ANNETTE DUSCHINGER

Als das Parlament über die Anpassung des Mindestlohns an die Lohnentwicklung debattierte, fiel wieder des Öfteren der Begriff soziale Kohäsion. Seit einigen Jahren ist er zum Schlagwort geworden und wie so oft in solchen Fällen benutzt man ihn, ohne sich allzu tiefe Gedanken über die Bedeutung zu machen. Politisch gesehen wurde „Kohäsion“ maßgeblich von der EU geprägt, die mit Programmen zur Umverteilung zwischen reicheren und ärmeren Regionen in der EU die Folgewirkungen der ungleichen wirtschaftlichen Entwicklung ausgleichen möchte. In der Psychologie beschreibt man damit das Phänomen des inneren Zusammenhalts einer Gruppe, in der Soziologie beschreibt die soziale Kohäsion allseitig anerkannte Normen, das Gefühl der Sicherheit und das Gefühl der Stabilität in der jeweiligen Gemeinde.

Reden wir von der sozialen Kohäsion im Sinne des inneren Zusammenhalts der Gesellschaft eines Landes, so ist die rein materielle Umverteilung zwischen Arm und Reich nur eine Komponente. Das Vertrauen in die Rechtsstaatlichkeit, in Gerechtigkeit und Chancengleichheit, der Bestand gemeinsamer Werte, die das Leben strukturieren und bis zu einem gewissen Grad berechenbar und sicher machen, gehören auch dazu. Was hält eine Gesellschaft also zusammen, was gefährdet sie gerade in Krisenzeiten am meisten, wenn der Staat nicht mehr unbegrenzte Mittel hat, um falsche Entwicklungen zuzudecken? Wenn man ganz im Gegenteil Geld eintreiben muss und wenn es darauf ankommt, Einschnitte erklären und begründen zu müssen?

Seit der Aufklärung bestimmt in modernen Gesellschaften das Prinzip der sogenannten Meritokratie: allein die Leistung eines Menschen soll über seine Stellung in der Gesellschaft entscheiden. Mit Kant ausgedrückt soll die gesellschaftlich über- oder untergeordnete Position der Einzelnen ausschließlich davon abhängen, inwiefern sie ihre Faulheit und Feigheit überwunden und ihre Vernunftfähigkeit verwirklicht haben. Menschen werden zu Schmieden ihres eigenen Schicksals erklärt, die sich durch Fleiß und Lernen „hocharbeiten“ können.

Funktioniert das, was die DP als „sozialen Lift“ bezeichnet? Fördern und fordern wir gerecht oder überfordern wir - die Einen wie die Anderen?

Von den ganzen Vetrauensverlusten in Institutionen und Politiker einmal ganz abgesehen, die die Situation derzeit wahrlich nicht einfacher machen, kommen im nächsten Jahr weitere Kürzungen und Sparmaßnahmen auf uns zu. Man hat allerdings das Gefühl, dass sich die Regierungsparteien der verstärkten Tendenz zur Aufteilung der Gesellschaft in „Dazugehörige“ und „Nicht-Dazugehörige“, in ökonomisch „Nützliche“ und „nicht Nützliche“ verhängnisvoll unbewusst sind, denn das meritokratische Prinzip birgt durchaus auch Gefahren. Die Notwendigkeit von Initiativen, wie „Making Luxembourg“, die zu Solidarität statt Rassismus aufruft, müsste eigentlich zu denken geben. Gesellschaftlichen Zusammenhalt trotz zunehmender Abstiegsängste zu bewahren, ist keine leichte Aufgabe. Es steht viel mehr auf dem Spiel, als die nächsten Wahlen zu gewinnen..