Geringes Wachstum, Minizinsen, Deflationsgefahr. Dazu Krisen von der Ukraine bis Syrien hin zu Ebola. Kann die Europäische Zentralbank verhindern, dass die Eurozone in eine neue Krise stürzt? Wir sprachen dazu mit Guido Barthels, Chief Investment Officer der Fondsgesellschaft Ethenea Independent Investors SA.
Wann läuft die Wirtschaft wieder rund?
Guido Barthels Von welcher Wirtschaft reden wir: Von der in Luxemburg oder von der in Italien oder von der in Europa, oder der in Amerika? Denn da sind große Unterschiede. Wenn Sie Ihre Frage auf die Eurozone beziehen - das Problem ist hier momentan in der Tat die Nachkwirkung der Krise von 2007 bis 2009 -, als man befürchtete, in eine große Depression wie die in den 1930ern zurückfallen, hat das Engagement der Regierungen und vor allem der Zentralbanken das verhindert. Zu welchem Preis? Das können spätere Generationen sagen, denn die Verschuldungsgrade aller Staaten sind seitdem gigantisch gestiegen. Und ob da ein Gegenwert geschaffen wurde - eigentlich das Grundprinzip einer jeden Verschuldung - ist auch wieder ein anderes Thema. Grundsätzlich haben die USA besser den Weg aus der Krise gefunden, weil sie im Gegensatz zur EU eine politische Einheit sind. Die EZB hat einige konjunkturstärkende Programme gestartet, die aber nicht ausreichend für die Peripherieländer waren. Hier schwächelt die Wirtschaft, ja es gibt sogar Anzeichen, dass eine Rückkehr zur Rezession zumindest möglich ist. Die Geldpolitik muss also den schwächsten Mitgliedern der Euroländer angepasst werden. Das würde bedeuten, dass wir über Jahre hinaus eine lockere Geldpolitik betreiben müssten mit Staatsanleiheaufkäufen ähnlich dem US-Stil, nicht zuletzt, um Staatsanleihen für Investoren unattraktiver zu machen, damit stattdessen in Aktien investiert und so die Wirtschaft angekurbelt wird.
Eigentlich hat eine Zentralbank nicht die Aufgabe, die Konjunktur anzukurbeln. Kann sie das überhaupt?
Barthels Die Zentralbank betreibt Geldpolitik, aber klar ist auch, dass diese Geldpolitik heute eng an die Wirtschaftspolitik gekoppelt ist. Die Kreditvergabe der Banken ist derzeit ungenügend, was aber auch damit zu tun hat, dass die europäischen Aufsichtsbehörden den Banken vorschreiben, dass sie die dem Eigenkapitalvermögen anpassen sollen. Eine Geldwertstabilität bei Inflationsraten wie derzeit unter ein Prozent ist vielfach nicht gegeben. Die reale Deflationsgefahr zeigt, dass die derzeitige Politik der EZB offenbar nicht weit genug geht. Da muss noch was geschehen, damit wir nicht in diese Deflations-Spirale
hineingeraten.
Ist die Deflationsgefahr real oder eher theoretisch? Dem stehen ja Niedrigzinsen gegenüber...
Barthels Das ist eine zweischneidige Sache. Einmal möchte niemand große Inflationsraten, weil das ja quasi „Geldvernichtung“ bedeutet. Das Problem dabei ist, dass sich Preissteigerungen nur sehr ungenügend von Zentralbanken steuern lassen, wie ja die japanische Zentralbank schmerzlich hatte erfahren müssen. Es wäre sicher für alle einfacher, wenn wir fünf Prozent Inflation als 0,5 Prozent Deflation hätten. Die geringen Zinsen auf der anderen Seite sind nur auf den ersten Blick gering, wenn man sich die lokalen Zinssituationen einmal anschaut. Zum Beispiel in Spanien, wo man tatsächlich Deflationsraten von unter minus ein Prozent hat, betragen die Kreditzinsen durchaus acht Prozent nominal. Wenn man das hochrechnet, beträgt der Realzins, den der Kreditnehmer zahlt, doch zehn Prozent. Nahezu das Gleiche gilt auch auf Investorenseite. Hier versucht die EZB über eine Abschwächung des Euro, Inflation zu importieren, und gleichzeitig den Produktexport anzukurbeln. Um beim Beispiel Spanien zu bleiben, das sich ja gerade „erholt“: Selbst wenn das Land im jetzigen Tempo weiterwachsen würde, würde es noch sechs bis acht Jahre dauern, bis Spanien wieder die Wirtschaftsaktivität von 2007 erreicht hätte, was auch schon wieder sieben Jahre her ist: 15 Jahre Krise also. Das ist zu lange. Das sieht die EZB. Für bessergestellte Staaten könnte es letztlich bedeuten, dass man in der Solidargemeinschaft Euro in den sauren Apfel beißen und vielleicht eben doch für die Renten der Griechen aufkommen muss. Das muss uns der soziale Friede in Europe einfach wert sein. Kurz und gut, ja, Deflation ist definitiv ein Problem, zumal für sowieso schon leidende Volkswirtschaften.
Die OECD sprach jüngst davon, die Euphorie an den Börsen sei kaum wirtschaftlich gerechtfertigt...
Barthels Ein Problem ist, und das mag der Hintergrund der OECD-Studie sein, dass sich seit der Finanzmarktkrise das Vermögen zumindest in den USA sehr ungleich entwickelt hat. 90 Prozent der Bevölkerung haben nicht am Aufschwung nach der Krise partizipiert. Das ist die bekannte und vielzitierte Schere. Und ich vermute, auch in anderen westlichen Ländern ist dem so. Die, die Geld übrig haben, investieren es vor allem an den Börsen. Andererseits mausern wir uns auch zu Dienstleistungsgesellschaften, wo weniger Kapital in Maschinen und so weiter gebunden wird, das heißt, mehr Geld im freien Markt unterwegs ist. Das führt auch zu gestiegenen Börsenpreisen und auch wieder niedrigen Zinsen, denn je mehr Geld vorhanden ist, umso niedriger ist der Preis des Geldes.
Ihre Fonds investieren auch in Aktien?
Barthels Es lohnt sich grundsätzlich immer, in Aktien zu investieren. Eine Aktie oder eine Rente/Anleihe verringert die Refinanzierungskosten von Unternehmen, wodurch Kapital freigesetzt und auf produktive Weise eingesetzt werden kann. Die Dividendenrenditen vieler Aktien liegen höher als die Anleiherenditen der gleichen Unternehmen. Die Pharmabranche ist dabei eine, an die wir glauben, das hat mit der Altersstruktur der Bevölkerung, dem Wirtschaftszyklus und Ähnlichem zu tun. Wir haben übrigens auch unser Privatvermögen in unseren Fonds, das sorgt dann schon dafür, dass man keine Risiken eingeht, die man selbst nicht einschätzen kann.


