LUXEMBURG
PIERRE WELTER

Vergewaltigungsprozess: Verteidigung fordert Bewährungsstrafe

Er war ein Problemkind und gilt als jemand, dem es schwerfiel, Regeln und Gesetze einzuhalten. Laut Gerichtspsychiater log er sich bisher immer durch sein Leben. Das ist Dylan M., ein Mann von 21 Jahren. Zur Last gelegt wird ihm eine Vergewaltigung - an seiner Halbschwester. 14 Jahre war sie damals alt, als sie im März 2016 vergewaltigt worden sei. Jetzt muss Dylan M. sich vor der Kriminalkammer Luxemburg verantworten.

Kein Geschlechtsverkehr?

Am ersten Prozesstag weigerte sich der Angeklagte, vor Gericht die Tat einzuräumen und beteuerte stets seine Unschuld. Doch alles sprach im weiteren Prozessverlauf gegen den jungen Mann. Im Prozess wurde eher verständlich, warum der Betroffene einiges ausblendete und Kritik an sich abprallen ließ. An Details kann der mutmaßliche Vergewaltiger sich einfach nicht mehr erinnern. Heute sieht alles anders aus, denn beide Aussagen, die des Opfers und die des mutmaßlichen Täters, sind nicht eindeutig. In beiden Aussagen gibt es durchaus Widersprüche.

Die 15-Jährige war am zweiten Prozesstag als Zeugin unter Ausschluss der Öffentlichkeit vernommen worden. Entgegen den vorangegangenen Aussagen sagte das mutmaßliche Opfer aus, dass es kein Eindringen beim Geschlechtsverkehr gegeben habe.

Der Bruder soll einen Tag vor Prozessbeginn aus der Untersuchungshaft mit seiner Schwester telefoniert haben. In diesem Kontext soll sie gesagt haben, dass sie ihrem Bruder helfen wolle. Am gestrigen Dienstag wurde bekannt, dass der Angeklagte auch mit einer deutschen Handynummer aus dem Knast seine Schwester angerufen hat.

Der Angeklagte gab unsittliche Berührungen zu und räumte ein, dass er neben seiner Halbschwester masturbiert habe. Gestern ändert dann das Opfer wieder seine Aussage. Der Verteidiger des Opfers besteht jetzt wieder auf der Vergewaltigung.

Richter und Anklagevertreterin waren erstaunt von dem dann präsentierten Sinneswandel und reagierten zuerst skeptisch. Klarheit herrscht also weiterhin kaum. Im Gegenteil, es drängen sich weitere Fragen auf: Ist die jetzige Geschichte aus dem Hut gezaubert? Hat der Angeklagte sein Opfer unter Druck gesetzt? Oder macht das Mädchen diese Aussagen jetzt, weil sie der Halbbruder wirklich vergewaltigt hat? Für die Richter bedeutet das eine Neubewertung des Verfahrens. Trotzdem ist noch nicht klar, ob das Gericht den Aussagen Glauben schenken wird.

Verteidiger Pim Knaff nutzte genau diese Widersprüche für seinen Mandanten. Knaff räumte ein, dass an der Vergewaltigung, so wie sie von der Staatsanwaltschaft dargestellt würde, nichts dran sei. Man habe weder Sperma noch DNS in der Vagina des Opfers gefunden. Die Drohung, die sein Mandant ausgesprochen hatte (Anmerkung: er würde, wenn das Opfer reden würde, auch die Mutter und ihre Freundin vergewaltigen), dürfte nicht stimmen. Knaff spricht von einer konfusen Aussage. „Mit einer harten Strafe ist uns nicht gedient“, sagte Knaff. „Ich beantrage eine Freiheitsstrafe mit Bewährung und einer Therapieauflage“.

Die Richter der Kriminalkammer hörten dem leidenschaftlichen Plädoyer der Staatsanwältin zu. Die ist „ohne jede Einschränkung davon überzeugt“, dass der 21-Jährige die ihm von der Staatsanwaltschaft vorgeworfene Sexualstraftat begangen hat. Die Grenze zwischen Bruder und Schwester sei überschritten worden. Das hätte der Angeklagte gewusst. Die Rolle eines Bruders sei, die Schwester zu schützen.

Bedingte Strafe eingeräumt

Die Anklagevertreterin ist auch überzeugt, dass „das Opfer unter Druck gesetzt wurde“, sagte die Anklagevertreterin Anouk Bauer. Die Staatsanwältin verteidigte die Anklage ihrer Behörde und betonte, dass der Angeklagte jemand sei, der in vielen Dingen die Unwahrheit gesagt habe. Es dürfte aber kein Zweifel an der Schuld des Hauptangeklagten bestehen, sagte Bauer. Der 21-jährige Mann soll laut Staatsanwaltschaft für zwölf Jahre hinter Gitter. Im Vordergrund steht dabei die Möglichkeit einer bedingten Strafe, sagte Bauer.

Das Urteil wird am 16. November gesprochen.