LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Jill Ries hat bei einem Kunst-Workshop in Hongkong beeindruckende Architektur erlebt

Jill Ries (22) aus Diekirch ist eine fleißige Architekturstudentin an der „Université Libre de Bruxelles“. Im Rahmen des Bachelorprogramms konnte sie mit 21 anderen Brüsseler Studenten an einem Workshop in Hongkong teilnehmen. Welche Eindrücke sie über die Architektur und das Leben in China erhalten hat, erzählt sie im Interview.

An welchem Austauschprogramm hast Du teilgenommen?

JILL RIES Jedes Jahr organisiert meine Universität eine Workshopwoche, bei der sich nicht nur auf Architektur konzentriert wird, sondern auch künstlerische oder anthropologische Themen behandelt werden. Ich habe an einem Workshop teilgenommen, bei dem eine Zusammenarbeit mit der „Baptist University of Visual Arts Hongkong“ anstand. Das künstlerische Thema war „Rendez-vous Manqués“, welches wir auf die Stadt Hongkong beziehen und illustrativ darstellen mussten.

Wie habt ihr das Thema illustriert?

JILL Das Konzept lässt viel Freiraum. Das muss nicht nur eine verpasste Verabredung sein, sondern kann auch ein ganz alltäglicher Moment sein, den man nicht bewusst wahrnimmt. Unser „Rendez-vous Manqué“ haben wir mit einer chinesischen Figur dargestellt, die durch das alltägliche Leben geht, ohne ihren Tätigkeiten wirklich mit Bewusstsein zu begegnen. Dazu gehört das morgendliche Aufstehen oder das traditionelle chinesische Gebet am Mittag. Das sind Abläufe, die für die einen ganz normal geworden sind, anderen Kulturen aber abwegig erscheinen. Wir haben dies vorwiegend anhand von Treppen illustriert, welche unter anderem symbolisch für die vielen verschiedenen Ebenen für Hongkong stehen. Es gibt eine ausgeprägte Underground-Kultur, aber auch das normale Leben im „Erdgeschoss“ ist sehr lebendig und interessant. Dann gibt es noch die teuren und schönen Häuser der Oberschicht, die sehr beeindruckend aussehen. Wir haben dies in einer klassischen schwarz-weiß 2D-Illustration dargestellt.

Gibt es große Unterschiede zwischen den Unis in Europa und denen in China?

JILL Zunächst waren wir die Architekturuni in Hongkong besuchen. Die war superschön, ein total beeindruckender und moderner Betonbau. Die Baptist Kunstuniversität, an der wir unsere Woche verbracht haben, war aber ganz anders! Es gab gar keine geschlossenen Räume, alles war so offen wie möglich gehalten. Durch das ganze Gebäude haben sich große Gänge gezogen, die einem Zugang zu den Sälen verschafften. Die meisten Studenten haben ohnehin meist im Freien gearbeitet.

Wie ist das alltägliche Leben in Hongkong?

JILL Es ist wirklich sehr stressig! Der Kontrast zur europäischen Gemütlichkeit ist wirklich groß. Alles muss bei ihnen schnell gehen, keiner setzt sich mal hin und ruht sich aus. Das schlaucht einen total, wir waren abends todmüde. Die Chinesen in Hongkong selbst waren nicht unbedingt sehr freundlich, aber dennoch hilfsbereit. Die Leute, die wir im kleinen chinesischen Dorf getroffen haben, waren umso gastfreundlicher und aufmerksamer. Wir mussten uns überall mit Händen und Füßen verständigen, die meisten Chinesen sprechen kein Wort Englisch! Wenn wir zum Klo mussten, haben wir ein Foto davon rumgezeigt. Im Restaurant waren die Karten auch alle auf Chinesisch, sodass wir keine Ahnung hatten, was wir bestellen sollten. Wir haben den Bedienungen dann zu verstehen gegeben, dass sie für uns wählen sollten. Dann galt es freundlich zu lachen und zu nicken. Mir wurden dann leider einmal Schweinefüße aufgetischt. Da ich nicht unhöflich sein wollte, habe ich das mal probiert. Es war auch nicht so schlecht, aber noch einmal muss ich das nicht haben. In Chinas Großstädten ist das Leben aber doch recht westlich orientiert. Wir Europäer wurden abends regelrecht gefeiert, wenn wir in die Clubs gingen. Wir kamen gratis rein und uns wurden dauernd Drinks spendiert.

Was hat Dir am besten gefallen?

JILL Wir haben eine Woche in einem kleinen Dörfchen verbracht, von dem wir bis heute noch nicht wissen, wie es eigentlich heißt. Wir waren aber die ersten Europäer, die in dem Hostel dort übernachteten. Die Leute haben uns regelrecht bestaunt und wollten uns dauernd fotografieren. Mir hat gefallen, dass wir in dem Dorf mit chinesischen Kunstklassen zusammengekommen sind, um die pittoreske Landschaft zu zeichnen. Viele chinesische Kunstuniversitäten besuchen das Dörfchen deswegen, eben weil es so schön ist. Es gab lauter kleine Gassen mit schönen chinesischen, gewölbten, kleinen Dächern. Die Leute waren supernett und begrüßten uns abends immer sehr herzlich, wenn wir in die Karaokebars oder zum Billardspielen gingen.

War der Austausch von Vorteil für Dein Studium?

JILL Es war eine große Bereicherung, nicht nur für mein Studium! Zunächst aber ja, die Bauten, die ich gesehen habe, waren einfach umwerfend. Das würde es bei uns nie so geben. Ich hätte mir niemals vorstellen können, wie sehr man die Grenzen der Architektur austesten kann! Was mich aber auch gleichzeitig fasziniert und schockiert hat, war der krasse Kontrast zwischen Arm und Reich. Da gab es dann eine Ansammlung von regelrechten Baracken, im Hintergrund prangte dann aber das riesengroße, hypermoderne Hochhaus. Zwei Welten prallen aufeinander.