NEW YORK
MARIA CHENG(AP)/LJ

Neuer Streit um Sterbehilfe in Belgien nach „Tötung ohne Verlangen“

Die Hürden für Sterbehilfe sind auch im liberalen Belgien relativ hoch. Ob die rechtlichen Vorgaben eingehalten werden, prüft in jedem Einzelfall eine Experten-Kommission. Vermehrt gibt es jedoch Zweifel an der Transparenz des Systems. Das zeigt ein Brief eines Arztes, der dem Gremium aus Protest den Rücken gekehrt hat. Demnach wurde in einem Fall von Demenz der Tod herbeigeführt, ohne dass die betroffene Person dies je gefordert hätte.

Kritiker sprechen von Mord

Die Vorwürfe in dem Schreiben, das die Nachrichtenagentur AP einsehen konnte, haben potenziell eine erhebliche Tragweite. Kritiker der liberalen Regelung zur Sterbehilfe sprechen gar von Mord. In dem konkreten Fall - die Identität des Patienten oder der Patientin wird vertraulich gehalten - sollen lediglich die Angehörigen um eine vorzeitige Beendigung des Lebens gebeten haben. Die bettlägerige Person selbst sei dazu geistig nicht mehr in der Lage gewesen, hieß es.

Schon seit 2002 ist Sterbehilfe in Belgien gesetzlich erlaubt. Und generell stoßen die aktuellen Regelungen bei einer deutlichen Mehrheit der Bevölkerung auf Zustimmung. Gerade in den vergangenen Monaten wurden aber zunehmend auch Bedenken geäußert - vor allem im Hinblick darauf, wie schnell und möglicherweise leichtfertig manche Ärzte auch bei psychisch kranken Patienten einen geäußerten Sterbewunsch akzeptieren würden.

Im vergangenen Jahr hatte die AP Details eines Streits zwischen den belgischen Ärzten Willem Distelmans und Lieve Thienpont veröffentlicht. Distelmans, einer der Vorsitzenden der nationalen Sterbehilfe-Kommission, hatte den Verdacht geäußert, dass mehrere geistig kranke Patienten des Kollegen unter Umgehung der Vorschriften getötet worden seien. In Reaktion auf die AP-Berichte unterschrieben mehr als 360 Ärzte, Wissenschaftler und andere Experten eine Petition, in der eine entsprechende Verschärfung der Kontrollen im Falle von Psychiatrie-Patienten gefordert wurde.

Grundsätzlich ist Sterbehilfe in Belgien sowohl bei physischen als auch bei psychischen Leiden möglich. Allerdings müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein. Gesetzeskonform ist die Tötung durch einen Arzt nur dann, wenn die Schmerzen der Betroffenen „nicht auszuhalten und nicht zu behandeln“ sind und wenn Patienten einen Mediziner mit „freiwilligen, wohlüberlegten und wiederholten“ Bitten dazu auffordern.

Die Sterbehilfe-Kommission würde sich über die Vorgaben regelmäßig hinwegsetzen, schrieb der Neurologe Ludo Vanopdenbosch nach seinem Rücktritt an die Politiker im belgischen Parlament, die für die Ernennung der Mitglieder des Gremiums zuständig sind. Als ein besonders eklatantes Beispiel nannte er den Fall der an Demenz erkrankten Person, die auf Wunsch der Familie getötet worden sei. Nach langer Diskussion bei einem Treffen im September habe die Kommission sich trotzdem dagegen entschieden, den Fall zur strafrechtlichen Prüfung an die Staatsanwaltschaft zu übergeben.

Vanopdenbosch bestätigte auf Anfrage der AP die Echtheit des Briefes, wollte sich aber nicht weiter dazu äußern. Die Leiter der Kommission, Distelmans und der Anwalt Gilles Genicot, erklärten, der zuständige Arzt habe den Fall fälschlicherweise als Sterbehilfe eingeordnet. Tatsächlich sei es um eine „palliative Sedierung“ gegangen. Bei diesem Vorgang erhalten Patienten starke Medikamente, um ihre Schmerzen nicht mehr ertragen zu müssen. Der Tod ist aber nicht das Ziel der Behandlung.

Nach Darstellung Vanopdenboschs, der selbst Spezialist für Palliativmedizin ist, hatte der Arzt dennoch die Absicht, die von ihm behandelte Person zu töten. Die „Mittel zur Schmerzlinderung“ seien „unverhältnismäßig“ gewesen, schrieb er. Da die Kommission gesetzlich verpflichtet ist, die Krankenakten unter Verschluss zu halten, kennt niemand außerhalb des Gremiums weitere Details. Kritiker zeigten sich aber allein schon angesichts der wenigen Angaben in dem Brief empört.

„Wenn ein Patient nicht darum bittet, ist es keine Sterbehilfe“, sagt An Haekens, Leiterin der Psychiatrie einer Klinik in der belgischen Stadt Tienen. „Zur Beschreibung dieses Vorgangs kenne ich keinen anderen Begriff als Mord.“ Seit der Legalisierung der Sterbehilfe vor 15 Jahren wurde die Möglichkeit in Belgien schon in mehr als 10.000 Fällen genutzt. Aber nur ein einziger Fall landete bei der Staatsanwaltschaft.