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Unsere Botschafterin in Ankara über die Beziehungen zwischen Großherzogtum und Türkei

Der in dieser Woche stattfindende Staatsbesuch in der Türkei ist auch eine Gelegenheit, die Beziehungen auf wirtschaftlicher und finanzieller Ebene zu vertiefen. Denn bisher blieben die Wirtschaftsbeziehungen hinter ihren Möglichkeiten zurück, erklärt die luxemburgische Botschafterin in der Türkei, Arlette Conzemius, im „Journal“-Gespräch.

Das liegt zum einen daran, weil das strategische Augenmerk eher auf anderen Wachstumsmärkten etwa in Asien lag und die Türkei folglich nicht als Priorität definiert wurde. Andererseits leben nur etwa 500 Türken in Luxemburg. Der Bevölkerungsanteil ist damit im Vergleich zu anderen europäischen Ländern, die dadurch auch andere Möglichkeiten hatten, Beziehungen aufzubauen, überschaubar.

Conzemius bedauert, dass Luxemburg nicht früher in der Türkei präsent war. Wichtiger Schritt in diesem Sinne war die Eröffnung einer luxemburgischen Botschaft in der Türkei im Jahr 2011, die den Handlungsspielraum der Zusammenarbeit beträchtlich erweitert habe. „Mit dieser Botschaft haben wir unsere Präsenz in der Türkei unterstrichen“, sagt Conzemius. Die Republik Türkei ist bereits seit 1987 im Großherzogtum vertreten. Der Staatsbesuch sei auf jeden Fall eine Gelegenheit, zu beweisen, was Luxemburg der Türkei bieten kann.

Politisch hat sich die Zusammenarbeit in den vergangenen Jahren intensiviert, kann aber historisch weit zurückblicken. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind beide Länder einer Reihe von internationalen Organisationen beigetreten, wie die NATO oder dem Europarat. Darüber hinaus fanden in den vergangenen Jahren viele gegenseitige Besuche statt. Um nur zwei zu nennen: Noch Anfang September besuchte Wirtschaftsminister Etienne Schneider die Internationale Messe in Izmir, im Juni war es sein türkischer Amtskollege, der zum Auftakt der neuen Flugverbindung zwischen beiden Ländern, an Bord der Turkish Airlines anreiste.

Die Vorzüge der Türkei

Die Nähe zu Europa und die Lage zwischen drei Kontinenten sind zwei Aspekte, die das Land etwa für die Logistik- und die Tourismusbranche interessant machen. Darüber hinaus konnte die türkische Wirtschaft in den vergangenen Jahren hohe Wachstumsraten von bis zu sieben Prozent aufweisen, während die Auswirkungen der Krise in Europa weiter zu spüren waren. Im Wettbewerbsindex des „World Economic Forum“ konnte die Türkei in zehn Jahren 16 Ränge auf den nunmehr 43. Platz aufsteigen. Belegt die Türkei aktuell Rang 18 der größten Wirtschaftsnationen der Welt, strebt die Regierung zum 100. Jahr ihrer Gründung die Top-10-Liste an.

Luxemburg, auf der anderen Seite, sei zunächst einmal aus politischer Sicht interessant. Die Türkei brauche Länder in Europa, die ihren Beitritt unterstützen. In dieser Hinsicht seien die Beziehungen ausgesprochen gut, sagt Conzemius. Im besonderen könne der Finanzplatz für die Türkei interessant sein, darüber hinaus bestehe ebenfalls großes Potential in der Logistik. Luxemburg könne als Portal für den europäischen Markt eine wichtige Rolle spielen. Die Zusammenarbeit zwischen CFL cargo und Multimodal mit dem türkischen Unternehmen Mars Logistics und der Route Bettemburg-Triest-Istanbul, die eine Alternative zum Lastwagenverkehr anbieten, sei in diesem Sinne interessant. Und auch wenn der Tourismus bisher hauptsächlich in eine Richtung funktioniert habe, warum solle man nicht auch versuchen, türkische Touristen nach Luxemburg zu locken, sagt Conzemius.

EU-Beitritt: Positive Signale

Die Öffnung des Themenkapitels „Regionalpolitik“ nach drei Jahren der Stille um die Beitrittsverhandlungen zwischen der EU und der Türkei bewertet Arlette Conzemius positiv. Der anfängliche Enthusiasmus in der Türkei wurde bereits kurz nach Aufnahme der Beitrittsverhandlungen auf die Probe gestellt. Kritische Stimmen wurden laut und der Zypernkonflikt hatte eine Blockade von acht Beitrittskapiteln zur Folge. Von 35 Kapiteln konnte bisher nur eines, „Wissenschaft und Forschung“, provisorisch abgeschlossen werden. Im Kapitel „Regionalpolitik“ steht jetzt etwa eine Erleichterung der Einreisebedingungen für Türken in die EU zur Diskussion.

Auch die positive Hervorhebung von Reformen im diesjährigen Fortschrittsbericht der Türkei - trotz Bedenken gegenüber der Handhabung der „Gezi-Park“-Proteste im Sommer - haben Signalwirkung. „Es geht in die richtige Richtung“, sagt die Botschafterin abschließend, auch wenn sie betont: „Die Reformen werden nicht nur für die EU gemacht, sondern auch für die Menschen in der Türkei“.