LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Was hinter den autonomen Bussen steckt, konnten die Besucher bei Sales-Lentz am Samstag erfahren

Pünktlich zur Mobilitätswoche waren sie einsatzbereit: Die neuen selbstfahrenden Mini-Busse von Sales-Lentz. Seit dem 19. September verkehrt einer im Rahmen eines auf drei Monate festgelegten Pilotprojekts in der Conterner Aktivitätszone „Weiergewan“ auf 1,12 Kilometern, zwischen dem Bahnhof und dem „Campus Contern“. In dem Gewerbegebiet arbeiten heute um die 1.200 Menschen, alles potenzielle Passagiere. Tags darauf wurden zwei weitere für voraussichtlich sechs Monate in der Hauptstadt in Dienst gestellt, genauer gesagt in Pfaffenthal, wo sie auf 880 Metern zwischen dem Aufzug und dem Friedhof des Val des Bons Malades verkehrt. Auf dem Weg liegt der Bahnhof Pfaffenthal, von dem bekanntlich eine Standseilbahn auf das Kirchberger Plateau führt. In wenigen Wochen wird Sales-Lentz einen weiteren autonomen Bus für einen Kunden im Norden des Landes in Betrieb nehmen. Was alles hinter dieser neuartigen Art der Fortbewegung steckt, konnten die Besucher am Samstag am Hauptstandort des 70-jährigen Transportunternehmens, das den „Innovationsgeist in seiner DNA trägt“, wie Geschäftsführer Marc Sales bei einer Pressekonferenz unterstrich, in Käerjeng entdecken. Der Tag der offenen Tür fand im Rahmen der vom Wirtschaftsministerium veranstalteten „Journée de l’économie de demain“ statt, bei der rund 20 zukunftsweisende Unternehmen einen Blick hinter ihre Kulissen gaben. Die autonomen Busse von Sales-Lentz in fünf Punkten. 

Das Produkt: Weder Lenkrad noch Pedale

4,75 m lang, 2,11 m breit, 2,65 m hoch und 2,4 Tonnen schwer ist der Navya D14, der 15 Passagiere aufnehmen kann. Der Elektromotor liefert bis zu 25 kW Leistung und ermöglicht eine Maximalgeschwindigkeit von 45 km/h. Allerdings liegt die Betriebsgeschwindigkeit bei 25 km/h. Die Batterie erlaubt rund neun Stunden Betrieb. Ebensolange dauert das Aufladen an einer 3,6 kW Steckdose. Die Standortbestimmung per herkömmlichem GPS System ist nicht präzise genug für ein selbstfahrendes System. Deshalb muss die Positionsberechnung durch eine Antenne am Boden unterstützt werden. Der Bus berechnet zudem über Sensoren die Geschwindigkeit seiner Räder. Er besitzt Kameras und ein LIDAR-Radarsystem, welches das Umfeld aufzeichnet und Entfernungen zu Hindernissen kalkuliert. Die Kosten für ein Navya-Shuttle liegen um die 260.000 Euro. Es kann auch manuell gesteuert werden, die Steuerung sieht aus wie die an einer Videospielkonsole.

Der Hersteller: Navya

Das französische Unternehmen wurde 2014 von Christophe Sapet gegründet, bekannt vor allem aus der Videospielbranche (er war Mitgründer von Infogrames). Navya ist das Nachfolgeunternehmen von Induct. Diese Firma hatte einen vielversprechenden Prototypen eines selbstfahrenden elektrischen Minibusses namens Navia entwickelt, musste aber 2013 Insolvenz anmelden. Navya ist seit diesem Juli an der Pariser Börse gelistet. „Das gibt uns Schub, uns noch weiter zu entwickeln“, sagt Marketing-Direktor Nicolas De Crémiers. Das Unternehmen mit Produktionsstätten bei Lyon und nahe Detroit (USA) und rund 220 Mitarbeitern hat derzeit 89 selbstfahrende Transportmittel weltweit in Betrieb und ist in 17 Ländern vertreten. Die Nachfrage sei hoch, versichert De Crémiers, auch von Privatfirmen, die etwa Büros oder Produktionsstätten haben, die nicht an ein Busnetzwerk angebunden sind.

www.navya.tech

Die Genehmigung: Auf Neuland unterwegs

Fragen über Fragen gibt es schon bei der Genehmigung von selbstfahrenden Personen- und Gütertransportern. Seit Jahren schon halten zwar intelligente Systeme Einzug in die Autos, um den Fahrer zu unterstützen, aber die Entscheidungsgewalt muss immer bei diesem liegen. Aber was, wenn kein Mensch mehr an Bord ist? Pol Philippe, vom „Service immatriculation, contrôle technique et homologation des véhicules“ des Nachhaltigkeits- und Infrastrukturministeriums bestätigt, dass der reglementarische Rahmen der technischen Entwicklung hinterherhinkt, dass aber die europäischen wie internationalen Stellen sich intensiv mit der Frage der autonom fahrenden Transportmittel beschäftigen. Interessant: Der Navya wurde von der SNCA nicht als gesamtes System homologiert, sondern die einzelnen Komponenten davon wurden es. Die Genehmigung für den Einsatz gilt für eine bestimmte Strecke. Was aber, wenn das System justiert werden muss, wenn etwa eine Baustelle auf der Strecke auftaucht oder sonst eine Hürde? Die Navya-Pilotprojekte in Luxemburg werden als „essai scientifique“ angesehen, was es ermöglicht, Feinjustierungen vorzunehmen. Laut Gesetz muss ein „opérateur accompagnateur“ an Bord sein, um im Falle des Falles eingreifen zu können. Er muss auf jeden Fall einen Busführerschein besitzen und speziell für Navyas geschult sein. Viele Fragen tun sich auch im Zusammenhang mit Versicherungen auf. AXA, der Partner von Sales-Lentz, geht allerdings davon aus, dass das Risiko bei selbstfahrenden Systemen umso niedriger ist desto weniger der Mensch eingreift.

Die Planung: „Safety first“ 

Einen Navya kann man freilich nicht einfach irgendwo hinbringen und losfahren lassen. Wie Georges Hilbert, der technische Direktor von Sales-Lentz erklärt, muss zunächst eine Machbarkeitsstudie für die Strecke erstellt werden. Solche mit vielen Bäumen etwa eignen sich weniger, denn das System erkennt herabhängende Zweige als Hindernisse. Anschließend wird ein exaktes „Mapping“ der Strecke in das System eingespeist. Dann gibt es während ein paar Wochen Leerfahrten auf der Strecke, die sich natürlich verändern kann, durch Baustellen etwa. Diese Daten müssen dann eingefügt werden. Auch bei den laufenden Pilotprojekten, die Passagiere transportieren, hat es bereits Nachjustierungen gegeben. Aber auf keinen Fall während der Fahrt. „Safety first“ lautet die Devise.

EU-Konsortium AVENUE - Schub für autonome Fahrzeuge

Sales-Lentz nimmt am europäischen AVENUE – „Autonomous Vehicles to Evolve to New Urban Experience“-Konsortium teil, das vom europäischen Forschungs- und Innovationsprogramm unterstützt wird. Es wird von der Uni Genf geleitet, läuft über vier Jahre und ist mit 22 Millionen Euro dotiert. 16 Partner – Forschungsinstitute, Transportunternehmen, Softwarefirmen usw. - aus sieben Ländern sind beteiligt. Ziel ist es, die technische, wirtschaftliche und rechtliche Integration von autonomen Fahrzeugen in die urbane und periurbane Landschaft vorzubereiten. Spannend wird in diesem Sinne wohl auch, wie das grenzüberschreitend läuft. Luxemburg, Frankreich und Deutschland kooperieren bekanntlich bereits in dieser Hinsicht.