LUXEMBURG
PATRICK VERSALL

Fotoausstellung „Bitter Oranges“ über afrikanische Saisonarbeiterin Kalabrien ab dem 3. Dezember in Neimënster

Knapp 1,50 Euro muss der Supermarktkunde heute für ein Kilo Orangen berappen, für Biofrüchte ein paar Cent mehr. Von diesem Geld sehen die afrikanischen Orangenpflücker auf den süditalienischen Plantagen wenig bis gar nichts. Wenige bis gar keine Informationen rücken ihrerseits die Großhändler und Plantagenbesitzer über die Arbeitsbedingungen auf den Orangenplantagen heraus, wo mehrheitlich Bootsflüchtlinge aus Afrika für einen Appel und ein Ei Zitrusfrüchte pflücken, ohne kranken- oder sozialversichert zu sein.

Fünf Arbeiter mit Kameras ausgestattet

Eine Fotoausstellung, die am 2. Dezember in der Abtei Neumünster ihre Vernissage feiert, nimmt das Schicksal der illegalen Saisonarbeiter unter die Lupe, die nach ihrer Ankunft auf Lampedusa von den italienischen Behörden auf das Festland gesetzt werden und dort mehr oder weniger ihrem eigenen Schicksal überlassen sind. Die Bilder sind das Ergebnis eines langfristigen Projekts, an dem seit Anfang 2012 Dr. Gilles Reckinger, Dr. Diana Reiners und Carole Reckinger arbeiten. Von letzterer stammt die Hälfte der Fotos, die Neimënster ab nächster Woche ausstellen wird. Alle anderen Bilder haben afrikanische Flüchtlinge selber vor Ort in einem Zeltlager in der Nähe der kalabrischen Stadt Rosarno fotografiert. „Wir hatten fünf Bewohner mit einfachen, preiswerten Kameras ausgestattet und sie darum gebeten, ihren Alltag festzuhalten“, erzählt Carole Reckinger. Der künstlerische Aspekt der Bilder ist zweitrangig, in erster Linie sollen die Fotos Licht in eine dunkle Ecke des modernen Europas bringen.

Reckinger interessiert sich seit längerem schon für Themen, zu denen sich wenige Informationen finden lassen. Dies verleitet sie dazu, sich selber an Orte zu begeben, um Informationen zu sammeln. Sie habe in den zwei Jahren relativ wenig Bilder gemacht, erklärt die Luxemburgerin und ergänzt, dass sie und ihre beiden Kollegen stets mit offenen Karten gespielt und den Flüchtlingen nie leere Versprechungen gemacht hätten. „Oft werden sie von Journalisten ausgebeutet“, so die Aussage der Entwicklungshelferin und Fotografin.

Zeltstadt mit Slum

In Süditalien besuchten Reckinger und ihre Kollegen die Wohnorte der Flüchtlinge, um ihr Schicksal zu dokumentieren. Wobei der Begriff „Wohnort“ in diesem Kontext sehr weit gedehnt wird. Die vorwiegend männlichen Afrikaner leben seit 2010 in Plastikzelten; diejenigen, für die in der Flüchtlingsstadt kein Platz mehr ist, vegetieren in selbstkonstruierten Unterkünften dahin, die um die Zeltstadt herum errichtet wurden. „Es hat sich ein richtiger Slum um die Zelte herum entwickelt“, präzisiert Reckinger und ergänzt, dass schon mancher Flüchtling im Winter erfroren sei. Reckinger hat ausschließlich in den Unterkünften Bilder geknipst, Fotos von den Plantagen sind in der Ausstellung keine zu sehen.

Die Fotografin berichtet von leichten und schweren Arbeitsunfällen auf den Plantagen, wo die Verletzten anschließend von Mitbewohnern gesund gepflegt werden mussten, weil die medizinische Versorgung der Flüchtlinge lange Zeit gleich null war „Erst seit kurzem besucht eine italienische ONG die Flüchtlinge einmal pro Woche, um sie medizinisch zu betreuen“, erzählt die Luxemburgerin weiter.

Mit ihrem Gehalt sind die Arbeiter bestenfalls in der Lage, sich jeden Tag etwas zum Essen zu kaufen. Aufgrund des Überschusses an billigen Arbeitskräften bleiben viele bei der Arbeitssuche auf der Strecke. „Wer Glück hat, ergattert einmal in der Woche einen Job auf einer Plantage“, erklärt Reckinger. Der Tageslohn - 25 Euro -müsse dann für sieben Tage reichen. Diejenigen, die bei der Arbeitssuche leer ausgehen, sind auf die Solidarität ihrer Mitbewohner und Kollegen angewiesen. Kritisch für alle Arbeitskräfte ist die Zeit zwischen März und Oktober, wenn weder Orangen, Tomaten oder andere Früchte und Gemüsesorten geerntet werden, und keine Erntehelfer gebraucht werden. Nur wenige würden dann Gelegenheitsjobs als Gartenpfleger annehmen, berichtet Reckinger.

Die einzelnen Reisen nach Italien haben Reckinger und ihre beiden Projektpartner alle bis auf eine aus der eignen Tasche bezahlt. Eine italienische Reise finanzierte das Ministerium für Kultur.


Alle Informationen zu dem Projekt finden Sie auf bitter-oranges.com