NIC. DICKEN

In Luxemburg haben große Momente, wie etwa die standesamtliche Trauung von Bauer Guy oder das Schadenfeuer in der „Alchimistenküche“ von Lambert Schlechter in den letzten Tagen für reges öffentliches Interesse und eine mehr oder minder engagierte Anteilnahme gesorgt. Sogar die sich langsam entfaltende Nervosität im Zusammenhang mit dem bevorstehenden Referendum wurde zeitweise in die zweite Reihe verwiesen, während man mit gewissem Respekt auch die Trauerfeier für die Opfer des Flugzeugabsturzes in den französischen Alpen im Auge hat. Nachrichten über Geschehnisse aus der restlichen Welt geraten dabei zwangsweise in den Hintergrund.

Dass das genauso grausame wie sinnlose Morden in Syrien, Irak, Afghanistan, in Ost- und Westafrika ungemindert weitergeht und der Hungertod weiterhin Tag für Tag Tausende Unschuldige, in der Regel den höher geordneten wirtschaftlichen Interessen geschuldete Opfer verschlingt, kann uns kaum aus der Ruhe bringen.

Weil wir ausreichend mit uns selbst zu tun haben, fühlen wir uns mehr und mehr berechtigt, Augen und Ohren zu verschließen für all das Elend, das sich einige tausend Kilometer oder, je nach Sichtweise, einige Sekunden Übertragungszeit von uns entfernt, zuträgt. Wirklich damit zu tun haben wir nichts, das „global village“, die „Welt als Dorf“ funktioniert eben nur, wenn es um die Wahrung wirtschaftlicher oder geopolitischer Interessen und Vormachtstellungen geht.

Vielleicht gibt uns das Kentern eines Flüchtlingsbootes mit 700 Passagieren an Bord im Mittelmeer, die sich aus Verzweiflung und Perspektivlosigkeit auf die lebensgefährliche Reise machten, für ein oder zwei Tage zu denken, bevor uns, wie gehabt, die
einheimischen Großereignisse oder die unmittelbar vor unserer Haustür wieder in ihren Bann schlagen.

Wir interessieren uns weiter hauptsächlich für die Beeinträchtigungen und Einschnitte, die wir wegen der internationalen Flüchtlingswelle eventuell zu befürchten haben und diskutieren leidenschaftlich die Berechtigung, mit der sich Afrikaner und Vorderasiaten auf den beschwerlichen Weg Richtung Europa machen, von dem sie sich, unter Einsatz ihres Lebens, eine bessere Zukunft oder vielleicht sogar überhaupt eine Zukunft erwarten.

Was sie zu diesem Entschluss bringt, was sie dazu bringt, ihrem eigenen Land den Rücken zu kehren, wo sie verfolgt, bedroht, getötet werden, lässt uns eher kalt, schließlich haben wir daran keine Schuld und, wie so treffend unterstrichen wird, schließlich können wir auch nicht das Elend der ganzen Welt bei uns aufnehmen.

Dass wir uns damit selbst auf eine Flucht begeben, nämlich die Flucht vor der eigenen Verantwortung gegenüber all dem menschlichen und sozialen Elend, wird unterdrückt. Wird da nicht immer wieder betont, es gäbe nur eine Welt, auf der wir alle leben müssen?

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