tages ein durchstochenes Herz von den Jetpiloten am Himmel symbolisiert werden.

Um das Ereignis spektakulär im Bild festzuhalten entschloss ich mich die von links kommenden Maschinen möglichst formatfüllend einzufangen. Plötzlich erschien in meinem Schwarzweißsucher, durch den ich mit dem rechten Auge blickte, etwas, was da nicht hingehörte. Ich habe das linke Auge aufgerissen und sah einen riesigen Feuerball auf uns zukommen. Instinktiv verfolgte ich die Situation noch weiter mit der Kamera.

In den Bruchteilen von Sekunden schossen mir alle möglichen Gedanken durch den Kopf, ich war mir sicher, dass es das jetzt für uns gewesen ist. Ich schnappte meine Schwester Sylvia, die neben mir stand, warf mich auf sie und wartete auf unser Ende. Der Kopf ratterte weiter, von wem hast du dich nicht verabschiedet, was wolltest du noch alles machen und und und. Eine wahnsinnige Hitzewelle rauschte über uns hinweg und der Körper war gefühlt wie gekocht.

Nach ein paar Sekunden machte ich die Augen auf, sah den riesigen schwarzen Rauchpilz über uns und um uns herum liefen viele verletzte und verbrannte Menschen umher. Ich dachte, du bist nicht verbrannt, du bist nicht tot, du lebst noch.

Als ich wieder aufgestanden bin holte ich meine schreiende Schwester und sagte, dass wir weiter arbeiten müssen. Wahrscheinlich war es ein Schockzustand der mich die Kamera wieder in die Hand nehmen ließ und wir weiter unserer Arbeit nachgegangen sind.

Helfen konnten wir in diesem Zustand wahrscheinlich sowieso niemandem. Was mir aber in meinem Hinterkopf bei meiner Filmarbeit immer wichtig war ist, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Aus diesem Grund zeigte ich ohne groß zu überlegen auch nur das, was unbedingt dokumentiert werden musste. Wir machten unsere Arbeit so lange, bis man uns mit vorgehaltenen Schnellfeuergewehren aus dem Bereich in dem wir uns befanden entfernt hat.

Die Rettungsmaßnahmen gestalteten sich aufgrund des Ausmaßes sehr chaotisch.

 

1988 war die Zeit vor eMail und online Datenübertragung. Wie muss man sich den technischen Ablauf der Nachbearbeitung und Übermittlung an die (z.B.) Tagesschau vorstellen?

Hosser Als wir unsere Arbeit beendeten sind wir schnellstmöglich zu unserem Kamerawagen und haben dort den bestellten Motorradfahrer angetroffen und diesem unser Material überreicht und ihn schnellstmöglich nach Mainz ins Funkhaus geschickt.

Eine Kommunikation unsererseits mit dem Sender oder der Familie zu Hause war nicht möglich da es zu dieser Zeit keine Handys gab und auch vor Ort bei der ganzen Hektik keine Möglichkeit zu telefonieren bestand. Der Flugplatz war hermetisch abgeriegelt und es konnten nur noch Krankenwagen, Polizei und Rettungskräfte in den Flugplatz einfahren, zivile Personen aber nicht mehr hinaus.

Die ersten Filmbilder liefen ca. gegen 18.00 in der Tagesschau und daraufhin hat sich unser Vater Gerhard Hosser in Mainz beim Sender erkundigt von wem die Bilder stammen und nachdem der SWF bestätigte, dass die Bilder von unserem Team gedreht wurden, wussten die Familienangehörigen, dass wir noch am Leben waren.

Es dauerte Stunden um von dem Unglücksort Richtung Heimat aufbrechen zu können. Die vielfache Berichterstattung unsererseits in Ramstein ermöglichte uns aber ein besseres Wegkommen vom Ort des Geschehens, da wir Schleichwege kannten und die Polizei etc. die Pressearbeit unterstützt hat. Erst als wir im Auto saßen, haben wir im Grunde verstanden, was da gerade überhaupt passiert war.

 

Sie haben an diesem Tag ikonografische Bilder gedreht. Bilder die ähnlich wie die Wochenschauaufnahmen vom Absturz der „Hindenburg“ ins kollektive Gedächtnis eingegangen sind. Fluch oder Segen für einen Kameramann?

Hosser Es ist weder Fluch noch Segen für mich als Kameramann. Segen alleine deswegen nicht, weil traurigerweise viele Menschen ihr Leben verloren haben an diesem Tag und bis heute noch unter seelischen und körperlichen Verletzungen leiden.

Fluch ist es für mich persönlich auch nicht, weil der Unglückstag mein Leben nicht nachhaltig dramatisch wie bei vielen Anderen verändert wurde und ich durch meine abwechslungsreiche Arbeit das Geschehene relativ gut verarbeiten konnte. Letztlich haben wir an diesem Tag „nur“ unsere Arbeit gemacht und durch die Umstände wurden unseren Bilder eben weltberühmt.